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Café am Rathaus
Der Weg über den John-F.-Kennedy-Platz fühlte sich an wie ein Gang über glühende Kohlen. Jeder Schritt in der groben Jeans ohne schützenden Stoff darunter schabte unbarmherzig über den polierten Chirurgenstahl. Die Reibung sandte mit jedem Schritt kurze, scharfe Impulse durch mein Becken, und meine Lippen fühlten sich noch immer taub an – belegt von dem Geschmack, den Loona wie ein unsichtbares Brandzeichen auf meiner Zunge hinterlassen hatte.
Das Café gegenüber dem Rathaus Schöneberg war an diesem Sonntagnachmittag gut besucht. Gedämpftes Klappern von Kaffeetassen, das Zischen der Siebträgermaschine und das sonntägliche Gemurmel von Familien und Paaren empfingen mich, als ich die Glastür aufstieß.
Timo saß bereits an einem kleinen Holztisch am Fenster. Er trug eine dunkelblaue Bomberjacke über einem grauen Hoodie, saß mit weit gespreizten Knien da und scrollte grinsend durch sein Smartphone. Ein Bild absoluter, unbeschwerter Sorglosigkeit.
Als er mich bemerkte, sprang er schwungvoll auf und streckte mir die Hand entgegen.
„John, mein Bester! Da bist du ja.“ Er packte meine Hand mit festem Druck und zog mich kurz in eine dieser typisch kumpelhaften Umarmungen, schlug mir zweimal derb auf den Rücken.
Jeder Schlag vibrierte durch meinen Oberkörper bis hinab zu den verheilenden Striemen auf meinen Oberschenkeln. Ich zwang meine Gesichtsmuskeln zu einem entspannten Lächeln, erwiderte den Händedruck und schluckte trocken. Mein Mund war wie ausgedörrt.
„Hi, Timo. Gut siehst du aus“, brachte ich hervor. Meine Stimme klang erstaunlich stabil, fast beiläufig – die Maske saß.
„Ich fühl mich auch wie der König der Welt, Alter“, grinste er, ließ sich wieder in seinen Stuhl fallen und winkte der Bedienung. „Setz dich! Ich hab mir schon einen doppelten Espresso reingepfiffen, aber ich brauch noch einen. Du nimmst auch was, oder?“
Ich ließ mich langsam auf den Holzstuhl sinken. Die harte Sitzfläche presste die Kanten der Micro-Hülse sofort brutal gegen mein Schambein. Ein stummer Schmerz schoss mir in die Leistengegend; ich legte beide Hände auf die Tischplatte und atmete unmerklich durch die Nase aus.
„Einen Cappuccino, bitte“, sagte ich zur Kellnerin, die kurz herantrat, um die Bestellung aufzunehmen.
Kaum war die Frau außer Hörweite, beugte sich Timo mit funkelnden Augen über den Tisch. Er war kaum zu bremsen, die Energie sprudelte aus ihm heraus.
„Alter, ich schwör dir… Nadja. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.“ Er lachte kopfschüttelnd, fast ungläubig über sein eigenes Glück. „Wir waren erst in Kreuzberg was trinken. Eigentlich dachte ich, sie ist so eine distanzierte, unnahbare Nummer – du kennst sie ja ein bisschen über deine Stiefschwester, oder?“
Mein Herz setzte einen Schlag aus. Der Geschmack von Loona schien schlagartig wieder über meine Schleimhäute zu brennen.
„Ja… flüchtig“, erwiderte ich, die Finger krampfhaft um die Ränder der Papierserviette gelegt. „Loona und sie kennen sich schon länger.“
„Jedenfalls“, fuhr Timo fort, seine Stimme senkte sich zu einem verschwörerischen Flüstern, das mich mitten in den Magen traf, „sie nimmt mich mit zu sich. Und Alter, ab dem Moment, wo die Tür ins Schloss fiel, war die Frau wie ausgewechselt. Absolut hemmungslos. Die hat mich regelrecht dirigiert – auf die beste Art, die du dir vorstellen kannst.“
Er lehnte sich zurück, schüttelte lachend den Kopf und fuhr sich mit der flachen Hand über den Nacken.
„Gestern Nacht noch… wir lagen auf dem Bett, und sie hat Sachen aus mir herausgeholt, von denen ich nicht mal wusste, dass ich drauf stehe. Ich hab sie gefühlt die halbe Nacht wachgehalten. Die Frau kriegt einfach nicht genug. Ich bin heute Morgen aufgewacht und meine Knochen tun weh, so hat die mich rangenommen.“
Ich starrte ihn an. Meine Pupillen fixierten seine Lippen, seine Augen, das triumphierende Glänzen auf seiner Stirn.
