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Chapter 9
by
Hammersbald
Lena Weiss
Die Person im Umhang
Der Regen in Berlin war kein sanfter Nieselregen. Er war eine kalte, aggressive Substanz, die sich durch jede Schicht Kleidung fraß und die Knochen mit einer feuchten, unausweichlichen Kälte erfüllte. Für Ferdinand Walters war er ein Verbündeter. Er war der Vorhang, hinter dem er sich verstecken konnte, der Geräusche verschluckte und die Welt in eine Serie von verschwommenen Lichtern und dunklen Schatten verwandelte. Er saß seit drei Stunden in seinem alten VW Passat, der Motor abgestellt, die Heizung nur ein schwaches Ächzen, während er auf das gegenüberliegende Gebäude starrte. Das Institut für Rechtsmedizin der Charité. Ein Ort, der nach Desinfektionsmittel und unausgesprochenen Geheimnissen roch.
Sein Ziel war Dr. Lena Weiss. Er hatte ihren Arbeitsplan bekommen, ihre Gewohnheiten studiert. Sie war pünktlich, präzise und lebte ein Leben, das so geordnet war wie die Reihen der Gläser in ihren Präparatschränken. Doch heute Abend war etwas anders. Sie hatte das Institut später als gewohnt verlassen, nicht in ihrem üblichen Laborkittel, sondern in einem langen, grauen Mantel, der sie fast unsichtbar im schummrigen Licht der Laterne machte. Sie ging nicht zum Bahnhof, wie sie es normalerweise tat. Sie ging in den Park.
Ferdinand war ausgestiegen, hatte sich in die Dunkelheit gedrückt, sein Körper eine einzige, angespannte Wache. Er folgte ihr in sicherem Abstand, seine Schritte waren leise, geübt auf dem nassen Pflaster. Er war ein Geist, ein Schatten, der einen anderen Schatten jagte. Der Park war eine Welt aus knorrigen Bäumen, deren Äste wie knöcherne Finger in den grauen Himmel griffen, und aus dunklen Hecken, die Geheimnisse bargen, die man lieber nicht entdeckte.
Lena Weiss blieb in der Nähe eines alten, vergessenen Pavillons stehen. Sie zog ihren Kragen hoch, ihr Atem war eine kleine, weiße Wolke in der Kälte. Sie wartete. Ferdinand versteckte sich hinter einer dichten Eibe, sein Herzschlag ein langsamer, rhythmischer Takt in seinem Ohr. Er spürte die alte, vertraute Mischung aus Adrenalin und der kalten, schweren Last des Verlustes, die ihn immer begleitete. Clara. Sophia. Die Namen waren wie ein Flüstern im Wind, ein ständiger Begleiter auf seinen Jagden.
Nach wenigen Minuten erschien die zweite Gestalt. Sie kam aus der Richtung des Teiches, und sie war eine Silhouette, eine Negativfigur gegen das schwache Licht der Laterne. Sie trug einen langen, schwarzen Umhang, der ihre Form verbarg und sie zu einer schwebenden, unheimlichen Erscheinung machte. Die Kapuze war tief ins Gesicht gezogen, so dass kein einziges Merkmal zu erkennen war. Es war wie eine Szene aus einem alten Film, eine Begegnung, die nicht stattfinden sollte.
Ferdinand zog seine kleine Kamera hervor, das Objektiv gedämpft, aber er wusste, dass die Bilder bei diesem Licht und in dieser Entfernung nutzlos sein würden. Er konnte nur zuschauen. Er konnte nur lauschen.
Die beiden Gestalt trafen sich. Es gab keinen Gruß, keine Umarmung. Sie standen nur da, zwei dunkle Punkte in der unendlichen Dunkelheit des Parks. Ferdinand spürte, wie die Nackenhaare sich ihm aufstellten. Dies war keine zufällige Begegnung. Dies war eine Konspiration.
Er musste näher heran. Er musste hören, was sie sagten. Er verließ sein Versteck, bewegte sich von Baum zu Baum, von Busch zu Busch, sein Körper eine fließende Bewegung, die er in Jahren der Arbeit perfektioniert hatte. Der Regen prasselte auf seinen Mantel, die Geräusche der Stadt waren ein fernes Rauschen. Er war allein mit ihnen und der Dunkelheit.
