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Chapter 5 by Lysarion Lysarion

What's next?

Einige Tage später – Die Gemäldegalerie

Die Sommerferien hatten begonnen, aber in mir war nichts leicht. Die Straßen waren deutlich leerer zwar, mein Kalender auch, und doch war jeder Tag voll von etwas, das keinen Namen hatte. Ich dachte an Desiree, ohne es zu wollen, und wollte aufhören, ohne es zu können. An Ihren Duft, wie sich ihre Brüste unter meinen Händen angefühlt hatten. Und in Träumen sah ich sie wieder zwischen den Bäumen stehen und mir mit dieser einen Kopfbewegung vorschlagen zu gehen.

Ihre erste Nachricht war vorsichtig, geradezu schüchtern: „Darf ich Dir schreiben? Desiree“ Ich antwortete nur ein Wort: “Immer“ zu mehr war ich nicht in der Lage. Wir schrieben hin und her – sachlich, fast vorsichtig formulierend –doch da war mehr. Schließlich brachte ich den Mut auf zu schreiben: „Wollen wir uns sehen? Sprechen ist besser als schreiben.“ Kam von Ihr zur Antwort nur ein Wort: „Wo?“ Ich spürte in mir dieses Ziehen. Ich hätte nein sagen müssen, aber das konnte ich nicht, wollte es auch nicht. Ich schlug stattdessen die Gemäldegalerie vor. Ein öffentlicher Ort, da kann nichts passieren. Bilder die Gesprächsstoff geben, so dass es kein peinliches Schweigen gibt. Ein Ort mit hohen Decken, viel Luft, viel Geschichte. Einst im Auftrag der Könige erbaut, von einem der renommiertesten Architekten war es noch heute ein bewunderungswürdiger, Ehrfurcht einflößender Ort. Vielleicht hoffte ich, würde die Schwere dort kleiner wirken.

Das Gebäude lag ruhig in der Mittagshitze, Sandstein, breite Stufen, ein Eingang, der Demut verlangte. Drinnen war es kühl. Der Geruch von altem Holz, Wachs und etwas Unbestimmtem, das man nur in Museen findet. Ich war zu früh da. Die Eingangshalle wurde von einigen dunklen Gemälden domminiert. Eines zeigte wohl den **** der Gebrüder de Witt

Ich blieb davorstehen, ohne es wirklich zu sehen. Meine Gedanken waren lauter als jede Führung. Als ich Schritte hörte, wusste ich sofort, dass sie es war – nicht am Klang, sondern an der plötzlichen Unruhe in mir.

„Hallo, Bernd.“

Ich drehte mich um. Desiree stand ein paar Meter entfernt, ein schlichtes Sommerkleid. So hatte sie oft vor mir gestanden, wenn es etwas zu besprechen gab. Doch nun war es anders, keine Schulumgebung mehr, keine Gremien, kein „Vorsitz“. Nur sie. Erwachsener, als ich sie kannte – und zugleich verletzlicher, als ich sie je gesehen hatte.

„Hallo“, sagte ich. Mehr brachte ich zunächst nicht heraus.

Wir gingen nebeneinander, ohne ein Ziel zu benennen. Bilder an der Wand, Jahrhunderte alt, Menschen in Posen, die von Entscheidungen erzählten, die nicht rückgängig zu machen waren. Es passte erschreckend gut.

„Ich hatte Angst, du würdest nicht kommen“, sagte sie schließlich leise.

Ich nickte. „Ich hatte Angst, dass ich komme.“

Sie lächelte kurz, ohne Heiterkeit. „Dann sind wir quitt.“

Wir blieben vor einem Porträt stehen. Eine junge Frau, ernst, der Blick geradeaus, als wüsste sie mehr vom Leben, als gut für sie war. Desiree sah lange hin.

„Man denkt immer, man hätte Zeit“, sagte sie. „Und dann macht man etwas, und plötzlich ist davor und danach.“

Ich sah sie an. „Geht es dir gut?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Ich funktioniere. Reicht das nicht oft schon?“

Ich spürte wieder diese alte Rolle in mir, der Erwachsene, der Ordner, der Verantwortliche. Und gleichzeitig wusste ich, dass ich nicht deshalb hier war.

„Ich habe viel nachgedacht“, sagte ich. „Über das, was war. Und über das, was ich hätte, anders machen müssen.“

„Bereust Du es? Deine Ehrlichkeit, Dein Nachgeben?“

Ich zuckte mit den Schultern „Ich weiß es nicht. Ich weiß aber genauso das ich es irgendwie bereuen würde es nicht getan zu haben.“

Wir nannten es „es“ um es nicht benennen zu müssen.

