What's next?
Daniels Stimme durchschnitt die Stille
"Lasst uns gleich mit der Verlosung starten. Ich hab keine Lust mehr zu warten." Er erhob sich vom Bett, und Sabine sah, wie seine Finger ungeduldig gegen seinen Oberschenkel trommelten.
Erst jetzt fiel ihr Blick auf den kleinen Tisch neben der Tür, den sie vorhin übersehen hatte. Auf ihm stand eine durchsichtige Plastikschachtel, wie man sie für Süßigkeiten benutzte, und darin lagen sieben zusammengefaltete Zettel – sieben Lose. Ihr Herz machte einen Sprung. Die Verlosung. Das war es also, worauf sie alle gewartet hatten. Die Jungs hatten die Lose vorbereitet, bevor die Mädchen überhaupt gekommen waren. Es war alles geplant, alles durchdacht.
Johannes griff nach der Schachtel und schüttelte sie leicht, sodass die Zettel durcheinanderwirbelten. "Elvira, du warst zuerst da. Du ziehst zuerst."
Elvira stand auf, immer noch nackt, ihre Haut glänzte leicht unter der Lampe. Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und lächelte – dieses selbstbewusste, fordernde Lächeln, das Sabine so sehr bewunderte und gleichzeitig hasste. Sie griff in die Schachtel, ihre Finger spielten kurz mit den Zetteln, als würde sie die richtige Wahl treffen wollen. Dann zog sie einen heraus, faltete ihn auf und las den Namen laut vor.
"Max"
Sabine spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. Max. Natürlich Max. Es war immer Max. Das Universum war grausam, oder es hatte einen schlechten Sinn für Humor. Sie hatte heimlich für ihn geschwärmt, so lange sie denken konnte – für seine ruhige Art, seine dunklen Augen, die Art, wie er sie manchmal ansah, als wäre sie etwas Besonderes. Und jetzt sollte er Elvira gehören. Für diese eine Nacht.
Sie sah, wie Max sich von der Wand löste, wie ein Lächeln über sein Gesicht huschte – nicht das nachdenkliche Lächeln von vorhin, sondern etwas anderes. Etwas, das Sabine nicht kannte. Er trat zu Elvira, und Elvira legte sofort den Arm um seine Taille, zog ihn zu sich, als hätte sie ihn schon immer besessen.
"Ich bin dein Fickstück für heute Nacht", sagte Elvira laut, und ihre Stimme überschlug sich fast vor Begeisterung. "Bist du bereit?"
Sabine schluckte. Das Wort traf sie wie ein Schlag. Fickstück. So einfach war das für Elvira. Sie konnte das sagen, konnte es laut und stolz aussprechen, als wäre es das größte Kompliment. Und Max lächelte nur, legte seine Hand auf Elviras Hüfte und zog sie zu sich.
Sabine sah zu, wie sie sich küssten. Elviras Hände griffen in Max' Haare, seine Hände wanderten über ihren Rücken, ihren Po. Es war nicht zärtlich, es war nicht wie bei ihr vorhin. Er war gierig, hungrig, als wollte er sie verschlingen. Und Sabine spürte, wie sich etwas in ihrer Brust zusammenzog – ein Schmerz, der nicht körperlich war, aber genauso real.
Sie musste zusehen. Sie stand nackt in der Mitte des Raums, und während Elvira und Max sich auf das Bett fallen ließen, während sie ihre Körper ineinander verschlangen, während sie stöhnte und er keuchte, war Sabine gezwungen, dabei zu sein. Zuzusehen, wie der Junge, den sie heimlich geliebt hatte, eine andere nahm. Und zwar nicht nur nahm – er nahm sie mit einer Selbstverständlichkeit, die Sabine das Herz zerriß.
Ihre Finger zitterten. Sie wollte wegsehen, aber ihre Augen gehorchten nicht. Sie sah, wie Max' Hände über Elviras Körper glitten, wie er sie auf den Rücken drückte, wie er sich über sie beugte. Sie sah, wie Elvira die Beine um ihn schlang und ihn zu sich zog, wie sie lachte – dieses laute, triumphierende Lachen, das Sabine am liebsten die Ohren zugehalten hätte.
Und während sie zusah, während der Schmerz in ihrer Brust immer größer wurde, begann eine andere Angst in ihr zu wachsen. Eine Angst, die viel tiefer saß als die Eifersucht. Was, wenn sie zog, und der Junge, dessen Name auf ihrem Zettel stand, nicht bereit war? Was, wenn er sie ansah und sagte: "Nein, danke"?
