Entspricht der Van meinen Erwartungen?
Was habe ich da gekauft?
Der Flug von Frankfurt nach Sydney hatte fast 24 Stunden gedauert. Mit Umsteigen in Dubai, endlosen Sicherheitskontrollen und dem ständigen Brummen der Triebwerke im Ohr. Ich hatte die meiste Zeit versucht zu schlafen, aber die Aufregung hatte mich wach gehalten. Endlich Freiheit. Endlich mein eigenes Abenteuer. Ich hatte mir das alles so schön ausgemalt: Der Van, den ich schon vor Monaten aus Deutschland über das Internet gekauft hatte, würde perfekt sein. Ein kleines, zuverlässiges Zuhause auf Rädern, das ich selbst ausbauen würde – genau wie ich es mit Onkel Bernd in der Werkstatt geübt hatte. Kangaroos, Strände, neue Leute, vielleicht ein bisschen Flirten… aber nichts Ernstes.
Doch die Realität holte mich schon am Flughafen ein.
„Ihr Koffer ist leider nicht aufzufinden, Miss. Wir leiten ihn nach, sobald er gefunden wird. Hier ist die Referenznummer.“ Die Frau am Schalter hatte mitleidig gelächelt, aber ich spürte schon den Knoten im Magen. Mein großer Koffer mit fast allem, was ich für ein Jahr brauchte – Klamotten, Schuhe, Kosmetik, sogar meine Lieblingssportklamotten und die kleine Schmuckschatulle von Oma – war weg. Einfach weg.
Nur mit dem neuen Backpacker-Rucksack auf dem Rücken stand ich nun vor der Werkstatt am südwestlichen Rand von Sydney. Die Hitze schlug mir entgegen wie eine Wand. 28 Grad, hohe Luftfeuchtigkeit, und ich trug noch die Sachen vom Flug: eine fliederfarbene Leggings von Teveo und ein Hoodie. Darunter nur einen schwarzen Sport-BH und einen schwarzen sportlichen Slip, den ich seit über einem Tag anhatte. Im Rucksack befand sich das absolute Minimum: ein knapper Bikini (den ich eigentlich nur für den Strand eingepackt hatte und mich in Deutschland nie trauen würde zu tragen), ein Handtuch, Badelatschen, meine Papiere, die Powerbank, das Portemonnaie mit meinen Ersparnissen (rund 2.500 Euro, plus die 2.000€ von den Eltern), ein Sport-BH, eine enge schwarze Teveo-Shorts und meine Laufschuhe. Das war’s. Keine Unterwäsche zum Wechseln. Keine normalen Tops. Keine Jeans. Nichts.
Tränen stiegen mir in die Augen, als ich den Van sah. Er stand in der Ecke der Werkstatt, ein älterer asiatischer Kleintransporter, der auf den Fotos irgendwie… größer und sauberer gewirkt hatte. Jetzt erkannte ich Rostflecken an den Radkästen, eine verbeulte Schiebetür und innen diesen muffigen Geruch nach altem Teppich und Feuchtigkeit. Die „Werkstatt“ war eher eine große Garage mit ein paar Werkzeugen, Schweißgeräten und einem alten Kühlschrank.
„G’day! Du musst Jette sein, richtig?“ Ein Mann Mitte 50 kam auf mich zu. Mick. Breite Schultern, sonnengegerbte Haut, graue Bartstoppeln und ein freundliches, aber etwas zu intensives Lächeln. Er trug ein ölverschmiertes Shirt und Arbeitshosen. „Schön, dass du heil angekommen bist. Der Van ist bezahlt, wie besprochen. Schlüssel hier. Und du darfst die Werkstatt mitbenutzen, solange du willst. Meine Tochter Liz hilft manchmal mit.“
Neben ihm tauchte eine junge Frau auf, etwa 25, mit langen blonden Locken, die sie zu einem unordentlichen Dutt gebunden hatte. Liz war das genaue Gegenteil von mir: groß, kurvig, mit üppigen Brüsten, die sich unter einem engen Tanktop abzeichneten, und einem trainierten Po in kurzen Shorts. Zahlreiche Tattoos zierten ihre Arme und ein Bauchnabelpiercing blitzte hervor, wenn sie sich bewegte. Sie mustert mich von Kopf bis Fuß – die zierliche 1,57m große Gestalt, die langen dunkelblonden Haare, die jetzt strähnig vom Flug hingen, die blauen Augen, die vor Erschöpfung und Frust glänzen.
„Oh honey… du siehst aus, als hättest du schon den ersten Schock hinter dir.“ Liz grinst schief und kam näher. „Der Van? Ja, Dad hat ihn günstig bekommen. Er ist ein Projekt. Aber der Motor läuft. Der Rest… na ja.“ Sie lacht leise. „Und du hast nur den Rucksack? Wo ist dein ganzes Zeug?“
Ich schlucke. Die Worte kommen stockend heraus. „Der Koffer ist verloren gegangen. Am Flughafen. Ich hab… gar nichts. Nur das hier drin.“ ich öffne den Rucksack ein Stück und zeigte den kläglichen Inhalt. Der Bikini, die Teveo-Shorts, die Laufschuhe. Keine frische Unterwäsche. Die Erkenntnis traf mich noch einmal hart: Ich würde die nächsten Tage – oder Wochen, bis der Koffer vielleicht auftauchte – in denselben Sachen stecken oder in dem, was ich mir irgendwie besorgen oder günstig kaufen kann.