Sie sah mich direkt an. „Ich wollte dich nicht treffen, um zu sehen, was falsch war. Das weiß ich selbst.“ Sie machte eine Pause „Oder meine es zu mindestens.“

Das saß. Ich atmete langsam aus. „Warum dann?“

Sie schwieg einen Moment. Dann: „Weil ich dich nicht einfach aus meinem Leben streichen wollte, als wärst du ein Fehler. Du bist keiner. Aber wir können auch nicht so tun, als wäre nichts gewesen.“

Wir setzten uns auf eine Bank im Saal. Abstand zwischen uns. Absichtlich. Ich bemerkte es – und war dankbar dafür.

„Auch ich habe nachgedacht“ fing Desiree an „Diese Nacht gehört zu mir… da war nichts falsch und doch bereue ich es, es Dir angetan zu haben..“ Sie brach ab schluckte Tränen hinunter. Spontan legte ich meine Hand auf, die Ihre und sie zog, sie nicht weg. Wir konnten einander nicht ansehen, sonst hätten Emotionen uns überrannt. So standen wir auf und gingen weiter.

Wir blieben vor einem Gemälde stehen, das mich unvorbereitet traf.

Der Sünder – ein Mann, halb im Schatten, halb im Licht. Der Hintergrund dunkel wie eine unbequeme Wahrheit, aus der die Figur förmlich herausgeschnitten schien. Die Haut war nicht idealisiert, sondern fleischlich, schwer, mit einer Ehrlichkeit gemalt, die nichts entschuldigte und doch nichts verdammte. Das Licht fiel schräg auf Gesicht und Hände, als wolle es nicht alles zeigen, sondern nur genug, um das Innere zu verraten. Nichts an dem Bild verriet was seine Sünde war.

Ich spürte, wie mir warm wurde. Nicht aus Scham, sondern aus Wiedererkennen.

Die flämischen Meister verstanden es, das Menschliche nicht zu erhöhen, sondern zu entblößen, ohne es lächerlich zu machen. Jeder Pinselstrich schien zu sagen: So sind wir. Erdenschwer. Begehrlich. Zweifelnd. Kein Heiligenschein, keine eindeutige Verdammnis. Nur die Last des Bewusstseins.

„Er wirkt müde“, sagte Desiree leise.

Ich nickte. „Und wach.“

Der Mann im Bild hielt etwas in der Hand – eine Münze, ein Stück Brot, es war nicht eindeutig. Materie, aufgeladen mit Bedeutung. In der flämischen Malerei war nichts zufällig: jedes Objekt ein Symbol, jede Falte ein Kommentar. Ich dachte an meine Hände, an das, was sie getan hatten, und an das, was ich mir eingeredet hatte, warum.

„Er weiß, was er getan hat“, sagte ich mehr zu mir selbst als zu ihr.

„Und lebt noch“, antwortete sie. Wir standen lange davor prägten wir uns die Details ein? Oder meditierten wir darüber. Wir rückten dabei unwillkürlich näher aneinander, doch ohne uns zu berühren.

Ein paar Räume weiter hing Adam und Eva. Kein Paradiesgarten in leuchtenden Farben, sondern ein dichtes, beinahe bedrückendes Grün. Die Blätter wirkten schwer, feucht, das Licht gedämpft. Adam und Eva standen nicht idealisch gegenüber, sondern leicht voneinander abgewandt. Ihre Körper waren sorgfältig gemalt, real, ****. Nicht sündig im lärmenden Sinn, sondern wissend.

Eva hielt die Frucht nicht triumphierend, sondern zögernd. Adam sah sie nicht an – sein Blick ging ins Leere, als habe er bereits verstanden, dass es kein Zurück gab.

Ich merkte, dass ich den Atem anhielt.

Hier war nichts Erotisches, nichts Verklärtes. Die Nacktheit war kein Versprechen, sondern eine Tatsache. Der Moment war nicht der Biss, sondern die Sekunde davor, diese schreckliche Freiheit, die Erkenntnis das es möglich war.

„Sie sehen nicht glücklich aus“, sagte Desiree.

„Nein“, antwortete ich. „Aber sie sehen… vollständig aus.“

Das Licht fiel genau so, dass ihre Körper weder ganz im Schatten noch ganz im Hellen lagen. Dieses Dazwischen kannte ich nur zu gut. Flämische Malerei ließ keine Auswege offen. Sie zeigte, dass der Mensch sich nicht durch Reinheit definiert, sondern durch Verantwortung.

Mir wurde klar, was mich die letzten Tage so gequält hatte. Nicht die Tat allein. Sondern die kindliche Hoffnung, man könne schuldlos bleiben, wenn man nur stark genug bereut. Diese Bilder sagten etwas anderes.

