Wohin geht es jetzt?
El Arenal - Megapark
Ich stehe ein letztes Mal vor dem Spiegel im Flur der Finca und prüfe den Look. Die weiße Leinenhose sitzt gut. Der Schlitz verläuft außen am Oberschenkel und öffnet sich bei Bewegung nur dezent. Das smaragdgrüne Crop-Top liegt eng, der Bauch ist frei, die silberne Fußkette liegt um meinen Knöchel. Alles bewusst gewählt, alles eher zurückhaltend im Vergleich zu dem, was ich auf den Fotos vom Megapark gesehen habe.
Ich greife zu meiner kleinen, beigen Umhängetasche, prüfe, ob Handy, Karte, Bargeld, Lippenstift und die Powerbank für später drin sind, und verlasse die Finca. Die Mittagshitze schlägt mir sofort entgegen. Die Sonne steht hoch, die Luft flimmert leicht über dem Kies der Auffahrt
Ich bestelle auf meinem IPhone ein Uber, nachdem ich zunächst darüber nachgedacht habe ein normales Taxi zu bestellen. In der Uber App werden mir aber einige Fahrzeufe in meiner Nähe angezeigt und so werde ich vermutlich weniger lang warten müssen. Nach wenigen Minuten biegt ein weißer Seat die Auffahrt hinauf. Der Fahrer ist Anfang vierzig, sportlich, mit kurzen dunklen Haaren und einer entspannten Ausstrahlung. Als er aussteigt und mir die Tür öffnet, mustert er mich kurz – höflich, aber nicht aufdringlich.
„Hola. Zum Megapark, richtig?“
„Ja. Bitte.“
Ich steige ein. Der Ledersitz ist kühl vom Klima. Als ich mich zurechtsetze, spüre ich wie sich eine Gänsehaut auf meinen Armen bildet. Der Fahrer wirft einen kurzen Blick in den Rückspiegel, sagt aber nichts. Er startet einfach.
Die Fahrt führt zuerst über enge Landstraßen, dann auf die Autobahn Richtung Küste. Ich schaue aus dem Fenster und spüre die leichte Vibration des Wagens und lausche der spanischen Musik im Radio. Das macht einfach gute Laune!
Nach etwa fünfundzwanzig Minuten erreichen wir El Arenal. Die Straßen werden voller, die Häuser bunter, die Gehwege dichter. Der Fahrer hält in der Carrer del Llaüt, nur wenige Meter vom Eingangsbereich des Megaparks entfernt.
„Das wären dann zwanzig Euro“, sagt er.
Ich zahle mit Karte, bedanke mich und steige aus.
Der Eingangsbereich des Megaparks liegt direkt vor mir. Es ist kein eleganter Empfang, kein stilvoller Vorplatz. Es ist laut, breit und überwältigend. Große, bunte Schilder, Fahnen, aufblasbare Werbeelemente und Musik, die aus mehreren Richtungen gleichzeitig kommt. Links und rechts reihen sich Bars und offene Außenbereiche aneinander. Überall stehen Stehtische, Biertische, große Schirme und Menschen. Die Luft riecht nach Sonnencreme, gegrilltem Fleisch, verschüttetem Bier und süßen Mixgetränken. Die Sonne brennt, der Boden ist heiß, und überall wird Deutsch gesprochen. Kaum Spanisch. Fast nur Deutsche.
Die Kleidung ist genau so, wie ich es erwartet habe: Trikots deutscher Vereine, bedruckte Megapark-T-Shirts, knappe Hotpants, Leggings-Shorts, Badehosen, Boardshorts. Der klassische Malle-Style. Unkompliziert, laut, körperbetont. Mein eigener Look sticht dagegen ab. Die weiße Leinenhose mit dem dezenten Schlitz außen am Oberschenkel, das smaragdgrüne Crop-Top, die schlichten Sandalen und der reduzierte silberne Schmuck wirken plötzlich fast schon zu ruhig, zu überlegt. Fast ein bisschen zu schick für diesen Ort.
Ich spüre Blicke, während ich langsam zwischen den Gruppen hindurchgehe. Einige Mädchen mustern mich und tuscheln. Ich kann den Inhalt nicht verstehen, aber den Tonfall schon. Ein kurzes Lachen. Ein Blick von oben bis unten. Die alte Unsicherheit meldet sich: Zu clean. Zu gepflegt. Vielleicht gehöre ich hier nicht hin.
Gleichzeitig merke ich die anderen Blicke. Die männlichen. Die bleiben länger hängen. Nicht primär an der Kleidung, sondern an mir. An meinem Gesicht, an meiner Figur, an der Art, wie ich gehe. Es ist mir ein bisschen unangenehm, weil ich selbst nicht das Gefühl habe, besonders herausragend auszusehen. Aber die Reaktionen sind eindeutig.
Ich steure auf eine der großen Außenbars zu, die direkt am Rand des offenen Bereichs liegt. Die Theke ist lang, aus Holz, mit vielen Zapfhähnen und einem großen Angebot an Säulen und Krügen. Ich bestelle mir erst einmal ein großes Vodka Lemon im normalen Glas – nichts Auffälliges – und lehne mich seitlich an die Theke. Das Getränk ist kalt, süß und stark. Ich trinke langsam und beobachte.
Nach ein paar Minuten sprechen mich zwei Mädchen an. Die eine trägt ein knappes pinkes Kleid, die andere einen weißen Minirock und ein schwarzes Crop-Top. Beide wirken offen und unkompliziert.
