What's next?
Platzsuche
Ich schlenderte noch ein Stück den Bahnsteig entlang, bis der Zug einfährt. Als die Türen aufgingen, stieg ich ein und ging direkt in die erste Etage des Doppelstockwagens. Langsam und bewusst lief ich durch den Gang. Der Wagen war schon recht gut besetzt. Das Klack-Klack-Klack-Klack meiner Absätze war auch hier deutlich zu hören – nicht so hallend und dramatisch wie im Bahnhofstunnel, aber laut genug, dass die meisten Fahrgäste von ihren Handys oder ihrem Lesestoff aufsahen und schauten, wer dieses Geräusch verursachte.
Wieder spürte ich die unterschiedlichen Blicke auf mir. Manche waren neugierig, manche offen lüstern, manche ablehnend. Die erregende Wirkung blieb dieselbe. Mit einem kleinen, freundlichen Lächeln erwiderte ich die Blicke, die mir gefielen.
In der Mitte des Wagens erreichte ich eine Vierer-Sitzgruppe. Am Gang, in Fahrtrichtung, saß ein Mann, den ich auf Mitte fünfzig schätzte. Er war schlank, hatte bereits etwas Grau in den kurzen Haaren, trug eine dezente Brille und einen gepflegten kurzen Bart. Auch wenn er nicht unbedingt zu meiner bevorzugten Männergruppe gehörte, wirkte er sympathisch und ruhig. Als ich den Gang entlangkam, lächelte er bereits freundlich und offen.
Ihm gegenüber, am Fenster, saß ein jüngerer Mann um die dreißig. Er hatte eine leichte Ähnlichkeit mit meinem Fick aus der Sauna – ähnliche Gesichtszüge, ähnliche Statur –, aber es war nicht er. Dieser Mann bemerkte mich zunächst gar nicht. Er war vollkommen in sein Handy vertieft und trug Ohrstöpsel, sodass er das Geräusch meiner Schuhe überhaupt nicht hören konnte.
Ich blieb vor dem älteren Mann stehen und fragte mit einem Lächeln: „Ist der Platz neben Ihnen noch frei?“
Er erwiderte mein Lächeln sofort und sehr freundlich. „Natürlich“, sagte er und stand sogar auf, um mir den Weg zum Fensterplatz freizumachen. Ich setzte mich an das Fenster, und er nahm wieder seinen Platz am Gang neben mir ein.
Erst jetzt schaute der jüngere Mann am Fenster zum ersten Mal auf. Zuerst nur flüchtig – dann realisierte er mein Outfit. Sein Blick blieb einen Moment länger hängen, bevor er versuchte, wieder auf sein Handy zu schauen. Es gelang ihm nicht besonders gut. Er nahm sich unauffällig einen zweiten und dann einen dritten Blick. Über den Rand seines Handys hinweg schielte er immer wieder zu mir herüber. Was auf dem Bildschirm zu sehen war, schien plötzlich deutlich weniger spannend zu sein als der Anblick gegenüber.
Ich tat so, als würde ich nichts davon bemerken. Innerlich dachte ich jedoch bereits: Das hier ist ein perfektes Setup, um ihn ein bisschen nervös zu machen.
Dann setzte sich der Zug in Bewegung.
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