Ich sah Desiree an. Kein Mädchen mehr. Eine junge Frau, die wusste, was Wissen kostet.

„Vielleicht ist das der eigentliche Fall“, sagte ich langsam. „Nicht aus dem Paradies – sondern aus der Unschuld der Ausreden.“

Sie sah mich lange an. Dann nickte sie. „Und vielleicht beginnt genau da etwas Eigenes.“

Wir standen noch eine Weile schweigend vor dem Bild. Gebannt, geschockt – vom Strahle der Erkenntnis getroffen, hätten die Alten wohl gesagt.

Ich begriff: Mensch sein heißt nicht, unbefleckt zu bleiben.

Es heißt, das Getane zu tragen, ohne es zu verstecken – und trotzdem weiterzugehen.

Säle reihten sich an Kabinette und wieder an Säle. Es war auf einer dieser großen Treppenaufgänge in denen selbst Reiter klein wirkten. Desiree blieb mitten auf der Treppe stehen. Wir sahen uns an und wussten vom anderen wohin es uns zog. Wir kehrten um durchquerten all die Räume, diesmal nicht gemessenen, tastenden, suchenden Schrittes. Bis wir wieder vorAdam und Eva standen, als hätte das Bild uns gerufen. Jetzt, mit etwas Abstand, sah ich Details, die mir zuvor entgangen waren. Die Rinde des Baumes war rissig gemalt, fast schmerzhaft genau. Kein paradiesisches Ideal, sondern etwas Altes, Widerständiges. Die Frucht in Evas Hand war nicht makellos, sondern schwer, fast reif bis an die Grenze des Verderbens.

Flämische Malerei liebte diese Ambivalenz: das Leben kurz vor dem Kippen.

„Weißt du“, begann ich zögernd, „man stellt es sich immer so vor, als wären sie verführt worden. Als hätte jemand ihnen etwas geraubt.“

Desiree verschränkte langsam die Arme, ohne den Blick vom Bild zu nehmen. „Aber niemand zwingt Eva, oder?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Sie hält die Frucht nicht wie eine Beute. Eher wie eine Entscheidung.“

Adam stand da, nackt und ****, aber nicht unwissend. Seine Augen erzählten keine Überraschung, sondern Zustimmung. Vielleicht sogar Erleichterung. Als hätte das ewige Unschuldige ihn müde gemacht.

„Was, wenn sie es wollten?“, sagte Desiree leise.

„Was, wenn sie gespürt haben, dass sie sonst nur… Figuren geblieben wären?“

Mir lief ein leiser Schauer über den Rücken. „Dann wäre die Sünde kein Sturz“, sagte ich langsam, „sondern ein Schritt.“

Ich hörte mich selbst sprechen und wusste, dass ich nicht mehr nur über ein Bild sprach.

„Vielleicht“, fuhr ich fort, „ist Menschsein genau das: die Fähigkeit, etwas Falsches zu wählen – nicht aus Bosheit, sondern aus dem Bedürfnis, wirklich zu sein.“

Die Flamen hatten nie versucht, Moral leicht zu machen. Ihre Heiligen hatten Schmutz unter den Fingernägeln, ihre Sünder Würde im Blick. Auch hier: Kein Blitz, keine Vertreibung im Moment des Bildes – nur diese eine Sekunde, in der Erkenntnis möglich wurde.

Desiree sah mich jetzt an. Nicht prüfend. Nicht fordernd. Sondern mit dieser ruhigen Ernsthaftigkeit, die mich von Anfang an an ihr beeindruckt hatte.

„Dann ist die Sünde nicht das Gegenteil von Menschlichkeit“, sagte sie, „sondern ihr Anfang.“

Ich nickte. In mir setzte sich etwas. Kein Rechtfertigen mehr. Kein Fliehen.

„Und vielleicht“, sagte ich, „sind wir erst danach fähig, einander wirklich zu sehen.“

Zwischen uns war plötzlich eine Nähe, die nichts mit Körpern zu tun hatte und gerade deshalb so stark war. Nicht berührend – aber verbindend. Wie die Farbe auf Leinwand, die Jahrhunderte überdauert, weil jemand den Mut hatte, das Dunkle mitzunehmen.

„Ich habe dich nicht gesucht, um vergessen zu machen, was war“, sagte Desiree ruhig.

„Ich wollte wissen, ob du es tragen kannst. Mit mir. Nicht über mir.“

Diese Worte waren kein Angebot. Sie waren eine Bedingung. Und ich wusste, dass ich zum ersten Mal nicht aus Schwäche antwortete.

„Wenn wir uns wieder begegnen“, sagte ich langsam, „dann nicht als Unschuldige. Sondern als Menschen.“

Sie lächelte – nicht leicht, nicht verführerisch, sondern einverstanden.

