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Dorffest Tag 1 Sandra
Dann war er da, der erste Tag vom Dorffest.
Silke moderierte die Abendveranstaltung. Fast zweihundertfünfzig Leute waren gekommen, und alle hatten Eintritt bezahlt. Sandra hatte sich noch gewundert. Sie schaute sich den Flyer an. Es war ein normaler Flyer. Silke hatte ein Foto von ihr gemacht und es auf das Cover gesetzt. Sandra fand sich wirklich hübsch darin, das rote Kleid, das wellige Haar, das Lächeln. Alle Flyer waren ruckzuck weg. Die Eintrittskarten waren schnell verkauft, vorrangig an die Männer im Dorf.

Silke war ein Verkaufstalent. Jeder, mit dem sie sprach, kaufte direkt eine Karte.
Sandra hatte sich das rote Kleid vom Flyer angezogen. Darunter die Scherzunterwäsche, die Silke ihr in die Hand gedrückt hatte: ein Oma-BH, weit, mit Schleife, und ein Slip, auf dem in großer Schrift stand: HIER GIBT ES NICHTS ZU SEHEN. Der Stoff war altmodisch, fest, fast schon komisch. Genau das sollte das Lachen bringen.
Die Bühne war grell ausgeleuchtet, fast schon unangenehm hell gegen die weiche Dämmerung darüber. Davor lag das Zelt dicht gedrängt voll: Bierbänke in Reihen, Lichterketten, der Geruch nach gegrillter Bratwurst, abgestandenem Bier und warmem Asphalt, der den ganzen Tag in der Sonne gelegen hatte. Es war laut, aber nicht unruhig. Eher dieses breite, satte Festlachen, das entsteht, wenn ein ganzes Dorf an einem Abend zusammenkommt und sich entschlossen hat, alles lustig zu finden.
Dr. Dorn stand seitlich an der Bühnenkante. Dunkles Hemd, Ärmel hochgekrempelt, die Hände locker in den Hosentaschen. Seine Stimme hatte denselben weichen, etwas zu ruhigen Tonfall wie in den Kopfhörern bei den Sitzungen – als würde er nicht zu zweihundertfünfzig Leuten sprechen, sondern zu ihr, die gerade die Augen geschlossen hatte. Sandra merkte, wie sich bei dem Klang etwas in ihrem Brustkorb zusammenzog, und schob den Gedanken weg, bevor er Form annehmen konnte.
Silke moderierte mit der Sicherheit von jemandem, der den Abend schon in der Tasche wusste. Sie hatte ein paar Freiwillige auf die Bühne geholt, und es funktionierte. Eine Frau sollte „alle Leute nackt sehen“ und wurde so rot, dass man es bis in die hinteren Reihen sehen konnte. Sie kicherte, hielt sich die Augen zu, guckte trotzdem durch die Finger und brachte den ganzen Platz zum Brüllen. Der Nächste durfte keine Nummern mehr sagen. Er stand hilflos am Mikro, stotterte *Ding* und *Sache* und *das da*, während die Leute sich vor Lachen auf die Bänke schlugen. Sandra spürte, wie ihre Hände feucht wurden. Gleich wäre sie dran.
„Liebe Leute“, sagte Silke ins Mikro, die Stimme klar und ein bisschen zu fröhlich. „Wir haben heute einen Engel hier, der das alles möglich gemacht hat. Ihr kennt sie schon, unsere neueste Bewohnerin. Sandra. Ihr habt schon viel von ihr gehört. Und sicherlich auch gesehen.“
Das Gelächter kam zu schnell und zu wissend.
„Ein großer Applaus für Sandra.“
Sie ging auf die Bühne. Die Scheinwerfer trafen sie von vorn und von oben. Das rote Kleid wurde zur leuchtenden Fläche. Zweihundertfünfzig Gesichter, unscharf vor dem Licht. Peter irgendwo dazwischen, oder vielleicht auch nicht – sie suchte nicht lange. Sie lächelte, weil man auf einer Bühne lächelte, und spürte, wie das Lächeln in den Wangen stecken blieb.
Dann machte Dorn, wie abgesprochen, seine Show. Er trat näher, sprach ruhig und langsam. Sandra tat so, als ginge sie in Trance: Lider schwer, Schultern locker, der Kopf ein wenig nach vorn. In Wahrheit hörte sie jedes Wort. Sie wartete auf Silkes Zeichen und zählte im Kopf die Sekunden, bis es so weit wäre.
