Chapter 6
by
Reyhani
Geht es jetzt endlich los?
Der Wettbewerb
"Liebe Gartenfreunde …"
Kazmirek räusperte sich und versuchte das Stimmengewirr auf der Wiese hinter dem Vereinsheim zu übertönen.
"Liebe Adams und Evas, ich heiße euch herzlich zum diesjährigen Sommerfest willkommen. Zuerst einmal ermitteln wir jetzt die Gewinner des Spezialgemüsewettbewerbs. Ihr könnt euch auf einige schöne Überraschungen freuen. Und danach lassen wir den Tag gemütlich bei Speis und Trank ausklingen. Jodie hat wieder ihr allseits beliebtes Curry gekocht."
Endlich ging es los, Julia war schon ganz ungeduldig. Nach der Rückkehr ins Vereinsheim hatte Kazmirek sie gleich wieder allein gelassen. Er musste mit dem Vorstand die finale Auswahl unter den Einreichungen zum Wettbewerb treffen. Julia hatte sich ein wenig frisch gemacht und dann in Kazmireks Büro gewartet. Zum Zeitvertreib hatte der Vorsitzende ihr ein paar Hefte der Vereinszeitung aus den 70ern und 80ern gegeben.
Die reich bebilderten Hefte, zuerst noch schwarzweiß, dann in Farbe, waren eine Interessante Mischung: Gartentipps, Berichte von Ausflügen und Veranstaltungen und persönliche News über die Pächter. Julia hatte kurz in den Artikel "Sperma gegen Blattläuse" hineingelesen. Ziemlich abstrus – die Ökobewegung hatte auch die Gartenfreunde nicht verschont. Interessanter war da schon die Reportage: "Oma Luises Spargelschäldienst". Und wohl unvermeidlich die Fotoserie: "Die süßeste Muschi im Verein". Katzenbilder waren eben nicht erst seit dem Internet das Zugpferd. Leider war die Vereinszeitung dann eingestellt worden. Ob es heute eine Facebook-Gruppe oder etwas Vergleichbares gab?
Nach und nach hatten sich die Vereinsmitglieder, Verwandte und Freunde auf der Wiese eingefunden. Man trank einen Begrüßungsschnaps oder ein Bier und wartete, dass die Veranstaltung offiziell eröffnet würde. Anfangs hatte sich Julia noch wie ein Fremdkörper gefühlt: Sie war nicht nur wesentlich jünger als die meisten hier, sondern auch das Bleichgesicht unter den Indianern. Aber nachdem Jodie, Kazmireks dralle Frau, ihr den dritten Exotic-Likör Geschmacksrichtung Passionsfrucht eingeschenkt hatte, fühlte sie sich pudelwohl. In der Vergangenheit waren die Teilnehmer am Sommerfest sicherlich knackiger gewesen. Das wusste Julia von den Fotos in den Heftchen. Dafür musste sie sich jetzt um ihre eigenen Speckröllchen und die Cellulite keine Sorgen mehr machen.
"Aber jetzt erst mal zur Hauptsache, den diesjährigen Zuchterfolgen", fuhr Kazmirek in seiner Eröffnung fort. "Wie ihr wisst, zählt bei uns nicht Quantität sondern vor allem Qualität. D.h. Kurts Riesenzucchini ist leider wieder ausgeschieden. Schade Kurt, vielleicht das nächste Mal mit etwas weniger Dünger ..."
"Ist im Curry besser aufgehoben", hörte man eine Frauenstimme aus der Menge und alle lachten.
"Aussehen, Festigkeit, Haptik und vor allem der Spaß bei der Handhabung – das ist das Rezept für den Sieg. Deshalb spielen auch in diesem Jahr unsere drei Testerinnen die eigentliche Hauptrolle. Einen großen Applaus für Susanne, Marina und Jodie."
Die drei ungleichen Evas traten zum Vorsitzenden unter das Pavillonzelt. Die dicke Susanne bildete das Gravitationszentrum des Testerinnentrios. Sie war auch die Älteste. Dann kam Jodie. Wegen des Kochens waren ihre Haare noch zu einem dicken, schwarzen Zopf geflochten, der keck zwischen ihren kleinen Brüsten baumelte. Mariana war etwas größer als Kazmireks Frau aber viel schmaler besonders im Becken. Durch ihren punkigen Look hob sie sich stark von ihren Kolleginnen ab, obwohl sie auch schon Mitte Dreißig sein musste. Neben den kurzen, gefärbten Haaren fielen Julia jetzt erst die Tatoos auf.
"Wie immer bekommt der Züchter des Siegergemüses eine Fuhre Pferdemist gratis gesponsort von unseren Freunden von Reitverein. Und der Testerin stellen wir für den Rest des Jahres den Vereinswhirlpool in den Garten."
Aus der Ecke, wo die drei Studenten standen, ertönte es: "Marina, Marina … Whirlpool, Whirlpool …"
"Ich weiß, Jungs, ihr habt hart trainiert, aber unterschätzt die Konkurrenz nicht", nahm Kazmirek den Zwischenruf auf. "Testerinnen und Gemüse werden nach dem Zufallsprinzip einander zugelost. Um Absprachen wirklich ganz unmöglich zu machen, haben wir dieses Jahr noch eine weitere Sicherheit eingebaut. Wir werden spontan Testerinnen aus dem Publikum aufrufen. So bekommt jede von euch die Gelegenheit, sich aktiv am Vereinsleben zu beteiligen."
Zuletzt ging ein Raunen durch die versammelten Gäste. Die eine Hälfte der weiblichen Vereinsmitglieder kicherte aus Nervosität und Vorfreude. Die andere Hälfte versuchte sich unsichtbar zu machen, indem sie intensiv auf ihre Zehen starrte und unmerklich einige Schritte rückwärts machte.
Julia merkte, wie sie zwei Reihen weiter nach vorne geschoben wurde bis fast an den Rand der freien Fläche vor den Pavillonzelt. Um so besser. Für authentische Eindrücke war es wichtig, immer ganz vorne dabei zu sein. Sie fand, das merkte man auch an der Qualität ihrer Texte.
Jetzt ging es aber wirklich los. Kazmirek hatte sich einen großen Weidenkorb mit Henkel geschnappt. Er werde jetzt der Reihe nach die Stücke, die es in die Endauswahl geschafft hatten, herausholen und einer Testerin zulosen. Nach den Tests werde man per Akklamation den Sieger küren.
"Aufgepasst!"
Mit einer dramatischen Geste hielt Kazmirek mit der einen Hand den Korb in die Höhe und griff mit der anderen unter das Geschirrhandtuch, das obenauf lag. Eine ganze Weile tastete der Vorsitzende in dem Korb herum und machte dabei Grimassen. Julia begann mit den Zähnen zu knirschen. Sie musste an die Zaubershow denken, die ihr Vater zu ihrem zehnten Geburtstag aufgeführt hatte. Es hatte in einer Katastrophe geendet, als er ihre Mutter ...
Da riss Kazmirek die Augen auf und zog unter einem breiten Grinsen seine Hand unter dem Tuch hervor.
Was hat Kazmirek ausgesucht?
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Die Reporterin
Alles für eine gute Reportage
Es reicht ihr nicht nur darüber zu schreiben, sie muss es erleben
Updated on Nov 14, 2025
by kokosmilch
Created on May 25, 2025
by markmarksen07
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