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Das Schuljahr hatte begonnen

Chapter 5 by Meister U Meister U

Die erste Woche war noch träge, die Flure voller aufgeregter Schüler, die ihre Ferienerlebnisse austauschten. Aber der Unterricht hatte bereits Fahrt aufgenommen. Und heute stand die erste Abfrage an – Biologie.

Franziska saß in der dritten Reihe, ihre Hände waren schweißnass. Vor ihr lag ein leeres Blatt Papier, daneben ein Stift, den sie bereits umklammerte, als könnte er ihr Halt geben. Frau Dr. Weber, die neue Biologielehrerin, war jung und streng. Ihre Augen schweiften über die Klasse, suchten nach einem Opfer.

"Franziska", sagte sie. "Fangen wir mit dir an."

Franziska stand auf. Ihre Knie zitterten. Sie spürte die Blicke der anderen auf sich, hörte das Rascheln von Papier, das leise Räuspern.

"Was sind die vier Grundbausteine des Lebens?", fragte Frau Dr. Weber.

Franziska öffnete den Mund. Sie hatte es gelernt. Sie hatte es zu Hause geübt, mit Frederick, in der heißen Stube, nackt auf dem Stuhl, während er die Karteikarten hochhielt. Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff. Es war ganz einfach.

Aber jetzt war da nur Leere.

"Das sind... das sind...", stammelte sie.

Frau Dr. Weber runzelte die Stirn. "Franziska? Hast du die Ferien nicht genutzt?"

"Äh... Kohlenstoff... und...", sie schluckte. "...und..."

"Die zweite Frage", unterbrach die Lehrerin ungeduldig. "Was ist die Funktion der Mitochondrien?"

Franziska starrte auf das weiße Blatt vor sich. Mitochondrien. Die Kraftwerke der Zelle. Sie wusste es. Sie wusste es genau. Aber die Worte weigerten sich, aus ihrem Mund zu kommen.

"Die Mitochondrien sind... sind...", sie schloss die Augen. Nichts. Absolut nichts.

"Setz dich", sagte Frau Dr. Weber mit einem Seufzen. "Das war enttäuschend."

Franziska sank auf ihren Stuhl. Die Blicke brannten auf ihrer Haut. Sie spürte, wie die Röte in ihr Gesicht stieg. Am liebsten wäre sie im Boden versunken.

Dann fühlte sie eine leichte Berührung an ihrem Arm. Frederick. Er saß neben ihr, wie immer. Er hatte den Platz gewechselt, ganz diskret, am ersten Schultag.

Sein Kopf beugte sich zu ihr. Sein Atem streifte ihr Ohr.

"Stell dir vor", flüsterte er. "Du bist nackt."

Franziska erstarrte.

Die Vorstellung durchzuckte sie wie ein Blitz. Sie sah sich selbst auf dem Stuhl in seinem Zimmer, nackt, die Sonne auf ihrer Haut, seine Augen auf ihr. Sie spürte das Kribbeln, die Wärme, die Aufregung. Die Fragen, die sie beantwortet hatte, weil sie keine Angst mehr hatte. Weil sie sich fallen lassen konnte.

"Die Mitochondrien", sagte sie plötzlich. Ihre Stimme war klar. Fest. "Sie sind die Kraftwerke der Zelle. Sie produzieren ATP durch Zellatmung."

Frau Dr. Weber hob die Augenbrauen. "Und die vier Grundbausteine?"

"Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff", sagte Franziska. "CHON. Die wichtigsten Elemente für organische Moleküle."

Ein Lächeln huschte über das Gesicht der Lehrerin. "Sehr gut. Weiter geht's mit Frederick."

Franziska atmete aus. Ihr Herz raste, aber es war nicht die Angst. Es war das Kribbeln. Das vertraute Kribbeln, das sie kannte. Das sie brauchte.

Sie riskierte einen kurzen Blick zu Frederick. Er lächelte schief, ein winziges, fast unsichtbares Lächeln.

Sie lächelte zurück.

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