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Chapter 8
What's next?
Wut, Scham und ein unmoralisches Angebot
Ich warf einen wütenden Seitenblick auf Anna. Es war einfach böse und gemein, was sie meiner Mia angetan hatte, und ich wollte sicherstellen, dass sie wusste, was ich über sie dachte. Vielleicht würde sie sich zukünftig besser benehmen, wenn sie verstand, was sie damit anderen Menschen antat.
Zu meiner großen Überraschung schaute ich ihr direkt in die Augen. Offenbar hatte sie nicht den Film verfolgt, sondern die ganze Zeit über mich beobachtet. Als ob sie mich und meine Reaktion auf das Gesehene studierte. Wir starrten uns an. Und je mehr sich ihre Mundwinkel spöttisch nach oben zogen, desto unsicherer und betretener fühlte ich mich.
Eigentlich müsste sie sich doch ertappt fühlen, wenn ich bemerkte, wie sie mich ansah. Stattdessen schaffte sie es spielend leicht, dass ich mich dafür zu schämen begann, wie ich in ihren Augen wirken musste. Ärmlich, unbeholfen, unsicher. Zu meinem extremen Unbehagen spürte ich Hitze in meinen Wangen aufsteigen und ich wusste, dass ich tomatenrot geworden war. Meine Wut zerschellte an ihrer stahlharten Überheblichkeit. Es war für sie völlig unerheblich, ob sie im Recht war oder nicht. Sie ging einfach davon aus, dass sie tun und lassen konnte, was sie wollte. Und dass sie damit durchkam. Als könne sie meine Gedanken lesen, grinste sie mich unverhohlen an. Dann schob sie ihre Zunge von innen gegen ihre Wange. Ich käme nie auf die Idee, so eine Geste zu benutzen, wusste aber sehr wohl, was sie bedeutete. Unwillkürlich leckte ich mir über die plötzlich trockenen Lippen. Anna schaffte es ohne Worte, Mia zu beleidigen und gleichzeitig mich damit zu demütigen.
Hastig wandte ich mein Gesicht wieder dem Monitor zu, um den Augenkontakt mit Mias Peinigerin zu beenden. So sah ich noch, wie meine Tochter nach hinten aus dem Bild rannte und dabei hektisch versuchte, ihre Kleidung zu richten. Wie sie sich befreite, hatte ich jetzt verpasst. Und ich würde ganz bestimmt nicht darum bitten, die Aufnahme zurückzuspulen. Andererseits Mia dazu zu befragen, wie genau sie entkommen war, kam überhaupt nicht in Frage. Zum einen müsste ich dann erklären, woher ich wusste, was geschehen war. Ich wollte mir nicht vorstellen, wer von uns beiden sich tiefer in Grund und Boden schämte, wenn ich ihr erzählen würde, dass ich dieses Video gesehen hatte.
Zum anderen würde ich Mia damit unausweichlich zu verstehen geben, dass sie mich angelogen hatte. Ich hatte ihr rückhaltlos vertraut. Natürlich wusste ich, dass junge Erwachsene in ihrer eigenen Welt leben und sich von ihren Eltern abnabeln mussten. Dazu gehörte es auch, dass sie Geheimnisse hatten und dass es Dinge gab, die sie für sich behielten. Aber dabei ertappt zu werden, war etwas, das ich meiner Tochter nicht antun wollte. Sie sollte die Gelegenheit bekommen, sich selbst mir zu öffnen und das Gesagte richtigzustellen. Trauer überkam mich, als mir bewusst wurde, dass bis dahin immer etwas zwischen uns stehen würde, dass ich mich immer fragen würde, ob sie mir etwas vorenthielt. Es war schlimm genug, wenn ich damit zurechtkommen musste. Mia in eine vergleichbare Situation zu stürzen, würde ich nie über mich bringen. Das musste ich alleine durchstehen.
Mittlerweile war Mia gar nicht mehr auf dem Bildschirm zu entdecken. Ich vermutete, dass sie in den Waschraum der Turnhalle oder die Schultoilette geflüchtet war, um sich zu säubern. Das würde ihre feuchten Haare nachmittags erklären, von denen ich bis jetzt angenommen hatte, dass sie vom Rennen nach Hause verschwitzt waren. Ich würde dies aber garantiert nicht nachprüfen oder hinterfragen. Ungewollt überkam mich die Idee, dass ich Kragen und Schultern des Shirts, das sie heute getragen hatte, auf Flecken untersuchen könnte. Und ich hasste mich schon jetzt dafür.
Die letzte Einstellung des Videos zeigte Annas fröhliches Gesicht in einer ausfüllenden Portraitaufnahme. Sie wirkte, als sei das alles ein Riesenspaß gewesen. Dann kommandierte sie "Aus und Schluss" wie die Regisseurin eines professionellen Filmteams. Und die Mattscheibe wurde schwarz.
