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Chapter 15
by
Papas_Liebling
What's next?
Argumente aus Licht
Ein leises Zischen kündigte an, dass sich die Tür zum Konferenzraum öffnete.
Zuerst betraten die Amerikaner den Saal. Mr. Jenkins allen voran, geschniegelt, selbstsicher und mit dem unverkennbaren Anspruch auf Führung. Hinter ihm folgten mehrere Männer in dunklen Anzügen: Politiker, Bürokraten, Anwälte. Sie verteilten sich auf die Plätze an der dem Eingang gegenüberliegenden Tischseite. Keiner sprach laut, keiner grüßte die anwesenden Frauen.
Marie hatte den Eindruck, sie wurde noch nicht einmal gesehen, als sei sie Teil der Einrichtung.
Im Anschluss kamen die Europäer. Der Delegationsleiter Étienne an der Spitze verströmte die natürliche Autorität eines Mannes, der es gewohnt ist, beachtet zu werden. Er blieb kurz stehen, musterte die Szenerie und nickte Marie knapp zu als Zeichen, dass er zufrieden war. Selbstverständlich setzte er sich an die Tischmitte, direkt gegenüber von Jenkins. Rechts neben ihm nahm sein Stellvertreter Lars Platz. Die weiteren Delegationsmitglieder folgten und ließen sich auf ihren Stühlen nieder. Leise Begrüßungen wurden ausgetauscht, Höflichkeitsfloskeln gemurmelt.
Marie blieb stehen, die Hände vor dem Körper gefaltet, bis alle saßen. Der letzte freie Platz – ihr Platz – lag ganz am Ende des Tisches. Am Rand, außerhalb des Geschehens. Sie kannte dieses Gefühl, aber heute traf es sie härter als sonst. In Berlin oder Brüssel nahm sie es hin, weil sie die Jüngste oder Rangniedrigste war. Hier konnte sie nicht anders, als den Grund dafür in ihrem Geschlecht zu sehen.
Verstärkt wurde das Gefühl noch dadurch, dass keine fünf Schritte von ihr entfernt die nur mit knappen Bikinis bekleideten Frauen vor der Wand knieten. Ihre Köpfe sind gesenkt, die Arme verschränkt oder an den Seiten ruhend.
Es waren nur noch vier. Die eine, die von Steve in den Nebenraum geholt worden war, war nicht zurückgekehrt. Wusste denn niemand, dass eine Frau fehlte? War es den Männern gleichgültig?
‚Oder‘, dachte Marie einen schrecklichen Moment lang, ‚sehen sie mich als eine von den fünf und damit ist aus ihrer Sicht alles in Ordnung?‘
Ein wenig erleichtert bemerkte sie, dass auf der europäischen Seite des Tisches Unruhe entstand. Die Mädchen waren also doch nicht unsichtbar. Marie sah Stirnrunzeln, fragende Blicke, hochgezogene Augenbrauen. Sie hörte ein kaum unterdrücktes Räuspern.
Étienne wandte sich direkt an Jenkins. „Was ist die Aufgabe dieser Damen? Gehören sie zu Ihrer Delegation?“
Jenkins lächelte dünn, als habe er einen schlechten Witz gehört. „Sie sind Teil des Rahmenprogramms, das Sie jederzeit in Anspruch nehmen können, wenn Sie Entspannung oder eine Pause brauchen.“
Die Europäer tauschten Blicke aus, es gab aber keine Rückfragen oder Kommentare.
Marie spürte, wie sich ihre Nackenmuskeln anspannten. Rahmenprogramm? Die Bilder aus dem Nebenraum drängten sich ungebeten zurück in ihre Aufmerksamkeit. Ihr Puls schnellte hoch. Sie legte beide Handflächen auf den Tisch, um ihr Zittern zu unterdrücken.
„Wollen wir?“ Jenkins Frage zog einen Schlussstrich unter das Vorgeplänkel.
Étienne tippte zweimal gegen den Rahmen seiner E‑Brille. Vor seinen Augen erschienen die Tagesordnungspunkte als schwebende Linien, halbtransparent, nur für ihn sichtbar. Auf amerikanischer Seite flackerte kurz Licht: Mehrere der Verhandler trugen Kontaktlinsen mit integrierter Projektion, andere ließen sich holografische Displays aus ihren Smartwatches auffalten. Dünne Lichtfelder standen über dem Tisch: Diagramme, Vertragsentwürfe, Kennzahlen – alles sauber und effizient, jederzeit ein- und ausblendbar.
„Dreißig Jahre Isolation waren ein notwendiges Experiment“, eröffnete Jenkins die Gespräche. „Nachdem unsere Gesellschaft ein weltweit einmaliges Entwicklungsniveau erreicht hat, ist es an der Zeit für eine kontrollierte Öffnung. Lassen Sie mich darstellen, wie sowohl die USA als auch die EU von einer Handelskooperation profitieren werden.“
Er ließ Charts, Simulationen und Prognosen in den Raum projizieren – eine leuchtende Zukunft in hellen Farben.
Marie beobachtete, wie Étienne diplomatisch zustimmte, während er mit einer schlichten Fingerbewegung eine Gegenprojektion einblendete. Europäische Risikoanalysen leuchteten neben amerikanischen Grafiken wie zwei konkurrierende Wirklichkeiten.
Wie es ihre Aufgabe als Protokollassistentin war, prüfte Marie, dass die KI-basierten Protokolle automatisch und vollständig aufgezeichnet wurden, während über globale Märkte, Handelspartnerschaften, Sicherheitsgarantien und Stabilität verhandelt wurde.
Dabei fühlte sie sich weniger real als die über dem Tisch schwebenden Hologramme.
Die Männer diskutierten auf Augenhöhe, umgeben von Argumenten aus Licht.
Sie saß daneben am Rand des Tischs.
Noch weiter außen knieten die vier Frauen am Rand des Raums.
War dies ein Zufall, oder notwendige Bedingung des einen wie des anderen Systems – nur in unterschiedlichen Auflösungen dargestellt?
What's next?
Amerika 2075
Eine dystopische Zukunft ... oder doch nicht?
**Diese Geschichte ist reine Fantasie und hat keinen Bezug zur Realität und stellt keinen Kommentar zu tatsächlichen Ereignissen oder Personen dar.** - Die USA haben gewählt und einen Präsidenten an die Macht gebracht, der das Land Zug um Zug in eine frauenfeindliche Diktatur umwandelte. Internationale Handelsbeziehungen wurden gekappt, die Grenzen abgeschottet. Fünfzig Jahre in unserer Zukunft lässt das Regime einige Ausländer ins Land, um ein Handelsabkommen auszuhandeln. Was werden sie vorfinden? Werden sie Amerika verändern oder wird Amerika sie verändern?
Updated on Jun 12, 2026
by Papas_Liebling
Created on Dec 29, 2025
by Papas_Liebling
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