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Chapter 19 by daimon daimon

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Simones Heimweg (21. März)

Simone stürzte förmlich aus dem Lokal. Sie war völlig durcheinander. In einem Moment fühlte sie nichts als Hass und Wut auf ihre Schwester und auf Juliette, im nächsten schämte sie sich abgrundtief. Und da war noch ein ganz anderes Gefühl. Ein Gefühl, dass sich weniger in ihrem Verstand als in ihrem Unterleib manifestierte. Ihre Muschi glitschte schon wieder, dass es eine Freude war.

Hätte sie sich von diesem Kellner einfangen lassen, wenn seine Kollegin nicht aufgetaucht wäre? Wäre sie ihm zu Willen gewesen? Sie wusste nicht einmal mehr, wie er aussah, seine ganze Erscheinung war auf das Gefühl seines pochenden Schwanzes in ihrem Mund reduziert.

Was ist nur mit mir geschehen in den letzten Tagen? Da habe ich endlich einen Freund, der mich mag und sogar beschenkt und dennoch blase ich wildfremde Männer in irgendwelchen schmutzigen Hinterhöfen.

Je weiter sie sich von der Bar auf der belebten Straße fortbewegte, desto weniger zornig war sie auf ihre Schwester und Juliette. Was hatte sie erwartet? Niemand hatte sie zu irgendetwas ****. Sie hatte sich ganz von selbst erniedrigt.

Hatte sie das? Sich erniedrigt? Wem gegenüber?

Ihr Verhalten der letzten Zeit passte nicht mehr mit dem Selbstbild zusammen, das sie in ihrem bisherigen Leben entwickelt hatte. Das war eigentlich so nicht wahr, denn sie hatte dieses Bild nicht alleine entworfen. Es war an Vorbilder angelehnt. An ihre Eltern, an Ideale, mit denen sie in Literatur und Religion konfrontiert worden war und – nicht zuletzt – an ihre erfolgreiche Schwester.

Sie musste sich eingestehen, dass sie sich an einer Fälschung, an einer Vorspiegelung, orientiert hatte. Was, wenn auch die anderen Vorbilder nur zur Schau gestellte Fassaden waren, hinter denen sich eine völlig andere Realität verbarg? Wenn sie ehrlich zu sich war, war das einzig Ehrliche und Reale, auf das sie vertrauen konnte, die Reaktion ihres Unterleibes.

„Meine Muschi lügt nicht,“ murmelte sie vor sich hin und musste herzhaft lachen.

Derart mit sich selbst amüsiert schlenderte sie ziellos durch das Viertel, in dem sich ein Nachtlokal an das andere reihte. Einige Lokale hatten bereits Tische auf die Plätze und Gehsteige gestellt, auf denen vermummte aber fröhliche Menschen saßen, die den relativ lauen Frühlingsabend genossen.

Auf einem der Plätze in der großen Fußgängerzone spielten Straßenmusikanten. Einige Paare hatten zu tanzen begonnen. Simone blieb stehen und verfolgte das fröhliche Treiben. Sie spürte die Sinnlichkeit, die in der Luft lag. Menschen küssten sich, trollten sich eng umschlungen aus den hell erleuchteten öffentlichen Bereichen, um irgendwo ungestört zu sein.

Simone hätte jetzt gerne Tim bei sich gehabt, mit ihm getanzt, ihn geküsst, …

Sie hatte bei all den Aufregungen des heutigen Tages völlig darauf vergessen, ihr Smartphone zu checken. Fünf Nachrichten von Tim!

„Bin gut in London angekommen. Schade, dass du nicht da bist!“

„Wie hat dir mein Geschenk gefallen?“

„Was machst du heute Abend?“

„Du bist offenbar ziemlich beschäftigt!“

„Gute Nacht!“

Simone war überrascht von Tims Hartnäckigkeit. Überrascht und etwas erschrocken. Erst der kostbare Plug und jetzt diese Flut an Nachrichten! Er mochte sie, soviel war sicher. Dieser Umstand setzte sie zunehmend unter Druck. Wie sollte sie mit dieser Zuneigung umgehen? Sie selbst war sich über ihre Gefühle nicht im Klaren. Sicher, sie mochte ihn. Sehr. Und dennoch war ihre Beziehung zu Tim, wie immer man sie bezeichnen wollte, bei weitem nicht so wichtig wie ihre gerade erst erwachte Sexualität. Bedürfnisse, von denen sie bis vor kurzem nur eine sehr ungefähre Ahnung gehabt hatte, verdrängten jeden anderen klaren Gedanken. Tim war natürlich ein wesentlicher Faktor und wichtiger Spender dieser neuen Lust, die sie nicht mehr missen wollte. Wenn sie ehrlich mit sich war, musste sie sich aber eingestehen, dass Tim eher die Rolle eines Katalysators zukam als die des Geliebten, auf den sie ihr ganzes bisheriges Leben gewartet hatte. Kurz gesagt, sie fühlte sich nicht in einer Liebesbeziehung. Auch Tim reduzierte sich in ihren Gedanken, die in den letzten Tagen fast ausschließlich erotischer Natur waren, auf seinen Schwanz, seine herrlich bewegliche Zunge und seine zärtlichen Hände.

