Ist es das was er sucht?
Einen Versuch ist es wert
„Was habe ich eigentlich zu verlieren?“, fragte er sich und tippte mit einer Mischung aus Zögerlichkeit und plötzlicher Entschlossenheit seine Antwort. Er schrieb, dass er Student sei, dass er gerne im Hintergrund arbeite und dass ihm Diskretion eine Herzensangelegenheit sei – was in seinem Fall eigentlich nur bedeutete, dass er nicht gerne Aufmerksamkeit auf sich zog. Er schickte die E-Mail ab, lehnte sich zurück und atmete tief ein, während sein Herz in einem kleinen, nervösen Rhythmus gegen seine Rippen klopfte.
Dann warf er einen letzten Blick auf den Bildschirm, um die gesendete Nachricht im Ordner zu prüfen. Sein Blick blieb an der Grußformel hängen. In der Eile, in diesem einen Moment des impulsiven Klickens, waren seine Finger über die Tastatur geglitten und die Autokorrektur hatte ihn betrogen. *„Mit freundlichen Grüßen, Julia“*. Er starrte die Endung an, als wäre sie ein fremdes Lebewesen. Er hatte seinen Namen so oft in verschiedenen Kontexten getippt, dass ein einfacher Tippfehler ihn nun in eine völlig andere Identität katapultiert hatte.
„Die Antwort kam schneller, als Julius es für vernünftig hielt.“ Er starrte auf den Bildschirm, auf dem eine neue Benachrichtigung aufblinkte. Die Betreffzeile war kurz und präzise: *Einladung zum Kennenlernen / Probearbeiten*. In der ersten Zeile des Textes stand, fast schon mit einer sanften Bestimmtheit: *„Liebe Julia, Ihr Profil klingt genau nach dem, was wir suchen.“* Julius las den Satz dreimal. Das „Liebe“ fühlte sich in diesem Moment an wie eine kleine Falle, die er höchstselbst gestellt hatte, und das „Julia“ war nun ein Fakt, der auf dem Bildschirm thronte. Er sah an sich herunter – sein zu großes T-Shirt, die schmalen Schultern, die zitternden Finger – und überlegte kurz, ob er einfach die Wahrheit schreiben sollte. Aber die Vorstellung, zu erklären, dass er eigentlich Julius heiße und nur ein Tippfehler in der Grußformel die Verwechslung ausgelöst hatte, klang irgendwie kläglich. Es wäre ein Geständnis, das er sich in seiner aktuellen finanziellen Lage schlichtweg nicht leisten konnte.
Er wusste, dass er riskieren würde einen schlechten ersten Eindruck zu hinterlassen, doch die Aussicht auf eine „überdurchschnittliche Bezahlung“ wog schwerer als die Angst vor einer peinlichen Enthüllung. Er wollte nicht als der tollpatschige Student erscheinen, der seine eigenen Namen nicht richtig tippen konnte; er wollte jemand sein, der die Erwartungen übertraf, noch bevor er den Raum betreten hatte.
Mit einer plötzlichen Energie, die er seit Wochen nicht mehr gespürt hatte, sprang er von der Matratze. Die Dusche wurde zu seinem persönlichen Reinigungsritual, in dem er den Stress der letzten Prüfungsphase und den Geruch von billigem Instant-Kaffee einfach wegschrubbte. Er verbrachte ungewöhnlich viel Zeit vor dem Badezimmerspiegel, bewaffnet mit dem Rasierschaum, den er normalerweise nur alle zwei Wochen anrührte. Mit präzisen Bewegungen glättete er die Konturen seines Gesichts, bis seine Haut so eben und glatt war, dass er sich fast selbst fremd vorkam. Er sah nicht aus wie ein Draufgänger, aber er sah gepflegt aus – diskret, wie gefordert.
Die Stunden bis zum abendlichen Probearbeiten vergingen in einem Zustand zwischen nervöser Aufregung und einer fast meditativen Ruhe. Er wählte sein Outfit mit Bedacht: eine schmale, schwarze Stoffhose und ein schlichtes, dunkelgrünes Hemd, das seine schmale Statur eher unterstrich als kaschierte. Während er seine Schuhe schnürte, ging er im Kopf die möglichen Szenarien durch. Was genau war dieser „Service“? Die diskrete Art der Anzeige deutete auf etwas Privates hin, vielleicht ein exklusiver Club oder eine private Lounge für Leute, die nicht in den Tageszeitungen auftauchen wollten.
Die U-Bahn-Linie 12 ist ein Ort, an dem Träume sterben und man stattdessen nur den Geruch von altem Fett und feuchtem Beton mitnimmt, dachte Julius, während er aus der Station stieg. Er befand sich nun am anderen Ende der Stadt, in einem Viertel, in dem die Fassaden der Gebäude wie müde Gesichter wirkten und die Straßen so eng waren, dass die Häuser fast einander die Hand zu geben schienen. Hier war nichts mehr von der sterilen Modernität des Campus; die Schilder waren verblasst, und die Luft schmeckte nach einer Mischung aus Hafenwind und billigem Parfüm. Er drehte zweimal falsch ab, hielt seine Handykarte wie einen Kompass vor das Gesicht und spürte, wie die Feuchtigkeit der Abendluft an seinem Nacken klebte.
Das Ziel war ein Gebäude, das man glatt übersehen hätte, wenn man nicht direkt darauf starrte. Es gab kein neonfarbenes Schild, keine blinkenden Lichter, nur eine schlichte, dunkelbraune Holztür mit einer kleinen, messingfarbenen Glocke darüber. Über der Tür hing ein Schild, das so schlicht war, dass es fast schon arrogant wirkte: „L'Éclipse“. Julius strich sich nervös über das grüne Hemd und atmete tief ein. Es sah aus wie ein Antiquitätenladen oder vielleicht eine sehr exklusive Buchhandlung für Leute, die keine Bücher mochten, aber gerne so taten, als hätten sie welche gelesen.
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