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Chapter 6
Wen bittet Scheibner ins sein Büro?
Clara
Scheibner war überrascht, um nicht zu sagen schockiert, als Clara sein Büro betrat. Anstelle eines zarten Püppchens, das er nach dem Lesen ihres Dossiers erwartet hatte, stiefelte ein mustergültiges Goth-Girl auf dicksohligen Tretern auf ihn zu. Sie trug ein schwarzes Minikleid aus Spitze mit rundem Ausschnitt und langen, weit ausgestellten Ärmeln, dazu transparente Netzstrümpfe. Ihren ohnehin bleichen Teint hatte sie mit Puder weiter aufgehellt, wodurch ein scharfer Kontrast zu ihrem dunklem Lidschatten und schwarz geschminkten Lippen entstand. Ihre leuchtend grünen Augen wurden durch dicke Kajal-Striche betont. An ihren Fingern steckten mehrere schwere, teils schon schwarz angelaufene Silberringe, dazu passend baumelten von ihren Ohren dicke silberne Anhänger in Form eines Eidechse und einer Spinne. Ihr auf dem Foto noch kastanienbraunes Haar hatte sie leuchtend rot gefärbt und zu einer wilden Mähne aufgeföhnt.
Sie baute sich vor seinem Schreibtisch auf, legte kokett eine Hand an ihre Hüfte und sagte: "Hallo Herr Scheibner! Oder darf ich Frank sagen?"
Sie bemühte sich, ihre Stimme rauchig klingen zu lassen, was aber zu einem Hustenanfall führte, der den gewünschten sinnlich-geheimnisvollen Effekt ruinierte. Scheibner erkannte sofort, dass sie nur eine Maske trug, eine Rolle spielte. Unter der Fassade fand sich seiner Einschätzung nach eine unsichere, junge Frau, die um jeden Preis auffallen wollte.
Clara wäre am liebsten sofort wieder geflüchtet. Sie hatte diesen Auftritt zuhause in ihrer Bude so oft geübt. Und nun, wo es drauf ankam, hatte sie ihn gnadenlos verpatzt. Eigentlich war sie ruhig und introvertiert, nur wenn sie auf der Bühne eine andere Person darstellte, konnte sie aus sich herausgehen. Und was war das hier anderes als eine Bühne? Schon als kleines Mädchen hatte sie es geliebt, sich zu verkleiden. Dann hatte sie begonnen, Theater zu spielen und ihre Kostüme dafür selbst zu schneidern. Dazu hatte sie viele authentische Quellen über historische Kleidung und die Kultur vergangener Epochen gesammelt, was sie letztlich zur Wahl ihres Studienfachs geführt hatte.
Die ganze Nacht über hatte sie gegrübelt, wie sie sich dem Vermieter präsentieren sollte und sich am Ende entschieden, sich hinter dem Bild einer taffen Göre zu verstecken, um ihre Nervosität zu verstecken. Ihr Herz klopfte aber so stark, dass sie fürchtete, dass man den Puls durch das dünne Kleid hindurch sehen müsste. Dabei sah sie eigentlich fantastisch aus. Das knappe Kleidchen schmiegte sich eng an ihren Körper und betonte jede Kurve. Ihre schlanken Beine ließ es dabei komplett frei. Die in den Stoff eingewebten Muster fingen das Licht im Raum ein und erzeugten interessante Schattenspiele.
Scheibner ließ sie noch ein bisschen zappeln, erst dann nahm er ihre Begrüßung auf. "Ja, du darfst mich gerne Frank nennen. Setz dich doch, Clara."
Erleichtert nahm das Mädchen Platz. Bei der Bewegung kam sie wieder in das vorbereitete Fahrwasser. Wie sie es trainiert hatte, schlug sie in einer kalkulierten Bewegung die Beine übereinander. Das eine Knie, das sie anhob, um es über das andere zu legen, ließ einen Moment länger als notwendig in der Luft schweben, um ihrem Gegenüber die Gelegenheit zu geben, unter den kurzen Saum ihres Rockes zu schielen. Erwartungsgemäß tat Scheibner ihr diesen Gefallen. Auf dem Stuhl nahm sie eine einstudierte anmutige Pose ein und wartete auf die erste Frage.