Simone war auf merkwürdige Art erleichtert, als sie ihre Situation in dieser neuen Klarheit erkannte. Sie war es Tim schuldig, „ihm keine falschen Hoffnungen“ zu machen. Obwohl sie ihn gernhatte, obwohl er sicher mehr als ein Fuck-Buddy, Friend with benefits oder wie immer man Liebhaber auf Neusprech nannte, war. Sie hatte einen unglaublichen Hunger nach Abenteuern, wollte ihren Körpern mit all seinen Möglichkeiten, ihr Lust zu schenken, kennenlernen. Diesen Hunger, dessen war sie sich völlig sicher, konnte Tim allein nicht stillen.

„Dir auch eine Gute Nacht! War mit Sandra unterwegs. Sie war sehr an deinen erotischen Phantasien interessiert.“

Sie hatte die Nachricht weggeschickt, ohne lange nachzudenken. Aus dem Bauch heraus (eigentlich war der Ausgangspunkt der Aktion eher unter ihrem Bauch anzusiedeln) sozusagen. Wie sollte Tim diese Nachricht verstehen? Ohne Frage eine merkwürdige Antwort auf seine Nachrichten, die, da war sich Simone sicher, um Haaresbreite an einer Liebeserklärung vorbeigeschrammt waren. Als keine Antwort kam, war Simone zunächst beunruhigt, doch dann sah sie, dass es bereits 2300 Uhr war. Tim würde sicher schon schlafen. Sie ließ ihr Telefon in ihre Handtasche gleiten und tauchte wieder in die verzauberte Atmosphäre mit der Musik, den tanzenden Paaren und der schwirrenden erotischen Spannung ein.

„Darf ich bitten, gnädige Frau?“

Er war nicht mehr ganz ****, nicht ganz schlank und nicht ganz so groß wie sie mit ihren Absätzen. Aber er hatte freundliche hellblaue Augen, die sie unternehmungslustig anfunkelten. Sein ganzes Gebaren hatte eine selbstverständliche Leichtigkeit, einen Schwung, der sie mitriss. Kurz entschlossen reichte sie ihm ihre Hand und ließ sich auf den provisorischen Tanzboden führen.

Sie vergaß Tim, den Kellner, Sandra. Sogar die Tatsache, dass sie eigentlich nicht tanzen konnte, entfiel ihr. Sie ließ sich von ihrem namenlosen Galan führen, wirbelte zwischen den anderen Paaren hindurch und wurde von einem angenehmen Schwindel erfasst.

Ihr Partner war bei all dem trotz der körperlichen Nähe, selbst, wenn er sie vor den Drehungen fest in den Arm nahm, unaufdringlich, ohne irgendwelche Erwartungen, die über diesen herrlichen Moment gemeinsamer Bewegung hinausgingen, der doch eigentlich nichts anderes als ritualisiertes Liebesspiel war.

Irgendwann verstummte die Musik. Sie trennten sich. Nach einem kurzen Nicken wollte er sich umdrehen und seiner Wege gehen, da berührte sie ihn an der Schulter und lächelte ihn an. Ohne weitere Gesten oder Wörter verstand dieser wunderbare kleine Mann. Er lächelte zurück ließ sich von ihr in den Arm nehmen und auf die Lippen küssen. Dass er dabei die Lippen geschlossen hielt und nichts forderte, das sie nicht zu geben bereit war, rundete das Bild des vollendeten Gentleman ab, das sie sich von ihm gemacht hatte.

Es war Zeit, nach Hause zu gehen. Sie musste ins Bett. Am nächsten Morgen war da noch das Frühstück mit dem schönen Bäckermädel.

Sie war pleite, völlig verwirrt, ohne Aussicht auf seriöse Arbeit und doch war sie so glücklich und unbeschwert wie noch nie in ihrem Leben.

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