Dorn trat ans Mikro. Seine Stimme blieb freundlich, fast beiläufig, als erkläre er ein Kinderspiel.
„Drei Wörter“, sagte er. „Ganz alltägliche. Die kann man auch an der Kasse benutzen. Oder beim Nachbarn. Immer wenn du das Kommando hörst: *Kaffee* – zeigst du deine Brüste. Immer wenn du hörst: *Nächste bitte* – zeigst du deinen Po. Immer wenn du hörst: *Passt schon* – zeigst du deine Möse. Jedes Mal sechzig Sekunden. Stillstehen. Nicht weglaufen. Verstanden?“
Das Publikum lachte, weil es dachte, das sei der Witz vor dem eigentlichen Witz. Jemand rief etwas, das Sandra nicht verstand. Die Scheinwerfer brannten auf ihrer Stirn.
Dann „wachte“ sie wieder auf. Sie blinzelte ins Licht, suchte Silke und fand das kaum merkliche Nicken.
Silke rief den ersten Befehl, als gehöre er zur Moderation, ganz beiläufig.
„Nächste bitte.“
Sandra drehte sich um. Sie zog das rote Kleid nach oben, bis es über der Hüfte lag, und zeigte den Hintern. Darunter der große, feste Scherzslip, die Schrift *HIER GIBT ES NICHTS ZU SEHEN* quer über beide Backen in dicken schwarzen Buchstaben. Sechzig Sekunden. Sie bewegte sich nicht, die Hände an den Seiten, das Gesicht zum Publikum gewandt, auch wenn sie niemanden richtig sehen konnte. Der Platz explodierte. Die Männer, die Haut erwartet hatten, bekamen Omaspruch und lachten sich krumm. Ein paar schlugen sich auf die Schenkel. Die Frauen klatschten, erleichtert und gleichzeitig mit einer gewissen schadenfrohen Freude. Sandra spürte den Stoff des Slips, fest und ein bisschen zu warm, und zählte im Kopf.
Silke wartete den Applaus ab, bis er ein wenig abebbte.
„Kaffee.“
Sandra drehte sich wieder nach vorn. Sie zog das Kleid über die Brust und zeigte den Oma-BH. Weit, mit einer kleinen Schleife in der Mitte, der Stoff altmodisch und undurchsichtig. Nichts, was jemand geil finden sollte, und genau deshalb brüllte der Platz noch lauter. Sechzig Sekunden unter den Scheinwerfern. Sandra lächelte steif, wie abgesprochen, und spürte, wie ihr der Schweiß zwischen den Schulterblättern herunterlief. Jemand rief „Weiter so!“, jemand anders lachte so heftig, dass er sich verschluckte.
Dann der letzte.
„Passt schon.“
Sandra zog das Kleid vorne hoch. Wieder der Slip mit dem Spruch. Der Venushügel darunter nur als Form, kein nacktes Fleisch, nur der Witz. Wieder sechzig Sekunden. Jemand pfiff trotzdem. Jemand rief nach mehr, halb im Spaß, halb nicht. Der große Rest lachte, weil die Erwartung gekippt war: Der Hypnotiseur hatte Brüste, Po und Möse bestellt, und das Dorf bekam Scherzwäsche und einen Spruch, den man sich merken würde.
Silke holte sie mit einem Satz zurück ans Mikro, die Stimme warm und öffentlich.
„Unser Engel. Seid dankbar. Ohne sie gäbe es heute Abend kein Fest.“
Der Applaus kam lang und anhaltend. Sandra verbeugte sich, das Kleid glatt gezogen, das Herz bis in den Hals. Sie ging seitlich von der Bühne. Dorn nickte ihr zu, als habe sie eine Übung bestanden, ein kurzes, professionelles Nicken. Silke drückte ihre Hand, fest und kurz.
„Voller Erfolg“, flüsterte sie. „Die Kasse dankt. Und morgen die Versteigerung.“
Sandra lachte, immer noch hell vor Aufregung und dem Nachhall der Scheinwerfer. Sie trank Wasser aus einem Plastikbecher, als könne das die Hitze aus den Wangen waschen. Sie hatte Silke unterstützt. Die Leute hatten gelacht, laut und richtig. Und niemand hatte gesehen, was unter der Scherzwäsche wirklich lag.
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