What's next?
Bro-Code und Edelstahl
Der Vormittag verging wie in einer zähen, dumpfen Trance.
Im Fitnessstudio war jede Wiederholung an der Beinpresse zur reinen Zerreißprobe geworden. Bei jedem Absenken des Gewichts bohrte sich der schmale Edelstahlring tiefer in die gereizte Haut meines Schambeins, unnachgiebig und scharf, während das winzige Gitterrohr mein komprimiertes Fleisch bei jeder Bewegung erbarmungslos gegen den Stoff der Trainingshose rieb. Danach der Fußmarsch durch die Stadt mit zwei überladenen Einkaufstaschen, deren Henkel mir in die Handflächen schnitten – ein taubes Funktionieren unter dem stummen Blick der Passanten, die in mir nichts anderes sahen als einen gewöhnlichen Studenten auf dem Rückweg vom Supermarkt. Niemand ahnte, was unter dem dunklen Denim verborgen lag, versiegelt mit einem Vorhängeschloss, dessen Schlüssel in Loonas Nachttischschublade ruhte.
Gegen Nachmittag war die Wohnung wieder in jenes gespenstische Schweigen getaucht. Loona war unterwegs, in der Stadt oder bei Freundinnen, und hinterließ nur die makellose Ordnung, die ich am Morgen für sie geschaffen hatte.
Ich saß an meinem Schreibtisch, den Monitor eingeschaltet, das Headset über die Ohren gezogen. Die kühle Luft des offenen Fensters strich über meine Unterarme, während auf dem Bildschirm das vertraute Interface des Spiels leuchtete.
Ein kurzes Ploppen im Sprachkanal kündigte ihn an.
„Jo, Alter!“, dröhnte Timos Stimme laut und energiegeladen durch die Kopfhörer, begleitet vom Klicken seiner Maus. „Bist du schon in der Lobby? Warte, ich joine dir gleich.“
„Bin schon drin“, antwortete ich und bemühte mich, meiner Stimme jenen lockeren, gleichgültigen Unterton zu verleihen, den er von mir gewohnt war. Jedes Vorlehnen im Bürostuhl sandte einen dumpfen Stich durch mein Becken, wo der Stahl keinen Zentimeter nachgab.
„Mann, ich sag dir, ich bin heute wie auf Wolken durch den Tag gelaufen“, fing Timo ohne Umschweife an, während sein Charakter im Spiel neben meinem auftauchte. Ein tiefes, heiseres Lachen vibrierte in seiner Leitung. „Ich muss dir das einfach nochmal sagen: Du bist echt der absolut Beste, John. Ohne Scheiß, eine absolute Legende. Dass du dich da neulich so diskret verkrümelt hast… Bro-Code auf einem ganz neuen Level.“
Meine Finger verkrampften sich unmerklich um den Controller. „Schon gut, Alter. War doch kein Ding.“
„Kein Ding? Junge, du weißt gar nicht, was du mir da ermöglicht hast“, fuhr er begeistert fort, völlig gefangen in seinem Triumph. „Ich mein, ich wusste ja, dass sie heiß ist, aber der Sex gestern? Absoluter Wahnsinn. Ich hab selten eine Frau erlebt, die so abgeht, wenn man sie richtig anpackt. Da war null Zurückhaltung, einfach nur roh und verdammt intensiv.“
Jedes seiner Worte traf mich wie ein dumpfer Schlag gegen die Schläfe. Mein Herzschlag beschleunigte sich, unwillkürlich, getrieben von einer toxischen Mischung aus purer Ohnmacht und dieser perversen, verbotenen Hitze, die tief im kalten Metall zu pulsieren begann. Ich sah die Flecken auf dem Polster vor mir, den Geruch nach fremdem Schweiß im Wohnzimmer, den ich eigenhändig weggewischt hatte.
„Klingt… als hättet ihr Spaß gehabt“, murmelte ich trocken und starrte starr auf das Fadenkreuz auf dem Bildschirm.
„Spaß ist gar kein Ausdruck“, erwiderte Timo feixend. Das Rascheln von Stoff war zu hören, dann das typische helle Aufleuchten eines Displays im Hintergrund seiner Übertragung. „Und das Beste kommt ja noch. Sie lässt mich überhaupt nicht mehr zur Ruhe kommen. Sie hat mir vorhin, als ich in der Bahn saß, einfach mal ein paar Fotos rübergeschickt.“
Mein Atem stockte für den Bruchteil einer Sekunde. „Was für Fotos?“
„Alter… sie liegt auf ihrem Bett, nur in diesem schwarzen Spitzenhöschen, die Beine leicht angewinkelt, und schaut direkt in die Kamera mit diesem Blick… du weißt schon, als würde sie dich auffordern, sofort wieder vorbeizukommen. Komplett versaut. Ich saß da in der U-Bahn und musste echt aufpassen, wie ich aufstehe.“ Er lachte schmutzig, selbstgefällig und vollkommen berauscht von der Bestätigung. „Ich schwör’s dir, Freitag wird ein Abriss. Sie meinte schon, ich soll pünktlich sein und ordentlich Energie mitbringen.“
Ich saß stumm vor dem Monitor. Unter dem Stoff schnitt der enge Ring unbarmherzig in mein Fleisch, als wolle er mich dafür bestrafen, dass mein Körper auf seine Worte reagierte.