Ich wandte mich Herrn und Frau von Stein zu, lehnte mich im Sessel zurück und versuchte, mich zu entspannen, was mir nur sehr unzureichend gelang. Auch an meinen beiden Gegenüber war das Video offensichtlich nicht spurlos vorübergegangen. Doch anstatt Empörung auszustrahlen oder betreten zu realisieren, welche Ungeheuerlichkeit ihre Tochter begangen hatte, wirkten sie geradezu stolz, als habe Anna ein Meisterwerk abgeliefert.
Sophia zeigte einen Anflug von Röte auf ihrem dunklen Taint. Ihr Mund war leicht geöffnet und sie atmete schneller als ich. Eine Ader pochte an der Seite ihrer Kehle und immer wieder schüttelte sie unwillkürlich ihre langen schwarzglänzenden Haare auf.
Florians Augen strahlten mit einem kalten Feuer, sein Kiefer mahlte. Seine Unterarme lagen scheinbar locker auf seinen Oberschenkeln, die kräftigen Hände auf den Knien und sein Oberkörper war leicht nach vorne gebeugt. Er wirkte wie ein Raubtier vor dem Sprung. Mich überfiel die Angst, dass er sich jeden Augenblick auf mich stürzen könnte. Ich fühlte mich klein, unbedeutend und hilflos, wie ein Kaninchen, das unversehens feststellt, dass es freiwillig in den Bau eines Wolfs-Alpha-Paares gelaufen war.
Es schien Florian nicht leicht zu fallen, den Aus-Knopf auf der Fernbedienung zu drücken und sich dann zurück in den Sessel sinken zu lassen. Er nahm eine einfache hellrote Mappe, in der man Dokumente aufbewahrte, vom einem Zeitschriftenstapel neben seinem Platz, warf einen raschen Blick hinein und nickte mit dem Kopf. "Anna, Schatz, gibst du das bitte Frau Huber." Es war ganz eindeutig keine Bitte oder Frage gewesen, auch wenn er den Satz in höflichem, fragendem Tonfall gesprochen hatte. Dieser Mann war es gewohnt, sich durchzusetzen und immer zu bekommen, was er wollte. Dafür musste er nicht einmal die Stimme erheben. Ohne zu Zögern lief Anna mit dem federnden Gang der trainierten Sportlerin zu ihrem Vater, nahm ihm die Mappe ab und reichte sie mir.
Ich sah hinein, wusste aber nicht, was ich von den Papieren, die ich darin vorfand, halten sollte. "Was ist das?"
"Es ist ein Vertrag, den wir uns erlaubten vorzubereiten. Meine Frau und ich haben ihn schon einseitig gezeichnet. Es fehlt nur noch Ihre Unterschrift, damit er gültig wird."
Ich verstand noch immer nicht. Oder besser gesagt, intuitiv weigerte sich mein Verstand zu begreifen, was diese Leute von mir wollten.
Florian legte seine Fingerspitzen gegeneinander und sah mich darüber hinweg an, als gelte es, einer begriffsstutzigen Schülerin eine offensichtliche Wahrheit einzubläuen. "Meine Frau und ich gehen davon, dass Sie verhindern wollen, dass diese Aufnahmen an die Öffentlichkeit gelangen. Genau dies ist der Kern der Vereinbarung, die Sie in Händen halten. Genauer gesagt ist dies in Paragraph vier des Dokuments ausgeführt. Sollte das, was sie heute hier gesehen haben, oder Teile davon im Internet, in Chat Räumen oder Sozialen Medien veröffentlicht werden oder Dritten zur Kenntnis gelangen, ohne dass Sie dem ausdrücklich zugestimmt haben, übernehmen wir die volle Verantwortung dafür. Sie erhalten in diesem Fall eine nicht unerhebliche finanzielle Entschädigung. Die exakte Summe finden sie im folgenden Absatz."
"Ja, selbstverständlich will ich, dass niemand dieses Machwerk sieht. Wenn Sie auch nur einen Funken Anstand haben, dann vernichten Sie es auf der Stelle. Und natürlich auch alle Kopien, die es davon gibt. Und Ihr Geld können Sie behalten. Ich will nur, dass meine Mia von Ihrer Tochter in Ruhe gelassen und nicht mehr gemobbt wird. Das müssen Sie als Eltern doch verstehen."
"Ja, selbstverständlich ist auch das in dem Vertrag berücksichtigt. Wenn Sie umblättern wollen, finden Sie eine entsprechende Verpflichtung unsererseits in Paragraph fünf."
Misstrauisch kniff ich die Augen zusammen. "Geht das? Können Sie sowas für ihre volljährige Tochter bestimmen?"
"Im engeren Sinne nicht, da haben Sie Recht. Es ergibt sich aus unserer Verpflichtung implizit, dass wir diese auch durchsetzen. Aber wenn Sie es vorziehen, kann Anna auf unserer Seite dem Vertrag beitreten und selbst unterschreiben. Nicht wahr, mein Schatz?"