Er schlich sich an eine Hecke heran, nicht mehr als zwanzig Meter von ihnen entfernt. Er konnte ihre Stimmen jetzt hören, aber sie waren leise, gedämpft vom Regen und der Entfernung. Er konnte nur Wortfetzen verstehen, Bruchstücke eines Gesprächs, das mehr Fragen aufwarf als es beantwortete.
„…die Akte ist weg…“, das war die Stimme von Lena Weiss, scharf, nervös.
„…wird nicht gefunden werden…“, antwortete die andere Stimme. Es war eine tiefe, ruhige Stimme, eine Stimme, die Autorität ausstrahlte, eine Stimme, die er irgendwo kannte, aber nicht zuordnen konnte.
„…Thorne wird nervös…“, sagte Weiss.
„…lass ihn. Er ist ein Werkzeug. Ein nützlicher, aber dummer Werkzeug…“
Ferdinand hielt den Atem an. Thorne. Markus Thorne. Der Name hing wie eine dunkle Wolke über dem Gespräch. Er war involviert. Er war mehr als nur der Verlobte der Staatsanwältin. Er war ein Teil dieses Netzes aus Lügen und ****.
„…die Probe…“, flüsterte Weiss. „…die Probe aus der Leiche…“
„…ist vernichtet. Vergiss es. Es gibt nichts mehr. Nur das, was wir wollen, dass es gibt…“
Ferdinand spürte ein Kribbeln in seinem Nacken. Die Probe. Es ging um eine Probe aus einer Leiche. Eine Probe, die etwas bewies, etwas, das Arthur Struck das Leben gekostet hatte. Und sie hatten sie vernichtet. Sie hatten die Beweise beseitigt.
Er musste noch näher heran. Er musste mehr hören. Er kroch weiter, seine Knie schmerzten auf dem nassen, kalten Boden. Er war jetzt nur noch zehn Meter von ihnen entfernt. Er konnte ihre Umrisse klarer sehen, die Art, wie sie standen, wie sie sich bewegten. Und dann sah er es.
Die Person im Umhang bewegte sich leicht, als sie ungeduldig wurde. Der schwarze Stoff ihres Mantels öffnete sich für einen Moment und gab den Blick auf ihre Schuhe frei. Es waren keine gewöhnlichen Schuhe. Es waren Stiefel. Lederstiefel, glänzend und makellos, aber es war nicht das Material, das ihn faszinierte. Es war die Farbe. Sie waren von einem leuchtenden, fast unnatürlichen Rot. Ein scharlachrotes Rot, das im schwachen Licht der Laterne wie Blut leuchtete. Es war eine absurde, auffällige Farbe für einen geheimen Treffpunkt im Regen. Es war ein Detail, das nicht hierher gehörte. Ein Fehler in der Perfektion ihrer Konspiration.
Rote Stiefel. Das Bild brannte sich in Ferdinands Gehirn ein, ein leuchtender Punkt in der Dunkelheit. Er wusste nicht, wer diese Person war, aber er wusste, was sie anhatte. Und das war ein Anfang.
„…geh jetzt“, sagte die Person im Umhang. „Wir werden uns nicht wiedersehen. Vergiss mich.“
Damit drehte sie sich um und ging, ihre roten Stiefel machten kaum ein Geräusch auf dem nassen Weg, bevor sie in der Dunkelheit verschwanden. Lena Weiss blieb einen Moment allein stehen, dann zog sie ihren Kragen noch höher über ihr Gesicht und ging in die entgegengesetzte Richtung.
Ferdinand blieb zurück, versteckt in der Hecke, sein Körper zitterte vor Kälte und Aufregung. Er hatte nur Wortfetzen gehört, nur einen flüchtigen Blick erhascht. Aber er hatte genug. Er hatte einen Namen. Er hatte eine Spur. Und er hatte das Bild von roten Stiefeln, das in seinem Kopf brannte wie ein Feuer, das er nicht löschen konnte. Das Spiel hatte gerade begonnen.
Die roten Stiefel. Sie brannten sich wie ein glühendes Brandmal in Ferdinand Walters' Wahrnehmung. Er vergaß den Regen, die Kälte, die schmerzenden Knie. Alles, was zählte, war diese flüchtige, unmögliche Farbe, die sich durch die Dunkelheit des Parks bewegte. Er war ein Jäger, und er hatte die Spur aufgenommen. Er folgte ihr, nicht mehr mit der vorsichtigen Geduld eines Beobachters, sondern mit der blinden, instinktiven Jagd eines Mannes, der wusste, dass er am Rande einer entscheidenden Entdeckung stand.