Sie stellte sich vor, wie sie dastand, nackt und verwundbar, den Zettel in der Hand, und wie einer der Jungs den Kopf schüttelte, wie er sagte: "Mit dir nicht." Oder schlimmer noch: wie er sie nahm, aber mit einem Gesicht, das zeigte, dass er eigentlich nicht wollte. Dass er es nur tat, weil er musste, weil die Regeln es verlangten. Dass sie nicht begehrt wurde, nur geduldet.
Ihr Magen drehte sich. Sie war nicht wie Elvira. Elvira war schön, selbstbewusst, sie wusste, wie sie sich bewegen musste, wie sie die Jungs um den Finger wickeln konnte. Sabine war nur Sabine – mit ihren schmalen Schultern, ihren unsicheren Blicken, ihrer Haut, die unter Berührungen errötete. Sie hatte noch nie mit einem Jungen geschlafen. Sie wusste nicht, ob sie gut genug war. Ob sie überhaupt wusste, was sie tun sollte.
Und dieser Gedanke fraß an ihr. Während Max sich über Elvira beugte, während ihre Stöhnen lauter wurde, während die anderen Jungs zusahen und leise Kommentare machten – Sabine stand da und fühlte, wie die Angst sie langsam von innen auffraß. Nicht die Angst vor dem Sex. Nicht diejenige zu sein, die einer der Jungs wirklich haben wollte.
Sie sah zu Elvira hinüber, die jetzt auf Max' Schoß saß, die sich auf und ab bewegte, deren Gesicht vor Lust verzerrt war. Sie sah, wie Max' Hände ihren Po umfassten, wie er den Kopf zurückwarf und stöhnte. Sie sah, wie glücklich sie aussahen – und wie ausgeschlossen sie sich fühlte.
Ihre Augen wurden feucht, aber sie weinte nicht. Sie durfte nicht weinen. Nicht hier, nicht vor ihnen allen. Sie ballte ihre Hände zu Fäusten, ihre Nägel gruben sich in ihre Handflächen, und sie zwang sich, ruhig zu atmen. Es war nur eine Verlosung, sagte sie sich. Nur eine Nacht. Nur eine Regel. Aber tief in ihr wusste sie, dass es um mehr ging. Es ging darum, ob sie es wert war. Ob sie begehrt wurde. Ob jemand sie wollte – wirklich wollte, nicht nur, weil die Regeln es verlangten.
Elvira lachte laut auf, warf den Kopf zurück, und Max beugte sich vor, um ihren Hals zu küssen. Sabine sah, wie seine Hand zwischen ihre Beine wanderte, wie Elvira sich ihm entgegenpresste. Und sie fragte sich, ob sie jemals so sein konnte. Ob sie jemals so selbstverständlich begehrt werden würde, so ohne Zweifel, so ohne Angst.
Die Schachtel mit den Losen stand noch auf dem Tisch. Sechs Zettel waren übrig. Einer davon würde ihr Schicksal bestimmen.
Sie zitterte, als sie daran dachte. Ihre Haut war kalt, obwohl der Raum warm war. Sie hielt sich die Arme, als könne sie sich selbst beschützen, aber es half nichts. Sie war nackt, nackt vor ihnen allen – nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Und das war das, was sie am meisten fürchtete: Dass sie durchschaut würden. Dass sie sähen, wie unsicher sie war. Dass sie wüssten, dass sie nur ein kleines, ängstliches Mädchen war, das sich etwas vorgemacht hatte. Da half auch ihre Volljährigkeit nicht.
Max' Stimme drang durch ihre Gedanken. Er sagte etwas zu Elvira, etwas, das sie nicht verstand, aber Elvira lachte und beugte sich zu ihm hinunter. Und während sie sich küssten, während ihre Körper sich bewegten, während sie sich verloren in dieser Nacht, wusste Sabine nur eines: Gleich würde sie an der Reihe sein.
Sabine hörte ihren Namen, aber es klang, als käme er von weit her, durch eine dicke Wand aus Watte. Johannes' Stimme war ruhig, fast teilnahmslos, als würde er eine lästige Pflicht erledigen. "Sabine, du bist dran."
Sie stand auf. Ihre Beine trugen sie, aber sie spürte sie kaum. Der Weg zum Tisch war nur ein paar Schritte, aber jeder einzelne fühlte sich an, als würde sie über Scherben gehen. Der kalte Boden unter ihren nackten Füßen, die Blicke auf ihrer Haut, das leise Stöhnen von Elvira und Max im Hintergrund – alles verschwamm zu einem einzigen, bedrohlichen Rauschen in ihren Ohren.
