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Die akademische Schonfrist

Das Abendessen endete so bürgerlich und steril, wie es begonnen hatte. Mein Vater tupfte sich die Lippen mit der gestärkten Leinenserviette ab, schob den Stuhl zurück und erhob sich mit einem zufriedenen Seufzen.

„Ein rundum gelungener Abend, meine Lieben“, verkündete Richard und klopfte mir im Vorbeigehen noch einmal jovial auf die Schulter. „Ich muss noch zwei Gutachten für morgen früh gegenlesen. Arbeitet fleißig weiter, Kinder. John, behalt diesen aufrechten Gang bei. Man sieht dir an, dass du deinen Weg machst.“

„Gute Nacht, Vater“, brachte ich hervor und senkte den Kopf. Unter dem Bund meiner feinen Wollhose brannte das Metall wie ein glühendes Brandeisen gegen mein geschrumpftes Fleisch.

Kaum war die schwere Flügeltür zu seinem Arbeitszimmer ins Schloss gefallen, fiel die bürgerliche Maskerade von den Gesichtern der Frauen ab. Vanessa lehnte sich zurück, musterte mich mit kühler, unnahbarer Zufriedenheit und strich mit einer einzigen Handbewegung die Geldscheine zusammen, die Richard auf dem Tisch hinterlassen hatte. Sie schob den gesamten Stapel – die vollen tausend Euro – mit einer geschmeidigen Bewegung zu Loona hinüber.

Loona fing die Scheine auf, faltete sie mit einem leisen Knistern zusammen und ließ sie in ihrer Handtasche verschwinden, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen.

„Wir fahren, Mama“, sagte Loona leise, küsste Vanessa auf die Wange und wandte sich zur Garderobe. „Ich habe morgen früh einiges zu organisieren.“

Die Schwingtür zur Küche war einen Spaltbreit geöffnet. Als ich hinter Loona her in den Flur trat, sah ich Arissa an der Spüle stehen. Sie hielt einen Porzellanteller in den Händen, drehte den Kopf langsam zu mir um und schenkte mir jenes eiskalte, amüsierte Lächeln, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Mit zwei Fingern tippte sie sich beiläufig an die Lippen – dieselben Lippen, deren Speichel ich eben noch vor den Augen meines Vaters ausgetrunken hatte. Ich senkte den Blick und schlüpfte mit zitternden Händen in meinen Mantel.

Die Fahrt durch das nächtliche Berlin war von einer trügerischen Stille erfüllt. Loona lenkte den Wagen mit einer Hand lässig durch die Straßen, während das gedämpfte Licht der Straßenlaternen über ihr Gesicht glitt. Ich saß starr auf dem Beifahrersitz. Das Sitzen auf dem engen Autositz war eine eigene Qual: Der stählerne Zylinder bohrte sich bei jeder Bremsung in mein Schambein, während die burgunderrote Spitze feucht und scheuernd an meiner Haut klebte. Doch nach all den Erniedrigungen des Wochenendes – dem Schrubben vor Arissa, den Küssen auf ihren nackten Füßen, dem stummen Schlucken am Familientisch – lag eine seltsame, bleierne Ergebung in mir. Mein ganzer Körper pulsierte in einem Zustand fiebriger Wachheit, genau wie Loona es im Badezimmer vorhergesagt hatte.

Erst als wir die Wohnungstür unserer gemeinsamen WG aufschlossen und die Vertrautheit des Altbauflurs uns empfing, brach Loona das Schweigen.

Sie streifte ihre Jacke ab, warf die Handtasche mit Richards Scheinen achtlos auf die Kommode und drehte sich zu mir um. Ihr Blick war weich, beinahe zärtlich, doch der Glanz in ihren Augen verriet den absoluten Besitzanspruch, mit dem sie über mein Dasein herrschte.

„Du hast dich wirklich wundersam geschlagen, John“, flüsterte sie, trat an mich heran und legte ihre kühlen Hände an meine Wangen. Sie strich mir mit den Daumen über die Lippen, als wollte sie den Geschmack des Tees und die Schmach des Abends ein für alle Mal versiegeln. „Mama war begeistert. Und Richard schläft heute Nacht mit dem Gefühl ein, den bravsten, diszipliniertesten Sohn der Welt großzuziehen.“

„Ich… ich habe getan, was du wolltest“, hauchte ich heiser.

„Ich weiß, mein Guter. Und ich vergesse nicht, was ich dir versprochen habe.“ Sie neigte den Kopf, trat noch einen Schritt näher, sodass ich ihren vertrauten, warmen Duft einatmete. Ihre Hand glitt an meiner Brust hinab, fuhr über meinen Pullover und blieb mit sanftem Druck genau über der stählernen Wölbung meines Schritts liegen. Sie strich mit einem Finger über das verborgene Metall, spürte das Spiel des Zylinders und lächelte wissend. „Aber du musst noch ein kleines bisschen durchhalten. Denn das nächste Wochenende… das wird deine ganz große Meisterprüfung.“

Ich sah sie verwirrt an, während mein Herz einen unruhigen Schlag tat. „Was meinst du?“

Loonas Lächeln vertiefte sich zu einem verschmitzten, gefährlichen Schmunzeln.

