What's next?
Der Angriff
Die Narbe spannte bei jeder Bewegung.
Darian hatte Frida versprochen, seinen linken Arm zu schonen. Sie hatte ihn erst nach langem Zögern überhaupt wieder für den Wachdienst freigegeben – nicht weil sie glaubte, er sei vollständig genesen, sondern weil Nordwacht inzwischen jeden Mann auf den Mauern brauchte.
„Wenn es zu einem Angriff kommt“, hatte sie ihm beim Abschied gesagt, „dann kämpft nicht den Helden.“
Er hatte nur genickt.
Nun stand er wieder neben Hagen auf dem Wehrgang.
Der Wind war kalt geworden. Der Sommer neigte sich seinem Ende entgegen, und mit jeder Nacht schien die Luft schwerer zu werden. Unter ihnen lag eine Stadt, die kaum noch schlief. Selbst um diese Stunde brannten in den Schmieden Feuer, und auf den Straßen bewegten sich Patrouillen mit gesenkten Köpfen.
Hagen musterte ihn von der Seite.
„Der Arm?“
„Er hält.“
„Das ist keine Antwort.“
Darian lächelte schwach.
„Er schmerzt.“
„Schon besser.“
Hagen klopfte ihm vorsichtig auf die unverletzte Schulter.
„Dann bleib heute dicht bei mir.“
Darian wollte etwas erwidern.
Doch in diesem Augenblick erklang das Horn der Orks.
Ein tiefer Laut durchschnitt die Nacht.
„Sie kommen“, murmelte Hagen.
Die Alarmhörner Nordwachts antworteten sofort.
Goblinpfeile stiegen wie ein schwarzer Schwarm gegen den Himmel auf und prasselten auf die Mauern nieder.
„Schilde hoch!“
Kaum hatten sich die Verteidiger geduckt, erklangen die ersten dumpfen Schläge der Rammböcke.
WUMM.
Darian schloss für einen Moment die Augen.
Alles war wie immer.
Fast.
Dann ertönte ein zweiter Rammbock.
Aus einer anderen Richtung.
WUMM.
Ein dritter.
Ein vierter.
Die Einschläge kamen nun von allen Seiten der Festung.
Hagen hob ruckartig den Kopf.
„Nein...“
Ein Melder rannte über den Wehrgang.
„Alle Tore werden angegriffen! Alle Tore gleichzeitig!“
Zum ersten Mal, seit Darian in Nordwacht war, hörte er Unsicherheit in der Stimme eines Offiziers.
Befehle überschlugen sich.
Reserven wurden hin- und hergeschickt.
Niemand wusste mehr, wo sie am dringendsten gebraucht wurden.
„Zum Nordwesttor!“, rief schließlich ihr Hauptmann.
„Bewegung!“
Gemeinsam stürmten sie die Treppen hinunter.
Schon auf dem Burghof war das Chaos größer als je zuvor.
Verwundete wurden an ihnen vorbeigetragen, während andere Soldaten in die entgegengesetzte Richtung liefen. Von Osten waren Schreie zu hören.
Im Süden läuteten Glocken.
Überall kämpfte Nordwacht gleichzeitig.
Als Darian das Tor erreichte, bebte bereits der Boden.
Die Rammböcke hämmerten ohne Unterlass gegen das Holz.
Splitter flogen durch die Luft.
„Schilde schließen!“
Die Verteidiger bildeten ihre Reihen.
Darian stellte sich neben Hagen.
Sein linker Arm protestierte sofort.
Jeder Atemzug schmerzte.
Den Schild konnte er kaum richtig heben.
Hagen bemerkte es.
Unauffällig rückte er einen Schritt näher.
„Ich decke deine linke Seite.“
Darian nickte dankbar.
Dann brach das Tor.
Mit einem gewaltigen Krachen stürzten die Torflügel nach innen.
Die ersten Orks drängten durch die Bresche.
Der Kampf begann.
Darian versuchte mitzuhalten.
Sein Schwert wurde schwerer mit jedem Schlag.
Die Schulter brannte.
Ein Hieb gegen seinen Schild ließ ihn fast zu Boden gehen.
Er wich zurück.
Ein weiterer Ork nutzte den Moment.
Mit erhobener Axt stürmte er direkt auf Darian zu.
Darian hob instinktiv den Arm.
Zu langsam.
Noch bevor die Axt ihn erreichen konnte, warf sich Hagen zwischen sie.
Der Schlag traf den älteren Soldaten mit voller Wucht.
Metall zersprang.
Blut spritzte über die Steine.
Hagen taumelte.
Und doch stieß er dem Ork im selben Augenblick sein Schwert tief in den Leib.
Beide brachen fast gleichzeitig zusammen.
„Hagen!“
Darian kniete neben ihm.
Der ältere Soldat rang nach Luft.
Seine Augen fanden noch einmal die seinen.
„Nicht... stehen bleiben...“
Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Lauf...“
Dann verlor sich der Blick in der Dunkelheit.
Darian spürte, wie ihm für einen Augenblick jeder Gedanke entglitt.
Doch um ihn herum tobte der Kampf weiter.
Diesmal erklang kein Horn.
Kein Rückzug.
Die Orks kamen immer weiter.
Neue Krieger drängten durch die Bresche, gefolgt von weiteren und weiteren.
Sie hörten nicht auf.
„Zurück!“
„Zurückziehen!“
Die Befehle hallten über den Platz.
Zum ersten Mal seit Beginn der Belagerung wichen die Verteidiger.
Nicht aus Taktik.
Aus Not.
Straße um Straße kämpften sie sich zurück.
Immer wieder bildeten sie neue Linien.
Immer wieder wurden sie durchbrochen.
Goblinpfeile regneten zwischen die Häuser.
Orks schlugen Türen ein und warfen Barrikaden beiseite.
Überall lagen Tote.
Menschen.
Orks.
Goblins.
Darian wusste irgendwann nicht mehr, wie oft er gestolpert war.
Wie oft ihn jemand am Arm gepackt und weitergezogen hatte.
Seine Schulter brannte wie Feuer.
Sein Schwert war stumpf.
Sein Schild längst verloren.
Mehr als einmal entging er dem Tod nur um Haaresbreite.
Ein Ork wurde im letzten Moment von einem Speer getroffen.
Ein Goblin stolperte über einen Gefallenen, bevor er Darian erreichen konnte.
Ein einstürzender Balken begrub zwei Angreifer unter sich.
Es war kein Können mehr.
Es war pures Glück.
Schließlich erreichten die verbliebenen Verteidiger eine breitere Straße.
Für einen kurzen Augenblick entstand eine Lücke zwischen ihnen und den nachdrängenden Orks.
Darian hob den Blick.
Sein Herz setzte einen Schlag aus.
Vor ihm erhob sich das vertraute Gebäude aus hellem Stein.
Die Fensterläden.
Das geschnitzte Ordenszeichen über dem Eingang.
Die kleinen Kräuterkästen unter den Fenstern.
Das Lazarett.
Fridas Lazarett.
Der Ort, an dem sie ihn zweimal dem Tod entrissen hatte.
Mit einem Mal wurde ihm klar, wie weit sie bereits zurückgedrängt worden waren.
Der Krieg hatte die Mauern hinter sich gelassen.
Er war mitten in Nordwacht angekommen.
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