Die Gestalt im Umhang bewegte sich schnell, ihre Schritte waren zielgerichtet und sicher. Sie mied die beleuchteten Wege, schlängelte sich durch das Dickicht der Bäume, als kenne sie jeden Winkel, jeden Schatten dieses nächtlichen Labyrinths. Ferdinand folgte, sein Atem kam in kurzen, heißen Stößen, sein Herz hämmerte gegen seine Rippen. Er war nur noch wenige Meter hinter ihr, ein Schatten, der einen anderen Schatten jagte.
Sie verließ den Park durch ein kleines, verrostetes Gatter, das auf einen stillen, von alten Fabrikgebäuden gesäumten Hinterhof führte. Hier war die Dunkelheit noch dichter, die Geräusche der Stadt nur ein fernes, gedämpftes Grollen. Die Person im Umhang blieb vor einer schweren, metallischen Feuerleiter stehen, die an die Backsteinwand eines alten Lagerhauses führte. Sie blickte sich kurz um, eine schnelle, prüfende Bewegung, dann begann sie, die Leiter hinaufzusteigen.
Ferdinand zögerte nicht. Er wartete, bis sie etwa zur Hälfte hinauf war, dann folgte er ihr. Die Metallstufen waren kalt und glitschig vom Regen, seine Finger fanden kaum Halt. Er stieg auf, seine Muskeln schrien vor Anstrengung, aber sein Verstand war klar, fokussiert auf das Ziel. Oben angekommen, führte ein schmaler Steg entlang der Fassade zu einer offenen Luke, die in das dunkle Innere des Gebäudes führte. Die Gestalt verschwand darin.
Ferdinand folgte ihr durch die Luke und landete in einem riesigen, leeren Raum. Es war eine alte Lagerhalle, deren Boden mit Staub und Schutt bedeckt war. Das einzige Licht kam von einem kleinen, vergitterten Fenster hoch oben an der Wand, das den schwachen Schein der Straßenlaterne hereinließ und lange, tanzende Schatten auf den Boden warf. Die Person im Umhang stand in der Mitte des Raumes, den Rücken zu ihm. Sie schien auf ihn zu warten.
„Du bist hartnäckig“, sagte sie. Ihre Stimme war nicht mehr das gedämpfte Flüstern aus dem Park. Sie war klar, ruhig und hatte eine seltsame, fast melodische Qualität.
Ferdinand blieb stehen, seine Hand wanderte instinktiv zu dem Griff seiner Waffe unter seinem Mantel. „Wer sind Sie? Was wollen Sie von Lena Weiss?“
Die Person lachte leise, ein helles, fast schon musikalisches Geräusch. Sie drehte sich langsam um, und als sie das tat, geschah etwas, das Ferdinand völlig aus dem Konzept brachte. Sie zog ihre Kapuze zurück.
Darunter war nicht das Gesicht einer alten Verschwörerin, nicht das harte, wettergegerbte Gesicht einer Kriminellen. Darunter war das Gesicht einer jungen Frau. Einer unfassbar heißen Brünette von Ende zwanzig. Ihr Haar war ein dunkler Wasserfall, der über ihre Schultern fiel und im schwachen Licht glänzte. Ihr Gesicht war ovale, mit hohen Wangenknochen, einer makellosen, hellen Haut und vollen Lippen, die in einem leichten, selbstsicheren Lächeln ruhten. Ihre Augen waren dunkel, so dunkel wie die Nacht, und sie blickten ihn mit einer Intensität an, die ihn gefangen nahm.
Sie trug keinen Umhang mehr. Darunter trug sie einen engen, schwarzen Lederbody, der ihre Figur wie eine zweite Haut umspannte. Und ihre Figur war atemberaubend. Ihre Taille war fein, ihre Hüften kurvig, und ihre Brüste waren voll und rund, eine perfekte Körbchengröße 75D, die im engen Leder fast schon übernatürlich wirkte. Sie war eine Verkörperung von Schönheit und Gefahr, eine Göttin des Krieges in einem modernen, perversen Outfit.
„Du bist…“, begann Ferdinand, aber er fand keine Worte. Die Situation war so absurd, so unerwartet, dass sein Verstand sich weigerte, sie zu verarbeiten.