„Timo hat mir vorhin geschrieben, als wir noch im Auto saßen. Er hat am Freitag keine Vorlesungen und nimmt den ersten ICE aus seiner Universitätsstadt hierher nach Berlin. Er bleibt das ganze Wochenende bei uns in der WG.“

Ein eisiger Kloß bildete sich in meiner Kehle. Timo. Mein bester Freund seit der Schulzeit, der künftige Jurist. Der Einzige, der mich für einen unantastbaren, souveränen Medizinstudenten hielt, für den coolen Mitbewohner und seinen unerschütterlichen Wingman.

„Er freut sich schon riesig auf seinen Bro“, säuselte Loona und strich mit einer Fingerspitze über den feinen Wollstoff meiner Hose. „Er will mit dir um die Häuser ziehen, trinken, über Frauen quatschen… eben all das, was zwei Kerle wie ihr so macht. Du wirst deine Rolle perfekt spielen, John. Du wirst der loyale, entspannte Kumpel sein, der seinem besten Freund das Bier reicht und die Tür aufhält. Er darf nicht die geringste Ahnung davon bekommen, was unter deinem Hosenlatz eingesperrt ist. Für Timo bist du der Herr dieses Hauses.“

Sie beugte sich vor und hauchte mir die Worte direkt an mein Ohr, während ihre Zähne sanft mein Ohrläppchen streiften:

„Und wenn du das schaffst… wenn du das ganze Wochenende mit ihm durchstehst, ohne die Fassade zu brechen, während er hier bei uns ist… dann bekommst du am Sonntagabend deine Belohnung. Dann darfst du endlich kommen, John. Eine einzige, gewaltige Welle, ganz für dich allein unter meinen Händen. Ich verspreche es dir.“

Ihr warmer Atem traf meine Haut, und in mir explodierte ein unerträgliches Chaos aus Panik vor der Begegnung mit meinem besten Freund und jener glühenden, unstillbaren Sucht nach ihrer Erlösung. Ich nickte willenlos, die Augen fest geschlossen, vollkommen in ihrem Netz gefangen.

Die Tage zwischen dem Schöneberger Wochenende und dem herannahenden Freitag vergingen in einer eigentümlichen, fast betäubenden Routine. Berlin zeigte sich von seiner nasskalten Herbstseite, und zum ersten Mal seit Wochen war ich dankbar für das schwere Tuch meiner Alltagsgarderobe. Unter den weiten Wollhosen und den dicken Baumwollmänteln ließ sich das stählerne Geheimnis verbergen, das mich mit jedem Schritt auf den nassen Gehsteigen begleitete.

An der Charité fand ich eine Zuflucht, die ich bitter nötig hatte. Wenn ich die massiven Portale des Campus Mitte durchschritt, streifte ich für ein paar Stunden die Rolle der Magd ab. Hier war ich wieder der Student im ersten Semester: ein unauffälliger Kopf unter Hunderten, verloren in den steilen Sitzreihen der historischen Hörsäle, wo der Geruch von Papier, feuchter Wolle und Desinfektionsmittel in der Luft hing.

Und es gab Mira.

Mira war der lebende Gegenentwurf zu der vergifteten, intriganten Welt, die mich zu Hause und in Emmas Dunstkreis umgab. Während Emma und ihre elitäre Clique von vermögenden Notars- und Chefarztkindern sich mehr über Status, Garderobe und Partys definierten, saß Mira stets in der zweiten Reihe, die dunklen Haare praktisch zusammengebunden, eine randlose Brille auf der Nase und drei verschiedenfarbige Textmarker griffbereit. Sie war keine Schönheit, die einen Raum mit hochmütiger Kälte beherrschte wie Vanessa oder mit verspielter Grausamkeit wie Loona. Mira war schlicht, uneitel, brillant und von einem unerschütterlichen Ehrgeiz getrieben. Ihr Ziel war kein bürgerliches Aushängeschild, sondern das glatte Einser-Physikum.

Dass wir zusammenfanden, war dem Zufall der Seminarplatzzuteilung in mikroskopischer Anatomie geschuldet – und für mich ein unschätzbares Geschenk. Da sie sich bewusst von Emmas herablassender Mädelsgruppe fernhielt, war unser Umgang vollkommen unbelastet von den Demütigungen der Vergangenheit.

„John, konzentrier dich“, riss mich ihre helle, sachliche Stimme am Mittwochvormittag aus den Gedanken.