Mick kratzt sich am Kopf. „Scheiße, das ist hart für den Anfang. Hör zu, Kleine. Du kannst hier erstmal duschen, hinten gibt’s eine einfache Dusche für die Jungs nach der Arbeit. Und Liz hat sicher ein paar Sachen, die dir passen könnten. Du bist ziemlich zierlich, aber wir finden was.“
Liz nickt und mustert mich erneut, diesmal länger. Ihr Blick blieb kurz an meinem Hoodie hängen. „Klar. Komm mit in den hinteren Raum. Ich hab hier eine Kiste mit Klamotten, die ich nicht mehr trage und eigentlich schon lange zur Altkleiderspende bringen wollte. Manches ist vielleicht ein bisschen… freizügig für dich, aber besser als nichts, oder?“
Ich folge ihr zögernd. Der hintere Raum war vollgestopft mit Autoteilen, einer kleinen Küche, einer alten Couch und ein paar Spinden für die Mitarbeiter. Dahinter eine Tür, die zum kleinen Badezimmer führt. Liz kramt in einer großen Plastikkiste und zog Sachen heraus: enge Crop-Tops, kurze Denim-Shorts, ein paar Tanktops mit tiefen Ausschnitten, einen Micro-Rock und sogar ein paar String-Bikinis. „Die meisten Sachen sind aus meiner wilden Phase. Probier mal. Ich drehe mich um.“
Während ich mich sich umziehe, spüre ich Liz‘s Blicke trotzdem. Die Hitze, der Schweiß auf meiner Haut, das Gefühl, fast nichts Eigenes zu haben… es ist demütigend. Die Teveo-Shorts sitzen eng an meinem kleinen, trainierten Po. Ein Crop-Top von Liz ist mir viel zu weit an der Brust, aber es zeigte einen Streifen meines flachen Bauches mit dem Sixpack. Keine frische Unterwäsche – ich muss meinen alten Slip anbehalten und ekele mich.
Als ich wieder aus dem Raum komme, pfeift Mick leise durch die Zähne. „Sieht schon besser aus. Willkommen in Australien, Jette.“
Der Rest des Tages vergeht mit ersten Inspektionen des Vans. Mick zeigt mir die Probleme: defekte Verkabelung, fehlende Dämmung, ein undichter Wassertank, der alte Teppichboden musste raus. „Das wird dich ein paar Wochen kosten und ein paar hundert Dollar extra. Aber wir helfen dir, wenn du willst. Gegen ein bisschen Hilfe in der Werkstatt oder so.“ Liz bietet außerdem an, mit mir in die Stadt zu fahren, um günstige Materialien zu besorgen – und vielleicht neue Basics. Außerdem darf ich erstmal in der Werkstatt übernachten.
Erschöpft sitze ich später am Abend auf der alten Couch in der Werkstatt, lade mein Handy und tippte in die Gruppenchats.
Gruppenchat „Mädels forever ❤“:
Jette: Mädels… ich heul gleich. Koffer ist weg. Komplett. Ich hab nur meinen Bikini, ein Handtuch, Laufschuhe, die Teveo-Shorts und einen Sport-BH. Keine Unterwäsche, nichts. Der Van ist eine Baustelle. Muffig, rostig, alles kaputt. Ich weiß nicht, wie ich das hinkriegen soll.
Lena: Oh nein, Süße!!! Das ist ja ein Albtraum!!
Mia: Hahahaha arme Jette! Oh Shit und jetzt?. Aber im ernst: Geh shoppen, nimm das Geld von deinen Eltern. Und schick Fotos von dem Van und den Leuten da!! Wer hilft dir?
Sophie: Mitleid pur. Aber hey, das wird die beste Geschichte ever. Und vielleicht legst du dir endlich eine neue Gardarobe zu. Vielleicht bisschen freizügiger. Bleib safe, aber hab Spaß! Wir vermissen dich schon.
Eltern-Chat
Mama: Jette-Schatz, das mit dem Koffer tut mir so leid! Papa regelt das mit der Versicherung. Wie ist der Van? Brauchst du mehr Geld?
Jette: Van braucht viel Arbeit… aber ich schaff das. Hab nette Leute kennengelernt, die helfen. Kuss!
Ich lege das Handy weg. Die Späße der Freundinnen hatten mich ein bisschen aufgemuntert, aber der Frust sitzt tief. Hier bin ich, in fremden, viel zu freizügigen Klamotten, mit einem Van, der eher eine Ruine ist, und ohne Plan. Mick und Liz sind hilfsbereit – vielleicht zu hilfsbereit. Liz‘s Blicke, Micks Grinsen… ich spür , dass dieses Jahr ganz anders werden würde als gedacht.
Während draußen die Sonne untergeht und die Werkstatt in orangefarbenes Licht taucht, starrte ich auf den Van. Ich werde ihn zu meinem Zuhause machen. Koste es, was es wolle!
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