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Chapter 4 by Meister U Meister U

Wessen Armband reißt zuerst?

Ailyn

Die Gelegenheit bot sich schneller, als Jonas gedacht hatte. Ailyn war allein unterwegs zum Spind, ihre Bücher an die Brust gepresst, der Blick wie immer unsicher zu Boden gerichtet. Sie war das perfekte Ziel. Ein schneller Ruck, ein bisschen Schock, und dann würde er sehen, ob sie wirklich so war, wie er es sich in seiner Fantasie ausgemalt hatte.

Er trat hinter einer Säule hervor und versperrte ihr den Weg. „Ailyn.“

Sie zuckte zusammen, als wäre sie angeschossen worden. Ihre großen, blauen Augen wurden noch größer, als sie ihn erkannte. Jonas, der Kumpel von Niklas. Einer von denen, die über alles Bescheid wussten.

„Ich… ich muss zu meinem Spind“, hauchte sie und versuchte, an ihm vorbeizuschlüpfen.

„Gleich“, sagte Jonas mit einem Lächeln. Seine Augen fixierten ihr linkes Handgelenk. Das durchsichtige Silikonband leuchtete schwach im Neonlicht des Flurs. „Ich mag dein Armband.“

Ailyn erstarrte. Instinktiv zog sie den Arm an sich, versuchte es mit der anderen Hand zu bedecken. „Es… es ist nichts Besonderes.“

„Doch, das ist es.“ Seine Stimme war leise, aber eindringlich. „Ich weiß, was es bedeutet.“

Ihr Gesicht lief schneeweiß an. Sie wich einen Schritt zurück, bis sie gegen die kalten Metallspinde knallte. „Nein. Das… das ist nur ein Spiel. Zoe hat gesagt…“

„Zoe hat nicht gelogen.“ Jonas griff blitzschnell zu. Seine Hand schloss sich nicht grob, sondern präzise und schnell um ihr Handgelenk. Sie war überraschend zart. Er spürte, wie sie zitterte. Mit dem Daumen und Zeigefinger seiner anderen Hand packte er das durchsichtige Armband.

Ein kurzer, entschlossener Ruck.

Snap.

Das leise, aber scharfe Geräusch des reißenden Silikons hallte in dem stillen Flur wie ein Schuss wider. Das kaputte Band hielt er in der Hand.

Ailyn stieß einen erstickten Laut aus, als hätte man ihr die Luft abgedrückt. Sie starrte auf ihr nacktes Handgelenk, dann auf das Stück Plastik. Ihr ganzer Körper bebte.

„Es… es ist kaputt“, flüsterte sie.

„Ja“, sagte Jonas und beobachtete sie fasziniert. Er hatte eine Panikreaktion erwartet. Tränen. Vielleicht einen Schrei. Aber nicht das, was jetzt kam.

Ihr Atem ging kurz und stoßweise. Sie schloss die Augen, presste die Lippen zusammen. Doch dann, ganz langsam, geschah etwas Merkwürdiges. Das Zittern in ihren Händen ließ nach. Als sie die Augen wieder öffnete, war der pure Schock in ihnen einem seltsam glasigen, tiefen Blick gewichen. Es war, als blickte sie nach innen, auf dieses verborgene Etwas, von dem sie selbst kaum etwas ahnte.

„Die Regel…“, begann sie, und ihre Stimme war immer noch leise, aber jetzt ohne das vorherige Zittern. Sie klang fast feierlich. „Sie besagt, dass ich es mit meinem Bruder tun muss. Stimmt das?“

Jonas war verblüfft. Das war nicht die Reaktion, die er erwartet hatte. „Äh… ja. Das tut sie.“

Sie nickte langsam. Ihr Blick war nun klar und direkt auf ihn gerichtet. „Mark. Mein Bruder. Er… er wird es nicht tun. Er wird Angst haben. Er wird mich anlügen und sagen, dass es nicht stimmt. Dass das alles nur ein dummer Spiel ist.“

Jonas sagte nichts. Er war einfach nur sprachlos.

Ailyn trat einen Schritt auf ihn zu. „Du… du hast es mir abgerissen. Du kennst die Regeln. Du hast damit angefangen.“

„Und?“, brachte Jonas heraus.

Sie holte tief Luft. „Und ich bitte dich darum, dabei zu sein. Du musst sicherstellen, dass… dass die Regel eingehalten wird.“

Jonas‘ Mund stand offen. Das war das Letzte, was er erwartet hatte. „Was? Ich… dabei sein?“

„Ja.“ Ihre Augen wurden intensiver. In ihnen lag eine Mischung aus Angst und einer unergründlichen, dunklen Entschlossenheit. „Du stehst da. Du siehst zu. Du machst ihm klar, dass es keinen Ausweg gibt. Dass es passieren muss. Ich… ich brauche das. Jemanden, der… der zuschaut. Der mich zwingt, es durchzuziehen.“

Jonas fühlte, wie ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken lief.

„Du bist verrückt“, flüsterte er.

Ein winziges, trauriges Lächeln zuckte um Ailyns Lippen. „Vielleicht. Aber ich will es so. Wirst du kommen?“

„Ja“, sagte er, „Ich werde kommen.“

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