Die Schachtel stand vor ihr. Durchsichtiges Plastik, sechs zusammengefaltete Zettel. Es sah so harmlos aus, so alltäglich. Wie eine Schachtel Bonbons, aus der man sich eine Süßigkeit nimmt. Aber Sabine wusste, was in diesen Zetteln steckte: ihr Schicksal für diese Nacht. Wer über ihren Körper, ihre erste Nacht, ihre Jungfräulichkeit verfügen würde.
Ihre Hand zitterte, als sie sie ausstreckte. Die Finger berührten die Plastikschachtel, kalt und glatt. Sie griff hinein, ihre Fingerspitzen streiften die Zettel, und für einen Moment wollte sie einfach einen nehmen, irgendeinen, es schnell hinter sich bringen. Aber ihre Finger zögerten. Sie spielten über die kleinen Papierstücke, als könnte sie durch Berührung erraten, welcher Name daraufstand. Welches Los ihr die sicherste, die erträglichste Nacht bescheren würde.
In ihrem Kopf flackerten Bilder auf. Videos, die sie heimlich im Netz gesehen hatte, mit angehaltenem Atem und pochendem Herzen, während sie sich schämte und gleichzeitig nicht wegschauen konnte. Die Gesichter der Mädchen, die mal erschrocken, mal schmerzverzerrt, mal seltsam entrückt aussahen. Das Blut auf den Laken, das sie jedes Mal zusammenzucken ließ. Die selbstbewussten, oft abgebrüht wirkenden Jungs, die das alles so unaufgeregt, so routiniert zu vollziehen schienen.
Sie hatte sich immer gefragt, wie sich das anfühlen würde. Der Moment, wenn etwas in ihr aufbrechen würde, das sie ihr ganzes Leben lang beschützt hatte. Wenn ein anderer Mensch in sie eindrang, in ihren intimsten Raum, der bisher nur ihr gehört hatte. Würde es wehtun? Würde sie schreien? Würde sie einfach nur still liegen und es geschehen lassen, wie die Mädchen in den Videos, deren Gesichter sie nicht vergessen konnte?
Aber jetzt, in diesem Moment, war das nicht ihre größte Angst. Ihre größte Angst war viel einfacher, viel grausamer: Was, wenn der Junge, dessen Name auf diesem Zettel stand, sie nicht wirklich wollte?
Sie hatte im Unterricht manchmal die Jungs beobachtet, wenn sie über Mädchen sprachen. Sie hatten ihre eigenen Kriterien, ihre eigenen Bewertungen. Manche waren "heiß", andere "naja", manche "nicht mein Typ". Sabine wusste nicht, wo sie selbst in dieser Skala stand. Sie hatte nie einen Jungen geküsst, nie geflirtet, nie dieses Spiel gespielt, das alle anderen so selbstverständlich beherrschten. Sie war die Stille, die Zurückhaltende, die im Hintergrund blieb.
Und jetzt sollte sie sich einem dieser Jungs hingeben – einem, der sie vielleicht nur als "naja" einstufte, der sie nahm, weil sie die Nächste war, nicht weil er sie begehrte. In den Videos waren die Mädchen immer so hingebungsvoll, so willig. Sabine wusste nicht, ob sie das konnte. Ob sie sich fallen lassen konnte, wenn sie wusste, dass der andere sie nur duldete.
Ihre Finger schlossen sich um einen Zettel. Sie zog ihn aus der Schachtel, langsam, als würde sie eine Bombe entschärfen. Das Papier war warm von ihrer Berührung, ein kleiner, unscheinbarer Zettel, der über ihr Schicksal entschied.
Sie faltete ihn auf. Die Kanten waren scharf. Sie hob ihn vor ihre Augen, aber für einen Moment konnte sie nichts sehen – ihre Sicht war verschwommen, ihre Gedanken ein einziger, panischer Wirbel.
Sie atmete ein. Der Zettel war nah vor ihren Augen, die Buchstaben verschwommen. Sie blinzelte, versuchte, sich zu konzentrieren, während hinter ihr Elviras Stöhnen lauter wurde und sich mit dem schweren Atmen der anderen Jungs vermischte, die darauf brannten, als Nächste dranzukommen.
Und dann, endlich, fokussierte sich ihr Blick. Der Name wurde sichtbar. Ein Wort. Ihre Lippen formten den Namen lautlos, während ihre Finger den Zettel umklammerten.
Wer ist es?
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