„Hey“, sagt die im pinken Kleid. „Du stehst hier schon eine Weile allein. Alles gut?“
„Ja. Ich schaue mich nur um. Erstes Mal hier.“
„Dachte ich mir. Bin Lena. Das ist Marie.“ Marie lächelt mir zu. „Du fällst ein bisschen auf. Positiv. Die meisten sehen hier irgendwie gleich aus.“
Wir kommen ins Gespräch. Ich erzähle, dass ich allein auf der Insel bin, dass ich eigentlich nur schauen wollte, wie es hier ist. Lena und Marie kommen aus Nordrhein-Westfalen, sind zu dritt angereist, die dritte ist gerade auf dem Klo. Sie sind seit drei Tagen hier und kennen den Ablauf bereits. Wir reden über die Lautstärke, über die Preise, über die typischen Gruppen. Ich passe auf, was ich sage. Als Lena erwähnt, dass die Säulen ganz schön ins Geld gehen können, zucke ich nur mit den Schultern und sage etwas Unverbindliches wie „Ja, man muss ein bisschen aufpassen“. Ich erzähle nicht, dass das für mich kein echtes Problem wäre. Ich erzähle nicht von Sylt, nicht von den Eltern, nicht davon, dass Champagner dort teurer war als eine Säule hier. Ich halte das bewusst zurück. Ob es gelingt, weiß ich nicht genau. Lena schaut mich manchmal etwas länger an, als würde sie etwas vermuten, aber sie fragt nicht nach.
Wir stehen inzwischen zu dritt an der Theke und quatschen einfach drauf los. Wir sprechen über Sport, Musik und unsere Jobs, bzw. bei mir die Schule. Marie bestellt eine Runde kleine Sangrias. Ich behalte mein Vodka Lemon. Die Atmosphäre ist locker. Zum ersten Mal an diesem Tag fühle ich mich nicht komplett allein.
Es ist später, als wir schon eine Weile reden und lachen, als eine neue, große Gruppe auftaucht. Ich schätze etwa achtzehn Männer, die meisten zwischen Anfang zwanzig und Ende dreißig. Alle in ähnlichen Trikots, einige mit Vereinsnamen, andere mit bedruckten Spitznamen. Eine Fußballmannschaft aus Deutschland. Und sie sind bereits stark betrunken. Laut, lachend, mit Bierkrügen und großen Bechern. Einer von ihnen entdeckt mich, stößt den Nebenmann an und zeigt ganz unverhohlen herüber. Innerhalb von Sekunden haben mich mehrere im Blick.
Sie kommen näher.
Der Vorderste – Mitte zwanzig, breitschultrig, schon deutlich angetrunken – grinst und bleibt direkt vor mir stehen.
„Du, wir brauchen dringend jemand Hübsches an unserem Tisch. Die Optik stimmt bei uns sonst nicht“ Sein Blick wandert von meinen Schuhen meine Beine hinauf über meinen Bauch hin in mein Gesicht. Er grinst mit glasigen Augen: „Komm zu uns an den Tisch. Wir haben genug zu trinken und noch mehr Platz.“
Hinter ihm wird gelacht, gepfiffen, kommentiert. Die Gruppe ist laut und enthemmt. Mehrere stehen jetzt um uns herum, der Abstand wird zu gering. Lena reagiert sofort.
„Sie gehört zu uns“, sagt sie klar und fest. „Und sie hat gerade keinen Bock auf eine betrunkene Fußballmannschaft.“
Der Typ hebt abwehrend die Hände, grinst aber weiter. „Ich habe doch nur freundlich gefragt. Kann man ja mal versuchen.“ Er mustert mich ein letztes Mal, pfeift leise und dreht mit seiner Truppe ab. Noch beim Weggehen höre ich einzelne Bemerkungen und wie er ausgelacht wird.
Lena schüttelt den Kopf. „Die übliche Sorte. Besonders schlimm, wenn die schon am Nachmittag so weit sind.“
Marie schaut mich an. „Er hat aber recht. Jana, du steht echt guuuut aus.“
Ich werde leicht rot und weiß nichts Genaues darauf zu sagen. Stattdessen nutze ich den Moment, um mich zu bedanken.
„Lasst mich euch etwas ausgeben.“
Ich bestelle eine Säule Vodka Lemon. Die große. Lena und Marie starren mich an.
„Das ist viel zu teuer“, sagt Lena sofort. „Ernsthaft, das musst du nicht machen.“
„Doch“, antworte ich und zucke mit den Schultern, so lässig wie möglich. „Ist schon okay.“
Ich spüre, wie ich dabei leicht rot werde. Nicht wegen des Geldes an sich, sondern weil ich genau weiß, dass ich gerade dabei bin, etwas zu verbergen. Für mich ist der Betrag kein Drama. Für die beiden offenbar schon. Ich lächle, schiebe die Säule zu ihnen und hoffe, dass meine Reaktion nicht zu auffällig war. Ob es gelungen ist, kann ich nicht sicher sagen. Lena schaut mich noch einen Moment länger an, dann grinst sie und greift zum Hahn.
„Na gut. Dann prost. Und danke.“
Wir stoßen an. Die Säule ist groß, das Getränk kalt und stark. Die Musik dröhnt, die Fußballer sind irgendwo im Hintergrund noch zu hören, und ich stehe mit zwei Mädchen, die ich vor einer Stunde nicht kannte, an einer Bar im Megapark.
Zum ersten Mal an diesem Tag fühlt es sich an, als könnte ich hier tatsächlich eine Weile bleiben.
Bleibe ich bei den Mädels?
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