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Chapter 2 by Hammersbald Hammersbald

Der Friedhof.

Die Gedanken.

Der Geruch von feuchter Erde und kaltem Stein war der einzige Duft, dem Katharina nicht entkommen konnte. Er roch nach Vergangenheit, nach Endgültigkeit. Sie stand auf dem Friedhof, vor dem schlichten, dunklen Grabmal ihrer Mutter, Fiona von Blaustein. Nur ein Name war in den Granit gemeißelt. Ihr Vater, Wolfgang, hatte kein Grab. Er war vor siebzehn Jahren bei einer Expedition in den Anden verschollen und offiziell für tot erklärt worden, ein leeres Ende, das keine Abschlussszene bot.

Hier, an diesem Ort der Stille, konnte sie die Maske für einen Moment ablegen. Nicht, dass sie weinte. **** war eine Schwäche, die sie sich nicht leistete. Aber hier konnte die unerbittliche Anspannung ihrer Schultern für einen Augenblick nachlassen, hier konnte der Atem, der sonst immer kontrolliert und flach war, ein wenig tiefer ziehen. Ihre Mutter hatte vor fünfzehn Jahren Selbstmord begangen, ein leises, endgültiges Verschwinden in einem Meer aus Depressionen, das Katharina nie hatte verstehen können. Sie und Peter, damals noch ein Kind, waren bei ihrem Onkel Andreas von Blaustein aufgewachsen, einem Mann, der die Lücke mit Strenge und Disziplin zu füllen versuchte. Er hatte ihr beigebracht, dass Schwäche das einzige unverzeihliche Verbrechen war, und dass Perfektion die beste Rüstung gegen den **** der Welt war. Ihr **** hatte sie nicht nur verlassen, er hatte sie auch geformt – zu der unantastbaren Version der von Blaustein-Legende, die sie heute war.

Doch heute fand sie keine Ruhe. Die Worte von Ferdinand Walters hallten in ihr nach, die Vorladung lag wie ein Bleigewicht in ihrer Handtasche. Die Vorstellung, dass Markus, ihr perfekter Markus, in diesen Schmutz verstrickt sein könnte, war ein Riss im Fundament. Und Walters war der Mann, der mit einem Brecheisen an diesem Riss arbeitete.

Ihr Blick schweifte über die graue, feuchte Landschaft des Friedhofs. Und dann sah sie ihn. Einige hundert Meter entfernt, stand er vor einem schlichten Grabstein, den Rücken zu ihr gewandt. Die breiten Schultern waren unter einer schlichten Lederjacke gespannt, der Kopf leicht gesenkt. Ferdinand Walters. Er sah nicht aus wie der selbstsichere Polizist, der ihr gerade den Krieg erklärt hatte. Er sah aus wie ein Mann, der eine Last trug, die schwerer war als Steine.

Ein unkontrollierbarer Impuls, so selten und beängstigend, dass er sie fast umwarf, trieb sie an, zu ihm zu gehen. Nicht um ihn zur Rede zu stellen. Nicht, um ihn zu demütigen. Sondern um zu sehen. Um das Gesicht hinter der Rüstung zu sehen, die er so ähnlich wie sie trug. Sie wollte wissen, was diesen Mann so zerbrechlich aussehen ließ. Sie machte einen Schritt, dann einen zweiten, ihre Absätze versanken leise im weichen Boden.

Doch in dem Moment, als sie sich in Bewegung setzte, als ob er ihre Gedanken gehört hätte, richtete er sich auf. Er drehte sich nicht um, er blickte nicht einmal in ihre Richtung. Er verharrte einen Moment, als würde er eine letzte, stumme Konversation mit dem Stein führen, dann drehte er sich um und ging mit schnellen, fast flüchtigen Schritten vom Friedhof hinweg, verschwand zwischen den dunklen Bäumen.

Katharina blieb wie erstarrt stehen. Die unerwartete Zurückweisung traf sie härter als seine direkte Konfrontation. Er war geflohen. Vor ihr? Oder vor dem, was er auf diesem Friedhof zurückgelassen hatte? Ein Gefühl, das sie nicht benennen konnte, eine Mischung aus Neugier und einer seltsamen, schmerzhaften Leere, breitete sich in ihrer Brust aus. Sie war es gewohnt, dass Männer ihr nachliefen. Nicht, dass sie vor ihr flohen.

Ihr Handy klingelte, ein schriller, unpassender Ton in der heiligen Stille. Sie zuckte zusammen, bevor sie den Anruf entgegennahm. Es war Peter.

„Katja?“, seine Stimme war ****, ein wenig unsicher, aber voller Wärme. Ihr kleiner Bruder. Das Einzige in ihrem Leben, das echt war.

„Peter. Was ist los?“

„Nichts! Alles gut. Ich wollte nur… fragen. Du weißt ja, morgen ist mein Geburtstag. Onkel Andreas macht Kuchen, und ein paar Freunde sind da. Es wäre… schön, wenn du da wärst.“

Sein Bruder war ihr Anker in einer Welt, die sie nicht verstand. Peter, der 18-jährige Abiturient, der so anders war als sie. Er war sanft, nachdenklich, er sah die Welt mit den Augen eines Künstlers, nicht dem eines Anklägers. Er war ihr Gegenpol, und sie liebte ihn auf ihre eigene, distanzierte Art.

„Ich weiß nicht, Peter“, sagte sie und blickte auf den leeren Platz, wo Walters gestanden hatte. „Ich habe viel zu tun. Dieser Fall…“

„Der Fall wird auch einen Tag warten“, unterbrach er sie sanft. „Bitte, Katja. Es ist mein 18ter. Das ist… wichtig für mich.“

Sie hörte die Hoffnung in seiner Stimme, die Bitte um Normalität. Für einen Moment langte sie danach, diese Welt zu betreten, in der das Wichtigste an einem Tag Geburtstagskuchen und Freunde waren. Eine Welt ohne Lügen, ohne ****, ohne die eisige Last der Erwartungen, die ihr Onkel in sie gepflanzt hatte.

„Okay“, sagte sie, und das Wort fühlte sich fremd auf ihrer Zunge an. „Ich komme. Ich verspreche es.“

Nachdem sie aufgelegt hatte, blieb sie noch lange vor dem Grab ihrer Mutter stehen. Die Worte ihres Bruders hatten eine andere Tür in ihr aufgestoßen. Eine Tür zu einer Vergangenheit, die sie sorgfältig eingemauert hatte. Sie dachte an den flüchtigen Blick auf Walters, an die Last, die er mit sich trug. Jeder trug seine Last. Ihre war die Erbschaft aus Suizid und Verschollenheit, geformt von der Strenge ihres Onkels. Seine war ein Geheimnis, das auf einem Friedhof begraben lag. Und plötzlich hatte sie das Gefühl, dass diese beiden Lasten untrennbar miteinander verbunden waren, wie die Enden eines unsichtbaren Fadens, der sich gerade erst zu spannen begann.

Lydia Voss

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