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Chapter 18

What's next?

Aus Plan wird Realität

„Ich muss morgen früh raus. Hab‘ne Vorlesung an der Uni. Ich leg mich in Tinas Zimmer. Gute Nacht.“

Ein flüchtiger Kuss. Und weg war sie.

Ich blieb verdattert zurück. Nach dem, was wir eben noch gemeinsam erlebt hatten, wirkte diese nüchterne Aussage wie eine eiskalte Dusche auf mich. Ich fragte mich, ob ich etwas falsch gemacht hatte. Und wenn ja, was?

Ich räumte die Reste weg, wusch ab. Dann ging ich selbst die Treppe hoch. Vor der geschlossenen Zimmertür, hinter der Sarah schlief, blieb ich stehen und lauschte. Ich hörte ein leises Schnarchen und grinste. „Gute Nacht“, flüsterte ich.

Am nächsten Morgen hoffte ich, dass wir beim Frühstück darüber reden könnten, wie wir mit der Situation umgehen sollten, was aus uns werden sollte. Sarah trank aber nur im Stehen eine schnelle Tasse Kaffee, schnappte sich etwas Obst für unterwegs. Sie warf ihre Tasche ins Auto, gab mir einen hastigen Kuss, stieg ein und fuhr los. Ich stand auf der Terrasse und sah ihren Rücklichtern nach, bis sie in die Hauptstraße einbog.

Wieder war ich alleine. Immerhin eine Situation, die ich gewohnt war. Und außerdem hatte ich eine neue Aufgabe, die nötige Erfahrung sie umzusetzen und eine gut ausgestattete Werkstatt.

Ich konnte es kaum erwarten, meine Tischlerwerkzeuge in die Hand zu nehmen und mit dem Bau des Prangers zu beginnen. Nachdem Sarah gegangen war, hatte ich zunächst das Gefühl, als ob mir ein Stück Motivation fehlte, aber ich ließ mich nicht entmutigen. Ich betrachtete die Skizzen, die wir gemeinsam erstellt hatten, und begann, die notwendigen Maße und Details aufzuzeichnen.

In meiner Werkstatt fand ich alle Materialien, die ich für das Projekt benötigte. Ich nahm das Holz, das ich für den Rahmen ausgewählt hatte, und begann es sorgfältig zuzuschneiden. Danach folgten die Detailarbeiten. Jeder Schnitt musste präzise sein, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Ich spürte die Herausforderung, aber auch die Freude, die mit dieser handwerklichen Arbeit einherging. Ich war ganz in meinem Element und ließ alles Grübeln hinter mir. Während ich die Teile zusammenfügte, konnte ich mir bereits vorstellen, wie das fertige Werk aussehen würde.

Mehrere Tage arbeitete ich von früh bis spät durch. Es war eine anstrengende und auch erfüllende Tätigkeit, so dass ich abends ins Bett fiel und quasi sofort einschlief. Ja, ich brannte für das Projekt und wollte es zudem so schnell wir möglich fertigstellen. Aber in meinem Hinterkopf lauerte auch die Einsicht, dass ich mich absichtlich so verausgabte und darin vertiefte, um nicht nachdenken zu müssen.

Irgendwann würde ich mich mit Sarah aussprechen müssen. Aber nicht jetzt.

Am Nachmittag des dritten Tages entdeckte ich auf dem Display meines Handys eine Benachrichtigung. Ein entgangener Anruf. Es war Sarahs Nummer. Keine hinterlassene Nachricht auf der Mailbox. Minutenlang starrte ich das Telefon an und überlegte, warum sie wohl angerufen haben könnte.

Ich wusste, die Antwort war nur einen Anruf entfernt. Und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb kostete es mich Überwindung, den Rückruf zu tätigen.

Nach dem fünften Klingeln begann ich anzunehmen, dass sie nicht abnehmen würde. Unsinnigerweise erleichterte mich das. Dann knackte es und die bekannte Stimme sprach.

„Hallo, Sven. Wie geht’s dir? Ich habe versucht anzurufen und du gingst nicht ran.“

„Hallo, Sarah. Schön dich zu hören. Ich bin Okay. Ich war nur in der Werkstatt und habe das Klingeln überhört.“

„Und wie geht’s voran?“

„Gut. Wirklich gut. Ein paar Kleinigkeiten musste ich anders machen, als wir skizziert hatten, damit es besser zusammenpasst. Aber im Großen und Ganzen wird das Teil am Ende so aussehen, wie wir es aufgezeichnet haben.“

„Klingt toll. Was meinst du, wann ist es fertig? Schon am Wochenende?“

„Hm?“, ich überschlug kurz die verbliebenen Aufgaben und dafür benötigte Zeit, „ich denke eher nicht. Es ist noch einiges dran zu machen. Aber nächste Woche, denke ich, wird’s klappen.“

„Prima. Ich bin schon gespannt. Das war es aber eigentlich gar nicht, weshalb ich versuchte anzurufen. Ich wollte fragen, ob ich von Freitag bis Sonntag kommen kann oder du schon etwas anderes vorhast.“

„Nein, vor habe ich nichts. Du kennst mich Einsiedler doch.“

Ein belustigtes Schnauben erklang am anderen Ende. „Oder irgendwelchen anderen Besuch?“

„Nein, auch nicht. Wer sollte mich schon besuchen wollen? Außer vielleicht Tina. Aber du weißt vermutlich besser als ich, was sie vorhat.“ Ich versuchte lässig und unbeteiligt zu klingen. Doch mich überfiel der nagende Gedanke, dass Sarah mehr über das Leben und die Pläne meiner Tochter wusste, als ich. Das sagte schon eine ganze Menge über mich als Vater aus. Ich sollte wirklich öfter mit Tina sprechen.

„Also, dann komme ich am Freitagnachmittag. Soll ich etwas mitbringen?“

„Nein, lass mal. Ich kaufe ein. Dann komme ich wenigstens mal wieder raus und verwahrlose nicht vollends.“ Selbstironie war meine beste Eigenschaft. „Was hältst du von Pizza und Rotwein?“

„Selbst gebacken?“

„Ja, klar. Was sonst?“

„Klingt lecker. Ich freu mich. Bis dann.“

„Ich mich auch. Tschüss.“

Ich legte das Telefon weg und setzte mich, als sei ich ferngesteuert. Ja, ich freute mich. Aufrichtig. Gleichzeitig schlich sich eine unheimliche Furcht an mich heran.

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