In meinem Kopf explodierten die Bilder. Ich sah genau das Zimmer vor mir. Das breite Bett. {reader:Nadjas} Blick – dieser eiskalte, herablassende Blick, mit dem sie damals auf mich herabgesehen hatte, während ich stumm auf den Knien kauerte, den Stahl zwischen den Schenkeln, unwürdig, überhaupt nur dieselbe Luft zu atmen. Und hier saß Timo, mein bester Freund, der sich für den größten Eroberer Berlins hielt und keinen blassen Schimmer davon hatte, dass er nichts weiter war als ein Werkzeug. Ein dressierter Hengst, den die Frauen nach Belieben lenkten, um mich zu brechen.
Unter dem Tisch spannte sich mein Unterleib in einer Welle aus perverser, erdrückender Demütigung an. Mein Fleisch versuchte verzweifelt anzuschwellen, prallte aber mit voller Wucht gegen die unnachgiebigen Wände des Chirurgenstahls. Der Schmerz war stechend, fast betäubend, doch er riss mir den Boden unter den Füßen weg. Ich war hier der Verlierer – und gleichzeitig der Einzige, der das gesamte Spiel überblickte.
„Klingt… intensiv“, brachte ich mühsam hervor. Meine Hand griff nach der Kaffeetasse, die die Kellnerin gerade abgestellt hatte. Der heiße Milchschaum berührte meine Lippen, und {reader:Loonas} Worte hallten mit grausamer Präzision in meinem Schädel wider: *Denk daran, wo dein Mund eben war.*
„Intensiv ist gar kein Wort, Mann!“, lachte Timo und klopfte mit der Handfläche auf das Holz. „Ich glaube echt, das wird was Längeres. Sie meinte heute Morgen, sie will mich nächstes Wochenende wiedersehen. Vielleicht bringt sie Loona mit und wir trinken zu viert was? Was meinst du?“
Ein Schaudern kroch mir kalt über den Rücken. Die Schlinge zog sich immer enger, das Netz aus Kontrolle und Erniedrigung spannte sich lückenlos über mein Leben.
„Können wir… können wir gerne machen“, sagte ich und zwang mich zu einem aufmunternden Nicken. „Freut mich wirklich für dich, Timo. Wirklich.“
Er musterte mich kurz, seine Miene wurde für einen kurzen Augenblick aufmerksam. „Sag mal, alles klar bei dir? Du siehst ein bisschen blass aus um die Nase. Hast du das Wochenende wieder nur über Büchern gehangen?“
„Ein bisschen“, log ich und trank einen Schluck, um Zeit zu gewinnen. „Anatomie-Testat steht an. War viel Stoff.“
„Du machst dich immer viel zu verrückt mit dem Kram“, winkte er gutmütig ab und griff nach seiner Tasse. „Du musst dir auch mal was gönnen, John. Such dir endlich mal eine Frau, die dir den Kopf wäscht. Glaub mir, das setzt ganz andere Kräfte frei.“
Ich lächelte schwach.
In diesem Moment summte mein Telefon stumm in meiner Jackentasche.
Ich zog es unter dem Tisch hervor, schirmte das Display ab und warf einen flüchtigen Blick darauf. Eine Nachricht von Mira.
*Mira: „Ich hoffe, du schlägst dich tapfer im Café. Denk daran, wem du gehörst. Ich habe für morgen Mittag einen Tisch reserviert. Bring deine Notizen mit – und sei pünktlich an der Charité.“*
Die Worte brannten sich wie lindernder Balsam in mein überreiztes Nervensystem.
Die zersetzende Scham, die {reader:Timos} Geschwätz in mir aufgetürmt hatte, verlor mit einem Schlag ihr lähmendes Gift. Timo saß vor mir und glaubte, die Welt erobert zu haben. Aber er war ein Blinder, der im Kreis lief.
Ich dagegen war versiegelt, beherrscht und bis auf die Knochen entblößt worden – doch morgen würde ich an der Charité sitzen. Nicht mit Loona, nicht mit Nadja, sondern mit Mira. Einer Frau, die meine Ketten hielt, meinen Intellekt forderte und mich genau so nahm, wie ich war.
„Ja“, sagte ich leise und sah Timo direkt in die Augen, während ich mein Telefon wieder wegsteckte. „Du hast wahrscheinlich recht. Man muss sich manchmal einfach darauf einlassen.“
Timo musterte mich über den Rand seiner Tasse hinweg, die Brauen leicht nach oben gezogen. Mein kurzer Blick aufs Display und das kaum merkliche Lächeln waren ihm nicht entgangen.
„Was grinst du so ertappt?“, hakte er mit diesem lauernden Kumpelton nach. „Lass mich raten: Nicht das Anatomie-Testat, oder?“
Ich schob das Telefon zurück in die Tasche, lehnte mich ein Stück zurück – so weit es der harte Druck der Micro-Hülse gegen mein Schambein erlaubte – und sah ihn direkt an. Die Maske des gehemmten Einzelgängers, die ich jahrelang vor ihm getragen hatte, bekam einen Riss, doch was darunter zum Vorschein kam, war keine Schwäche.
„Eigentlich… gibt es da tatsächlich jemanden“, sagte ich ruhig.