Wir saßen nebeneinander an den langen Eichentischen der Fachbereichsbibliothek. Zwischen uns türmten sich der dicke *Benninghoff* und handschriftliche Exzerpte über das autonome Nervensystem. Mira tippte mit der Kappe ihres Kugelschreibers auf eine mikroskopische Zeichnung.

„Wenn du die sympathische Innervation des Beckens in der mündlichen Testierung so verharmlost, lässt Professor Voss dich durchfallen“, sagte sie ohne jede Häme, nur mit konstruktiver Strenge. „Also noch einmal: Welche Fasern steuern die Vasokonstriktion im Urogenitaltrakt?“

Ich schluckte schwer. Mein Blick haftete auf der schematischen Darstellung des Plexus hypogastricus. Unter der Tischkante saß ich kerzengerade auf dem harten Holzstuhl. Der stählerne Zylinder, der mein geschrumpftes Glied unerbittlich umschloss, bohrte sich bei jeder falschen Bewegung in mein Schambein. Die Vorstellung, dass Mira – so klug, fleißig und ahnungslos – gerade anatomische Schemata über genau jene Nervenbahnen abfragte, die tief in meiner versiegelten Scham vor ungestillter Hitze pulsierten, war eine ganz eigene, leise Folter.

„Postganglionäre Fasern aus den Grenzstrangganglien L1 und L2“, antwortete ich heiser. „Sie… sie vermitteln den Gefäßtonus und hemmen die Schwellkörperaktivität.“

Mira hob den Blick, sah mich prüfend über den Brillenrand an und nickte zufrieden. „Na siehst du. Geht doch. Du bist diese Woche wirklich erstaunlich diszipliniert, John. Am Anfang des Semesters hast du noch ständig aufs Handy gestarrt oder im Vorlesungssaal geschlafen. Der Fleiß steht dir gut.“

„Danke, Mira“, erwiderte ich, und zum ersten Mal seit Tagen war mein Lächeln nicht vollkommen maskenhaft. Es tat unendlich gut, von einer fähigen, ehrgeizigen Frau einfach nur für den Verstand geschätzt zu werden – ohne dass irgendwo ein Spitzenstring schnitt oder ein Vorhängeschloss klirrte. Sie erinnerte mich daran, dass tief unter dem Zwang noch immer der Student existierte, der diesen Beruf aus eigener Kraft ergreifen wollte.

Gleichzeitig forderte der Alltag seinen Tribut. In der WG war Loona nach der Rückkehr aus Schöneberg die perfekte, aufmerksame Mitbewohnerin. Sie kochte abends Tee, wusch wortlos meine Hemden und wechselte jeden Morgen mit ruhiger, fast fürsorglicher Routine die sterile Kompresse um meinen Schaft. Kein Wort fiel über Arissa, kein Hohn über den getrunkenen Speichel. Doch diese mütterliche, besitzergreifende Milde machte mich nur noch abhängiger: Sie hielt die ständige Verheißung vor mir aufrecht, dass meine Erlösung nahte, solange ich spurte. Mein ganzer Körper stand unter Strom, gehalten von jener glühenden Frustration, die mir Loona als Schutz vor Scham eingeredet hatte.

Am Freitagnachmittag schließlich brach die Universitätswoche ab.

Die letzte Vorlesung in Physiologie war vorüber, die Hallen leerte sich rasch, als die Studenten ins Wochenende strömten. Ich verabschiedete mich von Mira am Ausgang der Charité. Sie schulterte ihren schweren Rucksack, zog den Reißverschluss ihrer wetterfesten Funktionsjacke hoch und lächelte mir ermutigend zu.

„Montag früh wieder um acht in der Bib, John?“, fragte sie. „Wir müssen die Histologie der Niere durchkriegen, bevor die Mikroskopier-Klausur ansteht.“

„Punkt acht, Mira. Ich bin da“, versprach ich.

Ich sah ihr hinterher, wie sie zügigen Schrittes in Richtung U-Bahn-Station davonlief – eine junge Frau mit klaren Zielen, unberührt von Schande und Unterwerfung.

Als ich mich umwandte und meinen eigenen Weg zur gemeinsamen WG antrat, vibrierte mein Telefon in der Manteltasche. Es war eine Nachricht von Loona:

*„Timo ist gerade am Hauptbahnhof in die Tram gestiegen. Er ist in zwanzig Minuten da. Bier steht kalt. Zieh etwas lockeres an, kleiner Bruder. Lass deinen besten Freund nicht warten.“*

Mein Herz schlug mir mit einem Mal bis zum Hals. Die akademische Schonfrist war vorbei. Ich beschleunigte meine Schritte, spürte das schwere Klacken des Schlosses unter meiner Hose und wusste, dass die größte Zerreißprobe meines bürgerlichen Lebens unmittelbar bevorstand.

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