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Chapter 7
by
Reyhani
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Anstich
„Hallo, Thomas, hast hoffentlich heute Abend noch nichts vor?!“, fragte Frank scheinheilig. Als ob Andrea sich bei ihm nicht grade genau darüber beklagt hätte?!
Aber sein Vorschlag hörte sich gut an, wenn auch etwas rätselhaft. „Komm doch mit zu Nicole zum Anstich, eigentlich von ihrer Tochter Fabi ... also ihr Geburtstag. Ich hol dich in ’ner Stunde ab, dann gehen wir zusammen rüber. Noch Fragen!“
Auch wenn Frank es nicht so formuliert hatte, hatte ich eine ganze Menge Fragen. Zuerst einmal die naheliegendste: Sollte ich Kondome mitbringen? Irgendwo hatte ich bestimmt noch welche, die noch nicht abgelaufen waren. In unserer neuen Nachbarschaft glaubte ich einfach nicht mehr an so etwas wie Missverständnisse. Keiner konnte mir das verübeln.
Doch bevor ich überhaupt zum Sprechen anheben konnte, hatte Frank schon mit einem „Super, dann bis gleich!“ wieder aufgelegt. Meine nächste Frage wäre gewesen, was man denn bei so einem ‚Anstich‘ anzieht. Ich war grade dabei, ein frisches Hemd zu bügeln, als es auch schon an der Tür klingelte.
Frank hatte sich mit dem obligatorischen Muskelshirt unter der Fleecejacke deutlich weniger Mühe mit der Garderobe gegeben. „Sorry, bin ein bisschen früh dran. Aber die Weiber haben mich rausgeworfen. Eiskalt. Ich wollte denen eigentlich noch mal schnell die Zeitschaltuhr in der Sauna erklären ... Aber das passt schon, da kommen wir rechtzeitig, bevor das Bier alle ist. Das geht immer schnell auf Nicoles Partys.“
Auf dem Weg erklärte Frank mir, dass Nicole anlässlich des Zwanzigsten ihrer Tochter Fabienne ein oder zwei Fass Oktoberfestbier spendierte. Nicole führte die Boutique im Einkaufszentrum und war sehr aktiv im Nachbarschaftsverein. Die Party war als Fundraiser für Fabiennes Führerschein gedacht. Ich sollte also nicht knausrig sein. Nicole machte sich ein wenig Sorgen um ihre Tochter, die als schüchtern und zurückgezogen galt und hoffte, dass Fabi mit dem Führerschein mal unter Leute käme.
Als wir ankamen, war die Doppelhaushälfte schon gerammelt voll mit Gästen. Ein Großteil der Nachbarschaft schien versammelt zu sein, hauptsächlich die Männer. Zuerst kämpften Frank und ich uns in die Küche zum Fass durch. Ich wurde Nicole vorgestellt, einer aufgebrezelten ewigen Enddreißigerin in einem engen Kleid, das ihren Silikontitten zur Geltung brachte.
Sie gab mir ein Bussi, einen Plastikbecher, der zum Großteil Schaum enthielt, und streckte mir die Sammelbüchse entgegen. Unter Franks strengem Blick musste ich wohl oder übel einen großen Schein zum Führerschein beisteuern.
Das brachte mir ein frivoles Zwinkern von Nicole ein. „Danke, Süßer, damit bist du auf jeden Fall später beim Kassensturz ganz vorne dabei. Dein Gesicht merke ich mir.“
Während Frank mit der Gastgeberin schäkernd seine Spende machte, wurde ich vom Strom der nachdrängenden Nachbarn wieder aus der Küche gespült. Einige Gäste kannte ich vom Sehen, nickte links und rechts. Mit Klaus von Andreas Lauftreff wechselte ich sogar ein paar Worte. Er hatte mich angerempelt, wobei mir mein halbes Bier über mein Hemd geschwappt war. Das gab Gesprächsstoff. Dann trieb der Strom mich weiter.
Im engen Flur wurde ich fast vom nächsten Fass überrollt, das ein Nachbar in Richtung Küche schubste. Ich konnte mich grade noch mit einem beherzten Sprung auf die Treppe retten, die ins Obergeschoss führte. Dabei ging die andere Hälfte meines Biers flöten.
„Willst du lieber einen Schluck Wein?“, fragte mich die junge Frau, die ein paar Stufen höher saß und sich das Schauspiel von oben anguckte.
Das musste Fabienne sein. Sie war vielleicht nicht die einzige Frau hier, aber doch die einzige, die deutlich unter dreißig war. Sie machte eigentlich einen ganz netten Eindruck: kurze, rotblonde Haare, Brille, Sommersprossen, ein einfaches T-Shirt. So ganz das Kontrastprogramm zu ihrer Mutter – ich verstand jetzt, warum sich Nicole Sorgen machte.
