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Absturz
Schon seit einigen Minuten wollte ich nur noch weg. Mein eigener Papa wollte mein kleines Mädchen zu einer Nutte in dem billigen Nachbarschaftspuff machen mit Flatrate für die Familie. Und meine Frau schien grundsätzlich nichts dagegen zu haben. Nur meine Mutter hielt noch dagegen, doch auch ihre Realitätswahrnehmung war irgendwie total verdreht. Das war doch alles Wahnsinn und ließ mich langsam an meinem eigenen Verstand zweifeln. Mir lief der Schweiß runter und ich hatte schon einen totalen Tunnelblick.
Ich musste etwas tun. Aber was? Zuerst einmal raus hier, sonst würde ich noch wahnsinnig. Dann hätte ich nie eine Chance, meine arme Cassy davor zu bewahren, in die Nuttenstiefel ihrer verfickten Mutter zu schlüpfen.
Ich wollte die Kamerasteuerung schließen oder zumindest aus der Küche verschwinden. In meiner Aufregung drückte ich hektische auf dem Trackpad herum, so dass ich ein neues Fenster nach dem anderen öffnete mit jeweils einer neuen Kamera. Ich sprang vom Badezimmer ins Treppenhaus, in die Garage und zurück ins Wohnzimmer. Im Hintergrund jedoch lief das Geschacher in der Küche seelenruhig weiter.
Wie sollte ich nur aus diesem Labyrinth hinausfinden, wenn ich nicht einmal klar sagen konnte, wo ich war. Völlig in Rage drückte ich weiter auf meinem Laptop herum, bis mir schwarz vor Augen wurde.
Irgendwann kam ich wieder zu Sinnen und fand mich an der Hotelbar wieder. Dieses Mal war ich ziemlich sicher, dass es die Wirklichkeit war und nicht bloß die Ansicht einer Kamera. Ich hatte keine Erinnerung, wie ich hier hingekommen war. Ich fühlte mich ausgelaugt, so als ob ich nach einer großen Anstrengung langsam wieder zu Atem kam. Vor mir auf dem Tresen standen sieben leere Shotgläser.
Außerdem war da dieses vage Gefühl, dass ich mich an etwas erinnern wollte. Eine wichtige Sache, die ich mir vorgenommen hatte. Als mein Magen lautstark rumorte, fiel es mir wieder ein: Essen – ich war zum Essen verabredet.
Am Eingang zum Restaurant kamen mir Pam, Ines und ihre zwei Kavaliere schon entgegen. Wo ich denn gewesen wäre, sie wollten gerade an die Hotelbar umziehen. Die Frauen hakten sich bei mir unter und so landete ich kurz darauf wieder da, wo ich grade hergekommen war.
Eigentlich hätte ich zufrieden sein müssen. Die beiden Frauen trugen tatsächlich Kleider, die sich eng an ihre weiblichen Kurven schmiegten – so eng, dass sich die Frage aufdrängte, ob da überhaupt noch Platz für Dessous war. Kurz, es war wie in meinem Traum. Dennoch ließ es mich eigentümlich kalt. Ich war mit den Gedanken noch woanders, ohne dass ich hätte sagen können, wo genau.
Ines und Pam wollten Prosecco trinken. Wir tranken Prosecco. Die Nerds hatten irgendeinen interessanten Whisky auf der Karte entdeckt. Wir tranken Whisky. Zu allem Unglück gab es dazu einen Vortrag über Härtegrade des Wassers in Schottland gratis dazu. Dann waren die Frauen wieder dran und wir gingen zu Cocktails über.
Doch trotz des ganzen Alkohols wurde es kein schöner Abend. Es gelang mir selten einmal, mich ins Gespräch einzuklinken. Das lag vielleicht auch daran, dass ich langsam Schwierigkeiten mit dem Sprechen bekam. Und wenn ich mal was rausbrachte, dann schauten alle betreten zu Boden.
Insgesamt tat das aber der Stimmung keinen Abbruch. Die vier anderen flirteten wild herum und ich wurde immer weiter ausgegrenzt. Ich konnte mich nur schwer konzentrieren und doch bekam ich den einen oder anderen Blick der Herren ins Dekolleté der Damen mit. Diese schienen das eher zu genießen, als störend zu empfinden. So eine plumpe Anmache, ging es mir durch den Kopf.
Schließlich diskutierten wir, ob wir noch mal die Lokalität wechseln wollten – es war ja Wochenende. Ines sah mich streng an und bestimmte: „Aber Michael muss ins Bett, sonst kippt er noch um. Für die Stimmung ist es auch besser.“
Die beiden anderen Männer in der Runde feixten offen. „Ins Bett wollen wir auch, aber sicher nicht mit Michael“, brüllte einer und alle lachten. Natürlich musste ich da protestieren auch wenn Ines wahrscheinlich Recht hatte. Da sah ich, dass Pam mich traurig ansah, so als wollte sie mich anflehen, nicht noch einen größeren Idioten aus mir zu machen. Deshalb hielt ich die Klappe und verabschiedete mich.
Oben in meinem Zimmer hatte ich noch die dumme Idee, die Minibar zu plündern. Wie lange ich noch wach blieb, an die Decke starrte und mich selbst bemitleidete, weiß ich selbst nicht mehr. Schließlich drehte sich alles und ich schloß die Augen.
Ich muss dann tatsächlich auch eingeschlafen sein. Irgendwann in der Nacht erwachte ich kurz. Hatte einen schlimmen Filmriss. Der letzte klare Gedanke war ein Videocall mit meinen Eltern. Dann wurde alles schwummerig und nebelig. Irgendwie hatte ich noch verschiedene Gedankenfetzen im Kopf, dass ich mich bei den Mädels an der Hotelbar blamierte und das Leo am Montagmorgen zu Bärbel kommen würde. Wieso war mir allerdings schleierhaft. Was wollte der Freund unserer Tochter von Bärbel, was für Themen konnten da aufkommen?
Mein Hirn war Brei. Was für ein mieser Abend. Ich versuchte mich an mehr zu erinnern – aber vergeblich. Dazu waren meine Kopfschmerzen einfach zu stark. Auf den folgenden Morgen freute ich mich nun wirklich nicht, auch wenn am Wochenende Unterrichtspause im Seminar war.
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