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Chapter 16 by Papas_Liebling Papas_Liebling

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Wenn du in Rom bist

Die Sitzung löste sich nicht abrupt auf, sondern zerfaserte. Stimmen wurden leiser, Projektionen verblassten, holografische Ebenen klappten zusammen wie ausgelaugte Argumente, die man für später zurücklegte. Männer standen auf, reichten sich die Hände, klopften auf Schultern, lächelten professionell. Ein paar Amerikaner befahlen den am Rand knieenden Frauen, aufzustehen, und gingen mit ihnen in den Nebenraum. Marie sah es, weigerte sich aber, darüber nachzudenken, was dort geschehen würde.

Jenkins warf ihr im Gehen einen kurzen, durchdringenden Blick zu – halb abschätzend, halb missbilligend. Ihr war klar, dass er sie nicht akzeptierte und nie akzeptieren würde. Dass sie als Frau am Konferenztisch saß, wenn auch nur am Rand und in ihrer untergeordneten Rolle, war ein Dorn in seiner Seite, den er unbedingt entfernen wollte.

Um sich abzulenken, prüfte sie akribisch die Unterlagen, checkte die Protokolle und kontrollierte die letzten Änderungen in den Dokumenten. Als sie alles erledigt hatte, war es um sie herum still geworden. Sie wollte gerade aufstehen.

„Marie. Einen Moment bitte.“

Marie zuckte zusammen. Sie hatte nicht bemerkt, dass Étienne noch im Raum war. Oder war er zurückgekommen, um sie zu sehen?

„Ja, selbstverständlich. Ich bin gerade fertig und wollte in mein Zimmer gehen, um mich ein wenig auszuruhen.“ Sie blieb sitzen und sah ihm entgegen.

Étienne wählte den Stuhl direkt neben ihr. Er nahm seine E-Brille ab, legte sie sorgfältig auf den Tisch und stellte sicher, dass die Audio- und Videofunktion deaktiviert war. Ein klares Signal, dass dies kein offizielles Gespräch werden sollte. Er lehnte sich nach vorne, ein Ellbogen auf der Tischkante.

„Du hast dich heute gut gehalten.“

„Danke.“ Sie sah ihn aufmerksam an. Worauf wollte er hinaus?

„Ich weiß, dass das hier für dich herausfordernd sein muss“, fuhr er fort. „Die amerikanische Kultur. Die ungewohnten Gepflogenheiten. Die besondere Atmosphäre.“

Marie schwieg. Sie wartete darauf, dass er genauer erklärte, worauf er hinauswollte. Sie hatte den Verdacht, dass er von ihr ein ganz spezielles Verhalten erwartete, ohne es explizit zu benennen.

„Du weißt, weshalb du hier bist?“ Er sah durchdringend in Maries Augen, als wolle er durch sie hindurch ihre Gedanken lesen.

„Weil ich eine Frau bin.“

Er verzog kaum merklich den Mund, als habe eine Musterschülerin unerwartet eine dumme Antwort gegeben.

„Weil du ein Symbol bist.“

Sie blickte ihn fragend an.

„Ein Symbol für Offenheit. Für den guten Willen, sich gegenseitig besser verstehen zu wollen. Europa will Brücken bauen.“ Er machte eine kurze Pause. „Wir wollen auf die Amerikaner zugehen und ihnen zeigen, dass wir ihre Gesellschaftsform zwar nicht gutheißen, aber ihnen deshalb nicht unsere Moralvorstellungen aufzwingen müssen.“

Marie schaute ihn lange und nachdenklich an. Sie spürte, wie Hitze in ihre Wangen stieg, und fürchtete, dass ihre Ohren rot leuchteten, wie immer, wenn sie einen inneren Konflikt mit sich ausfocht. Ihr Delegationsleiter verlangte von ihr, dass sie ihre Sozialisation, Erfahrung und Überzeugung ignorierte und die Unterdrückung der Frauen in den USA hinnahm. Konnte sie das, ohne sich selbst zu verraten? Ohne alle Frauen zu verraten – hier und in Europa?

Schließlich richtete sie sich auf.

„Das sind keine verhandelbaren Vorstellungen. Es sind unveräußerliche Grundrechte.“

Étienne stand auf. Er sah sie von oben herab an. Und in seinem Blick erkannte Marie etwas, das sie nicht erwartet hatte: Es lag darin kein Ärger oder Widerspruch, sondern Enttäuschung.

„Marie“, seufzte er leise und irgendwie müde, „wir sind hier, um europäische Interessen zu sichern. Wir suchen Zugang zu Ressourcen, wirtschaftliche Stabilität und politischen Einfluss. Die Europäische Union will dieses Handelsabkommen abschließen, bevor es die Kanadier tun. Oder die Mexikaner, die Chinesen oder Indien. Und ja, dafür bezahlen wir, wenn nötig, einen Preis.“

Sie schluckte. „Und dieser Preis sind die Rechte der Frauen in diesem Land? Oder… meine Rechte?“

Er hob beschwichtigend eine Hand. „Alles, was ich von dir möchte, ist, dass du anerkennst, dass andere Gesellschaften andere Prioritäten setzen. Si fueris Romae, Romano vivito more!

Wenn du in Rom bist, verhalte dich wie die Römer, übersetzte Marie in Gedanken.

„Du willst, dass ich mich anpasse und den Männern unterordne“, stellte sie sarkastisch fest. „Hat eine Nacht schon ausgereicht, dass du dich so sehr angepasst hast?“

Seine Stimme nahm einen scharfen Ton an. „Ich leite diese Delegation und bin für den Ausgang der Verhandlungen verantwortlich. Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, damit sie erfolgreich sind. Und von dir erwarte ich dasselbe.“

Sie lachte kurz und ****.

„Du bist intelligent“, fügte er an. „Ich vertraue darauf, dass du den Unterschied kennst zwischen persönlicher Abneigung und politischer Notwendigkeit.“

„Und wenn ich das nicht kann?“

Sein Gesichtsausdruck wurde traurig. „Dann bist du in meiner Delegation am falschen Platz.“

Es war keine Drohung, nur eine Feststellung.

Marie nickte. Sie fühlte sich kleiner als je zuvor.

Nachdem er den Raum verlassen hatte, starrte sie noch lange die Tür an, die sich hinter ihm automatisch geschlossen hatte.

Vielleicht hatte er recht. Vielleicht sollte sie sich anpassen. Anpassung bedeutete nicht Kapitulation.

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