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Chapter 48

Bringt Julien sie nach Hause?

Am Abgrund

„Wer war das denn?“, wollte Julien wissen.

„Prinz Amir“, antwortete Heike knapp und als sie bemerkte, dass dieser Name ihrem Gegenüber nichts sagte, fügte sie hinzu, „jemand, den ich oben bei Sheikh Hamza getroffen habe.“

Die Erklärung führte zu keinem größeren Verständnis bei Julien und so ließ sie das Thema ruhen. Unter welchen speziellen Umständen ihre erste Begegnung mit dem Prinzen stattgefunden hatte, behielt sie ohnehin lieber für sich.

Ihr Chauffeur bohrte auch nicht nach. Die ganze Fahrt über erzählte er von sich, seiner Heimat und seiner Arbeit. Die Beifahrerin hörte nur mit einem Ohr zu und hing derweil ihren eigenen Gedanken nach. Erst als sie von der Hauptstraße abbogen und Kies unter den Rädern knirschte, lenkte sie ihre Aufmerksamkeit nach außen.

„Wohin fahren wir? Das ist nicht der Weg zur Siedlung.“

„Ich habe dir doch von dem fantastischen Aussichtspunkt oberhalb der Stadt erzählt. Den muss ich dir unbedingt zeigen.“

Sie ärgerte sich ein wenig über die Unverfrorenheit des Franzosen, ungefragt einen Umweg einzulegen. Aber vielleicht war es auch ganz gut, einen spontanen Ausflug zu machen, um auf andere Gedanken zu kommen. Im Grunde hatte sie es nicht eilig. Nach Klaus‘ unerfreulichem Auftritt hatte sie kein Bedürfnis, ihn wiederzusehen (und vermutlich mit ihm zu streiten), bevor er sich abgeregt hatte und hoffentlich ausgenüchtert war. Also sagte sie nichts.

Stattdessen schaute sie interessiert aus dem Fenster. Die Scheinwerfer des Wagens waren die einzige Lichtquelle, ansonsten umgab sie dunkle Nacht. So weit Heike sehen konnte, erkannte sie nur steiniges Nichts. Das Auto kletterte über Serpentinen einen steilen Anstieg hinauf.

An einer Stelle, die breit genug war, dass ein zweites Fahrzeug problemlos vorbeikommen konnte, hielt Julien an.

„Komm! Von hier müssen wir ein Stückchen zu Fuß gehen.“

Er führte sie an der Hand über den felsigen Boden. Ihre Augen begannen, sich an das schwache Licht zu gewöhnen, so dass sie im Funkeln der Sterne nach und nach immer mehr Einzelheiten erkennen konnte.

„Jetzt Vorsicht“, warnte er und führte sie umsichtig an den Rand einer Klippe.

„Wow!“

Tief unter den beiden breitete sich das Tal aus, das von einzelnen Lichttupfen überzogen war, die ihm einen märchenhaften Anschein gaben. Ergriffen stand die junge Frau da und ließ den Eindruck auf sich wirken. Sie fröstelte und ihr Begleiter legte fürsorglich einen Arm um sie. Seine Wärme suchend schmiegte sie sich eng an seinen Körper.

Die Stille und Ruhe wurden nur von einem Fahrzeug gestört, das hinter ihnen die kurvige Bergstraße erklomm und mit seinen Scheinwerfern die Dunkelheit zerschnitt.

Vielleicht ein Pärchen, das einen stillen Ort für seine Zweisamkeit suchte? Dieser Gedanke machte sie auf einmal befangen. Aus welchem Grund hatte Julien sie hierhergeführt? Wollten alle Männer immer nur das eine? Sie stieß sich empört von ihm ab. Jäh packte er sie am Arm.

„Aua! Was willst du von mir? Lass mich los!“

„Sieh!“

Er deutete mit dem Kinn an, wohin sie schauen sollte, und sie folgte seinem Hinweis mit den Augen. Sie stand kaum einen halben Fußbreit neben dem Abgrund. Noch ein Schritt rückwärts und sie wäre abgestürzt.

„Ups.“

„Das Gestein hier ist brüchig und instabil. Du solltest nicht so nah an den Rand treten.“

„Ehm, danke.“

Heike schluckte trocken und senkte betreten den Kopf. Er war nur in Sorge um sie gewesen und sie hatte ihm weiß Gott was unterstellt. Eigentlich hätte er eine Entschuldigung von ihr verdient, aber das würde die Umstände nur noch peinlicher machen.

„Lass uns gehen“, schlug sie vor.

Kurz bevor sie ihr Auto erreichten, bog der andere Wagen um die letzte Kurve und hüllte sie in grelles Licht. Geblendet hoben sie die Arme vors Gesicht. Das Brummen kam näher, erstarb. Dann das satte Klappen zweier Türen eines schweren Oberklassefahrzeugs.

Heike blinzelte ins Gegenlicht. Die zwei Personen, die auf sie zukamen, konnte sie nur als Schattenriss erkennen. Es waren große, breitschultrige Männer in schwarzen Anzügen und weißen Hemden. Da man ihre individuellen Züge nicht erkennen konnte, wirkten sie wie Klone.

„Geh hinter mich“, flüsterte Julien und schob sie nach hinten. Lauter rief er: „Was wollen Sie?“

In seiner Stimme schwangen Gereiztheit und Misstrauen mit. Gab es hier Raubüberfälle? Geiselnahmen? Alle möglichen Horrorszenarien schossen der Deutschen durch den Kopf.

„Bleiben Sie stehen!“

Die Aufforderung des Ingenieurs verhallte wirkungslos. Um ihr mehr Nachdruck zu verleihen, machte er einen Schritt auf die beiden Unbekannten zu und hob warnend die Hand.

Eine massive Faust schoss nach vorne, traf ihn am Kinn. Der Getroffene ging mit einem leisen „Uff“ wie ein umkippender Sandsack zu Boden und blieb reglos liegen.

Heike schrie.

Unbeeindruckt packten die zwei Hünen sie links und rechts und schleiften sie zur Straße. Die Entführte zappelte und strampelte. Ebenso gut hätte sie eine Wand anschreien und schlagen können. Rücksichtslos warf man sie bäuchlings auf die Motorhaube von Juliens Wagen. Eine Pranke in ihrem Rücken fixierte sie auf dem noch warmen Blech.

Der zweite Mann ging in aller Seelenruhe zum Kofferraum, holte das Abschleppseil heraus und knotete ein Ende an ihr Handgelenk, zog es straff und wickelte es um einen Außenspiegel. Das Gleiche folgte auf der anderen Seite. Im Nu lag Heike hilflos auf dem Kühler.

Grobe Hände griffen unter ihren Rock und zerrten ihr den Slip vom Leib.

„Nein! Lassen Sie das! Hilfe!“

Empörung ging in Angst über.

Was geschieht mit ihr?

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