Ich ließ mich neben ihr nieder, dankbar, dass ich dem Trubel entronnen war. „Dass ist nett, ich mache mir eh nicht so viel aus Bier. Die Flecken sind einfach so langweilig. Rotwein ist da schon was ganz anderes. Da kann man hinterher wenigstens sehen, wie wild die Party war.“
Sie musste lachen und schenkte mir ein.
Ich nahm einen Schluck und stellte mich erst einmal vor. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und entschuldige, dass ich hier einfach so auftauche. Wir kennen uns ja nicht mal. Ich bin Thomas. Mein Nachbar, Frank, hat mich mitgeschleppt. Aber sonst kenne ich hier fast keinen. Wir sind neu in der Nachbarschaft.“
Fabienne verdrehte die Augen. „Bedank dich mal lieber bei meiner Mutter. Die nutzt jeden Vorwand für eine Party. Deshalb sind das hier auch alles ihre Freunde. Ich schau mir das noch ein bisschen an und verziehe mich, wenn es zu wild wird.“
Jetzt musste ich lachen. Offenbar war auch die Tochter nicht nur glücklich mit ihrer Mutter. Dass sie dem Treiben auch distanziert gegenüberstand, machte sie mir noch sympathischer. Also blieb ich sitzen und eh wir uns versahen war die Flasche halb leer und das Gespräch in vollem Gange.
Fabi war wirklich sehr nett und interessiert. Erst dachte ich, sie studiert vielleicht Architektur oder Kunst oder sowas. Jedenfalls hatte ich sie schon zu uns eingeladen. Sie könnte sich mal meine Bildbände zum Gartenbau des achtzehnten Jahrhunderts angucken. Dann kam aber raus, dass sie nach dem Abi eine Lehre bei der örtlichen Sparkasse angefangen hatte, wo sie sich furchtbar langweilte. Es brauchte die zweite Hälfte der Flasche, dann hatte ich sie überzeugt, dass sie ja noch **** wäre und sich noch einmal völlig neu erfinden könnte.
Wir brachen die zweite Flasche mit dem Thema Nachbarschaft an.
Fabi schmollte. „Ich finde Mamas Freunde halt einfach alle nicht so prickelnd. Die erinnern mich zu sehr an meine Kollegen in der Bank. Die Sache mit dem Führerschein ist pure Erpressung. So will Mama mich zum Mitmachen in der Nachbarschaft überreden. Aber auf so eine plumpe Aktion falle ich nicht rein.“
Ich steuerte vorsichtig gegen. „Also ich bin hier sehr gut aufgenommen worden. Ich habe noch nirgends so offene Menschen getroffen wie meine Nachbarn, Frank und Doro. Das ist viel wert, wenn man neu ist, glaub mir. Die anderen muss ich noch genauer kennenlernen, aber die scheinen genau so zu sein.“
Unser Gespräch wurde vom Tumult unterbrochen, der unten im Flur entstand. Ein Schwall von Gästen drängte aus der Küche angeführt von einem kräftigen Kerl, der Nicole auf seinen Schultern trug. Sie lachte schrill, wedelte mit der Sammelbüchse und rief immer wieder Kassensturz, Kassensturz. Ihr Ruf wurde von den anderen aufgenommen und so zogen sie in Richtung Wohnzimmer.
In der Menge erkannte ich auch Frank, der sich immer wieder suchend umsah. Schnell rutschte ich ein paar Stufen höher, bis ich sicher war, dass man mich vom Flur aus nicht mehr sehen konnte.
Fabi folgte mir grinsend. „Warum versteckst du dich denn? Ich dachte, du bist so begeistert von der Nachbarschaft.“
„Ja schon, aber alles zu seiner Zeit und in kleinen Dosen. Das ist mir im Moment echt zu viel. Auf so eine Partyaktion habe ich jetzt gar keine Lust. Ich wollte eigentlich grade gehen.“
„Ich kann dir sagen, da verpasst du nichts. Wir können uns oben in meinem Zimmer verstecken. Wenn sie alle im Wohnzimmer sind, kannst du unbemerkt raus.“
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Auf gute Nachbarschaft
Neu in der Vorstadtsiedlung
„When in Rome, do as the Romans do“, heißt es ja so schön. Das gilt auch für meine Frau Andrea und mich. Wir haben uns ein Haus in der Vorstadt gekauft und versuchen uns zu integrieren. Zum Glück sind unsere Nachbarn alle sehr aufgeschlossen und nehmen uns mit offenen Armen auf.
Updated on Mar 15, 2026
by Reyhani
Created on Dec 18, 2025
by Reyhani
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