Loona schickte ihm Bilder aus genau dem Zimmer, an dem ich jeden Tag vorbeischlich. Sie fütterte sein Verlangen, während sie meines in millimeterdünnem Edelstahl erstickte. Und Timo saß an seinem Rechner, hielt mich für seinen treuesten Verbündeten und hatte nicht den Hauch einer Ahnung, dass der beste Freund, mit dem er gerade zockte, als stummes, geschrumpftes Eigentum in derselben Wohnung existierte.
Auf dem Bildschirm explodierte eine Granate, riss meinen Spielcharakter in Stücke und tauchte die Ränder des Monitors in ein grelles, pulsierendes Rot. Ich hatte die Deckung schlichtweg verpasst, die Hände auf Tastatur und Maus wie eingefroren.
„Alter, John! Pass doch auf, du läufst ja voll ins offene Messer“, polterte Timos Lachen durch die Kopfhörer, gefolgt von einer schnellen Salve seiner Waffe. „Reiß dich mal zusammen, ich brauch Feuerschutz. Oder denkst du etwa schon an Freitag?“
„Bin nur… ein bisschen durch vom Beintraining vorhin“, brachte ich mühsam heraus. Meine Stimme klang dünner, als ich wollte, heiser von der Anspannung, die mir wie eine Schraubzwinge um die Brust lag.
„Beintraining? Guter Mann. Du musst in Form bleiben, falls du dir doch mal wieder eine klarmachen willst“, flachste er, vollkommen ahnungslos, während er die nächste Runde startete. Das dumpfe Klicken seiner mechanischen Tastatur füllte die Stille zwischen uns. „Wobei, ganz ehrlich… wenn du siehst, wie Loona abgeht, verliert man fast den Geschmack an normalen Mädels. Sie hat mir vorhin noch geschrieben, dass sie für Freitag neue Sachen besorgt hat. Irgendwas aus schwarzem Leder, meinte sie nur. Ich sag’s dir, die Frau weiß ganz genau, was sie tut.“
Jedes Detail, jede beiläufige Bemerkung grub sich wie eine Schlinge um meine Kehle. Ich saß auf meinem Stuhl, die Beine leicht gespreizt, um dem scharfkantigen Ring zumindest für Sekundenbruchteile den Druck vom Schambein zu nehmen, doch der Edelstahl kannte keine Gnade. Er blieb kalt, steif, unnachgiebig. Eine stumme Mahnung daran, dass all diese Fantasien, all diese Bilder und Geräusche, die Timo so sorglos genoss, für mich reine Folter waren – und genau deshalb eine abartige, brennende Faszination ausübten.
Plötzlich unterbrach ein leises Summen am Rand der Tastatur das Gefechtsfeuer im Kopfhörer.
Ich blickte nach unten. Das Display war von Kidslox auf die Graustufen-Drosselung geschaltet, doch im oberen Drittel leuchtete die Benachrichtigung in scharfen, weißen Lettern auf.
Loona: Zock nicht mehr zu lange. Ich will, dass du mir etwas zu essen machst, wenn ich nach Hause komme. In 30 Minuten machst du Schluss und fängst an zu kochen.
Ein Schauer glitt über meine Arme, kühl und unbarmherzig. Die Worte waren so beiläufig, so selbstverständlich formuliert wie der Einkaufszettel am Morgen – kein Bitten, keine Frage, nur die pure Taktung meines Alltags durch ihre Hand. Sie brauchte nicht im Zimmer zu sein, um den Raum völlig zu beherrschen. Ein einfacher Bildschirmtext genügte, um die lockere Zockerrunde mit Timo in ein winziges, abgezähltes Zeitfenster zu verwandeln.
„Hey, John? Bist du noch da?“, drang Timos Stimme laut und energiegeladen durch das Headset, begleitet von einem kurzen Mausklick. „Mach mal hinne, die Runde startet gleich. Wir holen uns den Sieg.“
Ich schluckte trocken, die Hände über der Tastatur, während der enge Stahlring bei jedem Anspannen meiner Oberschenkelmuskeln schneidend in das Schambein drückte. Die verbleibenden dreißig Minuten tickten bereits unbarmherzig herunter.
„Ja… bin bereit“, murmelte ich ins Mikrofon und zwang mich, normal zu klingen. „Eine Runde geht noch. Danach muss ich off – noch ein bisschen was in der Küche machen.“
„Alles klar, Bro, dann lass schnell durchziehen“, lachte er sorglos in die Leitung, ohne den leisesten Schimmer davon zu haben, für wen die Pfannen gleich auf dem Herd stehen würden.
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