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Chapter 4
by
Lysarion
Was passiert noch?
Der Morgen kam leise
Der Morgen kam leise.
Zuerst war da nur die Kühle. Ein feiner Schleier aus Tau hatte sich über den Teich gelegt, und die Bank unter uns war feucht geworden. Ich öffnete die Augen, als ein Vogelruf durch die Stille schnitt. Für einen Moment wusste ich nicht, wo ich war. Dann kehrte alles zurück – nicht als Bilder, sondern als Gewicht.
Neben lag mehr als das sie saß Desiree. Ihr Atem ging ruhig, fast kindlich, als hätte die Nacht nichts von ihr verlangt. Ihr Haar lag wirr über ihrer Stirn, und im ersten blassen Licht wirkte ihr Gesicht jünger, verletzlicher, als ich es am Abend wahrgenommen hatte.
Ich richtete mich langsam auf. Jeder Muskel erinnerte mich an das, was geschehen war, doch schwerer als jede körperliche Müdigkeit war das Wissen, dass ich eine Grenze überschritten hatte, die nicht einfach wieder verschwand. Ich hatte mir erlaubt der Müdigkeit des Tages, der Müdigkeit meiner Ehe und nicht zuletzt der Müdigkeit meines Lebens nachzugeben. Rollen, Verantwortung, die Gesichter meiner Frau, Manuela -der Vorsitzenden des Elternrates der Schule – sie standen plötzlich wieder zwischen mir und der warmen Erinnerung an Nähe.
Desiree regte sich. Sie blinzelte, zog die Schultern leicht hoch, als fröre sie, und sah mich dann an. Ihr Blick war wach, suchend. Kein Lächeln, keine Panik – nur dieses stille Fragen.
„Es ist schon hell“, sagte sie leise.
Ich nickte. Meine Stimme wollte erst nicht funktionieren.Dann: „Ja.“
Eine Weile schwiegen wir. Das Zirpen der Nacht war verstummt, stattdessen hörte man das ferne Geräusch einer Straße, ein Auto irgendwo, das Leben, das einfach weiterging.
Desiree setzte sich auf, zog die Knie an sich. „Ich habe die ganze Zeit gedacht, dass ich mir sicher bin“, sagte sie schließlich. „Und jetzt…“
Sie brach ab, suchte nach Worten. „Jetzt frage ich mich, ob ich zu weit gegangen bin.“
Ich drehte mich zu ihr. „Du hast nichts erzwungen.“
„Ich weiß“, sagte sie schnell. „Aber ich wollte nicht…“ Sie senkte den Blick. „Ich wollte dich nicht zerstören, Bernd. Nicht dein Leben. Nicht das, was du bist.“
Diese Worte trafen mich tiefer als jeder Vorwurf. Ich sah sie an und begriff, dass auch sie in dieser Dämmerung etwas verloren hatte – nicht Unschuld, sondern Gewissheit.
„Ich bin der Erwachsene“, sagte er schließlich. „Ich hätte klarer sein müssen. Ich hätte nicht zulassen…nicht dürfen“ mit einer hilflosen Geste suchte ich nach Worten.
Sie sah wieder auf. In ihren Augen lag keine Anklage, nur Traurigkeit und ein Rest von Nähe, die noch nicht wusste, wohin sie gehörte. „Und ich hätte gehen können“, antwortete sie. „Aber ich wollte bleiben.“
Wir saßen nebeneinander, nicht mehr berührend, und doch noch verbunden durch das, was unausgesprochen blieb aber doch geschehen war, das zwischen uns hing. Kein Versprechen, keine Lösung – nur das stille Einvernehmen, dass diese Nacht etwas war, das wir beide tragen mussten. Ich wollte sie berühren, doch instinktiv wusste ich, dass sie den Moment für sich brauchte.
Als wir aufstanden, den der Hof der Schule durchquerten, die Reste des Festes sahen, spürten wir beide etwas. Desiree wandte sich zu mir um, wollte etwas sagen, brach ab und ließ die Arme hängen wie ein schutzbedürftiger junger Vogel. Ich trat näher, wollte sie in meinen Armen bergen, schützen, doch sie wich zurück. Schweigend liefen wir nebeneinander zum Schultor. Bald würden Menschen kommen, Stimmen, Aufgaben. Die Welt würde wieder Regeln verlangen. Bald würde ich mittendrin im Aufräumen, des Schulhofes hier, sein. Vor dem Gedanken des Aufräumens in meinem Leben, der nach dieser Nacht vielleicht drängender war als je zu vor, scheute ich zurück.
Bevor wir auseinander gingen, blieb Desiree noch einmal stehen. „Egal, was passiert“, sagte sie, „ich bereue nicht, dass ich ehrlich war. "Wenigstens einmal, wenigstens zu Dir.“
Ich nickte langsam. „Ich auch nicht“, sagte ich– und wusste doch, dass Ehrlichkeit manchmal einen Preis hatte.
Dann gingen wir in verschiedene Richtungen.
Der Morgen nahm die Nacht in sich auf, und nichts war mehr wie zuvor.
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