"Also, Clara", Scheibner legte die Fingerspitzen beider Hände gegeneinander und sah seine Besucherin darüber hinweg nachdrücklich an, "du willst in das Studentinnen-Haus einziehen. Weißt du, was das bedeutet?"
“Ja, ganz genau. Diese Chance zu bekommen, würde mir so viel bedeuten. Ich habe das Gefühl, ich könnte dort aufblühen. Ich glaube, es ist ein Ort, an dem ich mich wirklich selbst finden und mein ganzes Potential entfalten kann. Meine Eltern meinten es nur gut, denke ich, sie wollten mich nur beschützen. Aber ihre Fürsorge hinderte mich daran, zu wachsen und auf eigenen Füßen zu stehen. Als ich dann auszog und hier in der Stadt mein erstes eigenes Zimmer bezog, hoffte ich, dass ich damit endlich die Freiheit gewonnen hätte, nach der ich mich sehnte. Aber die Umgebung, in der ich jetzt leben muss, ist bedrückend und belastend. Ich wünsche mir so, in ein anderes, inspirierendes Umfeld ziehen zu dürfen. Ich wäre dir wahnsinnig dankbar, wenn du mich aufnimmst.“
Mit jedem Satz war ihre Stimme leiser geworden, bis sie am Schluss fast flüsterte. Dann setzte sie ein melancholisches, um Mitleid heischendes Lächeln auf.
Scheibner war hin und her gerissen. Zum einen weckte Claras Darbietung seinen Beschützerinstinkt. Zum anderen spürte das Raubtier in ihm die Schwäche, die in ihr wohnte. Sie würde exakt in sein Beuteschema passen. ****, unsicher, formbar. Unschuldig? Das galt es herauszufinden. Das Wasser lief ihm im Mund zusammen. Er zeigte seine Zähne in der Absicht, einen warmen, persönlichen Eindruck zu machen.
"Ich verstehe. Und ich denke, wir können ganz bestimmt zu einer Übereinkunft kommen, von der wir beide etwas haben. Aber ..."
Während er sprach, streckte Clara in einer hilfesuchenden Geste ihren Arm aus, legte ihre Finger auf die Kante des Schreibtisches und strich sanft über das Holz, als wolle sie dessen Textur prüfen. "Oh, so rau, so fest und hart", murmelte sie kaum hörbar.
Scheibner bekam plötzlich einen Kloß im Hals und musste schlucken. "... aber ich möchte erst mit allen Bewerberinnen sprechen. Du verstehst?"
Clara nickte und beugte sich leicht nach vorn. "Natürlich. Ich bin sicher, dass viele Leute um deine Aufmerksamkeit betteln. Aber ich denke, dass ich etwas Einzigartiges zu bieten habe. Ich wäre keine einfache Mieterin. Ich könnte dir bei Bedarf auch ganz besondere Dinge bieten. Ich hoffe, wir ... sehen uns wieder."
Ihre Wangen erröteten leicht, eine perfekte Mischung aus Unschuld und Andeutung. Ihre Worte waren mehr als zweideutig und überließen gerade genug der Fantasie, dass Scheibner ins Grübeln kam. Dann wandte sie ihm den Rücken zu und schritt mit kalkuliert schwingendem Gang zur Tür, wodurch ihr Röckchen bei jedem Schritt den Ansatz ihrer Pobacken aufblitzen ließ.
Claras hoffte, dass ihre Vorstellung erfolgreich gewesen war. Eine meisterliche Mischung aus Subtilität, Verletzlichkeit, Charme, mit dem richtigen Maß an Flirt um sicherzustellen, dass sie dem Vermieter noch lange nach ihrem Weggang im Gedächtnis blieb.
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Updated on Oct 8, 2025
by Toby Mark
Created on Oct 13, 2020
by Toby Mark
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