Als wir den Saal verließen, fiel das Licht der hohen Fenster schräg auf den Steinboden. Es zeichnete keine klaren Linien, sondern Übergänge. Und ich verstand:

Nicht das Paradies war verloren gegangen.

Wir hatten es verlassen – um wirklich zu leben.

Draußen empfing uns das gedämpfte Geräusch der Stadt. Kein abruptes Ende wie nach einem Kinobesuch, eher ein langsames Wiederauftauchen. Wir blieben am steinernen Geländer stehen. Unter uns zog der Strom träge dahin, breit und ruhig, als wüsste er, dass Eile eine Illusion war. Die Abendsonne lag flach über dem Wasser, ließ es glänzen wie aufgeschlagenes Metall, hier und da gebrochen von Strudeln und kleinen Wellen.

Ich lehnte mich nach vorn, stützte die Unterarme auf das Geländer. Der Anblick hatte etwas Tröstliches. Flüsse fragen nicht. Sie nehmen auf.

„Ich komme oft her“, sagte Desiree nach einer Weile. „Wenn ich denke, ich stehe fest – und merke, dass alles weiterfließt.“ Sie rückte nah an mich heran.

Ich nickte. Der Strom erinnerte mich an Dinge, die ich lange verdrängt hatte: an Aufbruch, an Schlafsäcke, an Tage ohne Uhrzeit.

„Eigentlich“, begann ich und wunderte mich selbst über den Drang, es auszusprechen, „wollte ich in zwei Tagen allein los.“

Sie sah mich an, aufmerksam, ohne mich zu unterbrechen.

„Mit dem Paddelboot“, fuhr ich fort. „Nur ein Seitenarm, nichts Wildes. Schlafsack, ein kleines Tarp vielleicht. Draußen schlafen. Weg von…“

Ich suchte nach dem Wort und wusste doch, dass es keinen gab, der ehrlich genug gewesen wäre. „Weg von allem, was ständig erklärt werden will.“

Der Strom glitt unbeirrt weiter. Glänzend. Gleichgültig und großzügig zugleich.

„Vor meiner Ehe“, sagte ich schließlich leise. „Oder vielleicht vor dem Mann, der ich darin geworden bin.“

Desiree legte die Hände ebenfalls auf das Geländer, berührte meine. Ihre Nähe war wie Wärme, die man erst bemerkt, wenn sie fehlt.

„Allein?“, fragte sie.

„Ja“, sagte ich. „Das war der Plan.“

Sie schwieg einen Moment. Dann: „Und glaubst du, dass man allein herausfindet, wer man jetzt ist?“

Die Frage war nicht provokant. Sie war ehrlich. Und genau deshalb traf sie.

Ich blickte wieder auf den Strom. „Früher hätte ich Ja gesagt.“

Eine kurze Pause. „Heute bin ich mir nicht mehr sicher.“

Der Fluss nahm eine leichte Biegung, verschwand ein Stück weit hinter Gebäuden, um weiter unten wieder aufzutauchen. Ich dachte an Adam und Eva, an diesen einen Schritt aus dem Schutz heraus. Nicht in die Verdammnis, sondern in die Welt.

„Vielleicht“, sagte ich langsam, „ist das Alleinsein nur der Anfang. Aber kein Ziel.“

„Das erste mal formuliere ich klar was meine Ehe eigentlich ist.“ dachte ich.

Ich spürte, wie sie den Kopf leicht neigte und weiter an mich heranrückte. Dann sah sie mich an, und in ihrem Blick lag keine Ungeduld, keine Erwartung – nur Präsenz.

„Manchmal“, sagte sie, „ist der Mut nicht, wegzugehen. Sondern jemanden mitzunehmen.“

Das sagte sie ruhig. Fast beiläufig. Und doch war in dem Satz alles enthalten, was zwischen uns stand. Keine Forderung. Keine Bitte. Nur die Möglichkeit.

Der Strom unter uns glänzte im letzten Licht, als trüge er diese Möglichkeit weiter, fort von der Stelle, an der wir standen – und zugleich direkt durch uns hindurch.

Ich atmete tief ein. Noch war nichts entschieden. Aber etwas hatte sich geöffnet. Wie ein Seitenarm, den man vom Hauptstrom aus leicht übersehen kann – und der doch genau der richtige sein kann, um anzulegen.

„Wenn Du magst, bist Du willkommen. In zwei Tagen gegen 6 Uhr morgens am alten Ballhaus.“

Ich drehte mich zu ihr und sie zu mir. Unsere Hände fassten einander. Und Ihre Augen leuchteten, der Schwermut schien fortgeblasen und ihre Lippen formten die Worte: „Nicht hier!“

Zwischenzeit

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