Timo riss die Augen auf. Sein Löffel klirrte gegen den Unterteller. „Was? Du verarschst mich doch. Seit wann? Wer?“
„Mira“, antwortete ich, und der Name ging mir mit einer verblüffenden, warmen Selbstverständlichkeit über die Lippen. „Sie ist bei mir im Semester, wir sind in derselben Arbeitsgruppe. Wir waren gestern Abend zusammen aus. Im *Borchardt*.“
Für einen Moment herrschte absolute Stille an unserem Tisch. Timo starrte mich an, als hätte ich ihm gerade auf Latein eröffnet, dass ich zum Mars fliege. Dann brach ein schallendes, fassungsloses Lachen aus ihm heraus, das die Gäste an den Nachbartischen kurz herumfahren ließ. Er schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte.
„Im *Borchardt*? Du? Alter!“, prustete er, schüttelte ungläubig den Kopf und sah mich mit neu erwachtem Respekt an. „Keine halben Sachen, was? Und wie lief’s? Erzähl schon!“
„Sehr gut“, erwiderte ich, und diesmal musste ich kein Gefühl vortäuschen. Die Erinnerung an ihr Gesicht im Kerzenschein, an ihre ruhige, fordernde Art und an den Moment, als sie mich auf ihrem Sofa festhielt, stand mir glasklar vor Augen. „Wir haben uns stundenlang unterhalten. Sie ist… außergewöhnlich. Intelligent, direkt, weiß genau, was sie will. Es hat einfach gepasst.“
„Verdammt, John, das freut mich unfassbar für dich“, sagte Timo ehrlich, und in seinem Blick lag für einen Moment echte Kameradschaft. Er griff nach seinem Glas Wasser, hob es kurz an und stieß virtuell mit mir an. „Wurde auch Zeit, dass du mal aus deinem Tunnel rauskommst. Sieht man sie denn bald mal? Doppeldate mit mir und Nadja?“
Ein feiner Schauer lief mir über den Nacken, das vertraute, dunkle Prickeln. In meinem Kopf blitzte das Bild auf: Nadja, die weiß, wer und was ich bin; Timo, der ahnungslose Prahlhans; und Mira, die am Kopfende sitzt, mich mit einem einzigen Blick beherrscht und das ganze Spiel mit stummer, überlegener Eleganz dirigiert.
„Mal sehen“, sagte ich mit einem feinen, kontrollierten Lächeln. „Erstmal eins nach dem anderen. Wir sehen uns morgen wieder an der Uni.“
„Sauber, Junge. Wirklich, absolut sauber.“ Timo blickte kurz auf seine Sportuhr, leerte seinen Espresso mit einem letzten Zug und schnappte nach seiner Bomberjacke. „Ich muss leider auch schon los, hab Nadja versprochen, ihr noch beim Einkaufen zu helfen. Sie will, dass ich koche – frag nicht, ich kann eigentlich nur Pasta mit Pesto, aber für die Frau lern ich auch noch Coq au Vin.“
Er stand auf, warf einen Zehn-Euro-Schein auf den Tisch und klopfte mir noch einmal fest auf die Schulter.
„Morgen Charité, Alter. Halt mich auf dem Laufenden!“
„Mach ich. Bis morgen, Timo.“
Ich sah ihm nach, wie er schwungvoll durch die Glastür trat und mit federnden Schritten in Richtung U-Bahn verschwand. Ein freier Mann, der sich für den Herrscher seiner Welt hielt – und doch keine Ahnung hatte, wie sehr er nur ein Statist in einem Drehbuch war, das andere schrieben.
Ich blieb noch ein paar Minuten sitzen, trank meinen Cappuccino aus und bezahlte.
Als ich wieder auf die Straße trat, hatte die Dämmerung Schöneberg in ein kaltes, violettes Licht getaucht. Der Wind schnitt durch meinen Pullover, und der raue Denim der Jeans rieb mit unnachgiebiger Härte über die Kanten des Chirurgenstahls. Doch der Schritt fühlte sich nicht mehr schwer an.
Ich nahm die U-Bahn nach Steglitz. In meinem Zimmer zog ich die alte Reisetasche unter dem Bett hervor. Mit methodischer Ruhe packte ich Hemden, Hosen, Fachbücher und meine Notizen für die Klinik ein.
Im Flur lehnte Loona an der Wand, die Arme verschränkt, und sah mir stumm zu, wie ich den Reißverschluss der Tasche schloss.
„Und?“, fragte sie leise. „Hat er geschluckt?“
„Vollständig“, antwortete ich und sah ihr direkt in die Augen. „Er plant schon ein Doppeldate mit Nadja, Mira und mir.“
Ein dunkles, unverhohlenes Vergnügen blitzte in {reader:Loonas} Augen auf. Sie nickte langsam, beinahe anerkennend.
„Perfekt. Du lernst schnell, John.“ Sie trat einen Schritt zur Seite und gab den Weg zur Haustür frei.
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