„Ich bin diejenige, die dich hierher gelockt hat, Herr Walters“, sagte sie und machte einen Schritt auf ihn zu. Ihre roten Stiefel machten kein Geräusch auf dem staubigen Boden. „Du bist gut. Besser, als ich dachte. Aber du bist auch vorhersehbar. Du folgst jeder Spur, jedem Hinweis. Du bist ein Hund, der nach einem Knochen sucht, ohne zu merken, dass der Knochen vergiftet ist.“
Ferdinand spürte, wie eine Welle von Warnung durch ihn schoß. Dies war eine Falle. Er musste hier raus. Er drehte sich um, um zur Luke zu rennen, aber er war zu langsam.
Er spürte eine Bewegung neben sich, einen Hauch von Luft, und dann einen scharfen, präzisen Schlag an seinem Hals. Es war kein Schlag, es war eine Berührung, eine Berührung, die so schnell und so präzise war, dass er sie nicht einmal richtig sah. Ein stechender **** durchfuhr seinen Nacken, und dann spürte er, wie seine Glieder sich anfühlten, als wären sie aus Blei. Seine Knie gaben nach, sein Blick verschwamm, und die Welt um ihn herum drehte sich in einem Wirbel aus Dunkelheit und Schatten. Das Letzte, was er sah, war ihr Gesicht, das über ihm aufragte, ein perfektes, böses Lächeln auf ihren Lippen.
Als Ferdinand wieder zu sich kam, war das erste, was er spürte, ein stechender **** in seinem Nacken und ein dumpfes Pochen in seinem Kopf. Das zweite war ein Gefühl der Hilflosigkeit. Er konnte sich nicht bewegen. Er öffnete die Augen und blickte nach oben. Er war an die Decke gefesselt. Seine Hände waren über seinem Kopf mit schweren, eisernen Manschetten an einem alten, rostigen Träger befestigt. Sein Oberkörper war frei, die Kälte der Luft auf seiner Haut war ein unangenehmes, beklemmendes Gefühl. Seine Füße hingen frei in der Luft, seine Schuhe waren weg.
Er war in einem anderen Raum, kleiner als die Lagerhalle, aber genauso dunkel und verfallen. Es war ein altes Büro, mit einem umgestürzten Schrank und zerbrochenen Stühlen. Das einzige Licht kam von einer einzelnen, nackten Glühbirne, die von der Decke hing und ein kaltes, hartes Licht auf ihn warf.
Und sie war da. Sie saß auf einem alten Stuhl vor ihm, die Beine übereinander geschlagen, ihre roten Stiefel leuchteten im grellen Licht. Sie hatte eine Waffe in der Hand, eine elegante, schwarze Pistole, mit der sie gelangweilt auf ihren Oberschenkel klopfte.
„Schön, dass du wieder aufgewacht bist, Herr Walters“, sagte sie, ihre Stimme war immer noch ruhig, aber jetzt hatte sie eine scharfe, gefährliche Kante. „Ich habe mich gefragt, ob du überhaupt wieder aufwachen würdest. Dein Alter ist nicht mehr das, was es mal war.“
Ferdinand versuchte, sich zu bewegen, aber die Fesseln hielten ihn fest. Er war völlig ausgeliefert. „Wer sind Sie?“, fragte er, seine Stimme war rau und brüchig.
Sie lachte leise. „Ich bin diejenige, die die Fäden zieht, Herr Walters. Ich bin diejenige, die entscheidet, wer lebt und wer stirbt. Und du… du hast gerade deinen letzten Fehler gemacht.“
Sie stand auf und ging langsam auf ihn zu. Ihre Bewegungen waren anmutig, präzise, wie die einer Raubkatze. Sie blieb direkt unter ihm stehen, ihr Kopf war nur wenige Zentimeter von seinem entfernt. Er konnte ihren Duft riechen, eine Mischung aus teurem Parfüm und Leder und etwas anderem, etwas Kaltem, etwas Gefährlichem.
Der Raum.
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Eisige Gier
Teil I
Eine junge arrogante und Selbstverliebte Staatsanwältin hat viele erotische Abenteuer und kommt einer Verschwörung auf die Spur.
Updated on May 5, 2026
by Hammersbald
Created on Jan 5, 2026
by Hammersbald
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