Anna nickte begeistert grinsend und ich bekam den Eindruck, als hätte ich mich selbst in eine Falle manövriert. Um meine Verlegenheit zu überspielen und etwas halbwegs Sinnvolles zu sagen, fragte ich: "Das ist ja alles ganz in Ordnung, ich verstehe nur nicht, weshalb Sie das schriftlich in einem Vertrag regeln wollen, mir würde auch ganz einfach Ihr Wort genügen, dass Sie die Bilder löschen und Mia nicht mehr belästigt wird. Was haben Sie davon, wenn ich zustimme?"
"Gut, dass Sie fragen. Das wäre in Paragraph sieben geregelt. Sie verpflichten sich im Gegenzug, einen Monat lang ohne Vergütung als unsere Hausbedienstete tätig zu sein, sowie in dieser Zeit alle unsere Anweisungen widerspruchslos zu befolgen, sobald sie sich in einer unserer Immobilien befinden."
"Immobilien, Mehrzahl? Was bedeutet das?"
"Nun, da wären zunächst dieses Haus und das dazu gehörende Grundstück. Dann eine Zweitwohnung. Mehrere Ferienhäuser im Ausland. Und zuletzt ein Freizeitgrundstück außerhalb der Stadt."
Mir blieb bei dieser Aufzählung die Luft weg. Ich schaffte es Monat für Monat kaum, die Miete für unsere winzige Unterkunft aufzubringen. Was mich zu dem Problem brachte, dass ich nicht einfach auf mein Gehalt verzichten konnte. "Entschuldigen Sie, Herr von Stein. Das ist doch Quatsch. Ich habe eine Arbeit, der ich nachgehen muss, um den Lebensunterhalt für Mia und mich zu verdienen. Ich kann nicht einfach einen Monat lang etwas anderes tun, noch dazu, ohne Bezahlung."
"Wenn Sie damit andeuten wollen, dass Sie eine Vergütung für Ihre Dienstleistung als Hausmädchen von uns erhalten möchten, dann tut es mir leid. Dieser Punkt ist nicht verhandelbar. Es ist unerlässlich, dass Sie alles, was Sie für uns erledigen, freiwillig und ohne die Erwartung einer unmittelbaren Gegenleistung tun. Und was Ihre gegenwärtige Beschäftigung angeht, nehme ich an, dass Sie ausreichend Urlaubstage haben, um dieser einen Monat fernbleiben zu können."
"Äh, ja." Sofort verfluchte ich mich dafür, ihm nicht widersprochen zu haben. Schließlich hatte ich geplant, meinen Urlaub in den Schulferien zu nehmen, um Zeit mit Mia verbringen zu können, auch wenn wir es uns nicht leisten konnten, fortzufahren. Andererseits... Nein, Stopp! Ich musste aufhören, auch nur darüber nachzudenken, auf dieses unmoralische Angebot einzugehen. Wenn schon ihre Tochter so versaut war, wie ich anhand dessen wusste, was ich gesehen hatte, dann konnte ich mir mehr als nur ausmalen, was mir von ihren Erzeugern blühen würde. Ich entschloss mich zum Gegenangriff.
"Ich kann nicht unterschreiben, denn bin mir ziemlich sicher, dass so ein Vertrag sittenwidrig ist. Oder wie das heißt." Ich hoffte nicht nur, das richtige Wort verwendet zu haben, sondern auch mit meiner Einschätzung richtig zu liegen.
"Das liegt sicher im Bereich des Möglichen. Wobei dies letztlich durch ein Gericht entschieden werden müsste. Ich empfinde es übrigens als eine sehr interessante Entwicklung, dass die Justiz inzwischen technisch so ausgestattet ist, dass Bildmaterial, das auf elektronischen Medien vorliegt, im Gerichtssaal auf Leinwänden vorgeführt werden kann. Und ich nehme an, Sie wissen, dass Gerichtsverfahren grundsätzlich öffentlich sind. Ebenso hat jede Seite des Verfahrens das Recht, Zeugen vorladen zu lassen. Anna, hättest du ein Problem damit, vor Richter, Anwälten und dem Publikum zu den Geschehnissen auszusagen?"
Sie schüttelte eifrig den Kopf. "Bestimmt nicht, ich glaube, das wäre sogar ziemlich lustig und spannend."
Ich kapierte die Drohung, dass er Mia dazu zwingen wollte, vor einem Gericht zu erzählen, was ihr zugestoßen war. Und soweit ich das aus Fernsehserien kannte, würden dann die Anwälte sie ins Kreuzverhör nehmen, und intimste Fragen stellen, sie in Widersprüche verwickeln, bis sie glaubte, selbst an allem schuld zu sein. Ich sah ein, dass ich verloren hatte, blies meine Backen auf und ließ lautstark die Luft entweichen. "Ich muss darüber nachdenken."
"Das ist eine gute Idee. Schlafen Sie eine Nacht darüber. Melden Sie sich dann bitte direkt bei mir, wenn Sie zu einem Entschluss gekommen sind. Hier ist meine Mobiltelefonnummer."
Er reichte mir eine auf edlem Karton gedruckte Visitenkarte.
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Die Mobberin meiner Tochter
Was tut eine Mutter, damit ihr Tochter nicht mehr gemobbt wird?
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