Wie sehen das die anderen?
Nicht so eindeutig
Tom legte die Stirn in Falten. "Lorena, wenn du so denkst, können wir gleich aufhören, noch irgendwas zu machen. Wir tanzen ständig am Rand vom Abgrund rum. Würden wir das nicht tun, wärst du immer noch in Gefangenschaft, oder tot."
"Aber das hier ist größer", widersprach Lorena. "Dao meinte, sie wäre zu einer Waffe gemacht worden, die die ganze Welt zerstören kann. Das ist mit mir nicht vergleichbar."
"Natürlich ist das vergleichbar", meldete sich erneut Viktor zu Wort. "Die schnappen uns von der Straße und machen mit uns, was sie wollen, und dabei kommen Sachen raus, die sie selbst nicht mehr beherrschen! Und wenn sie schon einmal etwas geschaffen haben, das die Welt vernichten kann, dann schaffen sie es bestimmt noch mal! Ist es nicht unsere Pflicht, sie daran zu hindern?"
Alex nickte zustimmend. "Ich finde auch, wenn wir die aufhalten können, sollten wir das tun. Und wenn wir dabei noch was in die Hände kriegen, das Dao hilft, um so besser."
Dao schien das nicht so optimistisch zu sehen. "Aber wenn das schiefgeht", sagte sie, "und die euch erwischen, dann kriegen sie auch mich wieder in ihre Hände! Bitte, das Risiko dürft ihr doch nicht eingehen!"
"Wie Viktor schon sagte", meinte Asha, "wenn wir nichts tun, dann gehen wir das Risiko ein, dass sie das gleiche wie mit dir noch mit jemand anderem tun. Und wir alle hier sind uns einig, dass wir nicht nur an uns selbst denken dürfen, sondern an alle, die so sind wie wir. Ganz davon abgesehen, dass diese Forschungen an uns auch schlecht für den ganzen Rest der Menschheit sind. Die kommen ja nicht allen zugute, sondern nur einer kleinen auserwählten Gruppe von Mächtigen. Also ich denke auch, wir müssen versuchen, die aufzuhalten."
"Bin der gleichen Meinung", nickte Malia. "Wir stehen füreinander ein, so hab ich unsere Gemeinschaft hier kennengelernt. Oder ist jemand anderer Meinung?"
Außer Dao und Lorena war das tatsächlich niemand; selbst Diana, die gewöhnlich eher reserviert gegenüber Risiken war, stand klar hinter den anderen. Schließlich ließ auch Lorena sich überzeugen. "Na gut", sagte sie nach ein paar weiteren Minuten der Diskussion, "dann werd ich mich nicht querstellen, wenn ihr alle das wollt. Ich bin einverstanden, wenn ihr Ellen deswegen kontaktiert."
Dao wirkte immer noch nicht glücklich. "Aber bitte, seid vorsichtig!" bat sie. "Wegen mir ist schon einer von euch- Wenn jetzt noch jemand-"
"Das war nicht wegen dir", sagte Tom ruhig, "das war wegen den Leuten, die dich in ihren Händen hatten. Und genau denen werden wir jetzt auf die Finger hauen."
Vorerst aber wurde noch niemandem auf die Finger gehauen; das alles erforderte eine Menge Planung, und die forderte in den kommenden Tagen Steffens und Toms volle Aufmerksamkeit. Alex war ein bisschen außen vor, einerseits, weil er nur wenige Fähigkeiten besaß, die dabei halfen und andererseits, weil er natürlich nicht wirklich wusste, welche Mittel ihnen jetzt genau zur Verfügung standen. Dementsprechend blieb für ihn im Moment noch alles beim Alten, und er konnte sie wie üblich auf Tamara und Diana konzentrieren.
Mit Steffis "Ausbildung" ging es offensichtlich gut voran - sie zeigte sich in Connors Gestalt immer wieder den anderen und versuchte, in dessen Rolle zu schlüpfen, und Alex fand, es gelang ihr von Mal zu Mal besser. Nach vier Tagen schließlich konnte keiner mehr noch irgendwelche Auffälligkeiten bei ihr vorstellen; sogar Connors Tonfall hatte sie inzwischen drauf, und so verabschiedete sie sich am fünften Tag von den anderen und verließ die Villa, um sich draußen wieder zu zeigen und keinen Verdacht aufkommen zu lassen, ihm könnte irgend etwas geschehen sein.
Sie hatte das Haus noch keine Stunde verlassen, da klopfte es an Alex' Tür. "Bist du alleine?" Es war Jessie.
"Klar, komm rein."
"Danke." Jessie trat ein und schloss sofort die Tür hinter sich. Sie sah definitiv nicht gut aus - blass, mit Ringen unter den Augen, und ihr Haar wirkte, als hätte sie es seit Tagen nicht mehr gewaschen. "Steffi ist weg, oder?"
Alex nickte. "Gerade gegangen."
Jessie seufzte erleichtert und setzte sich auf sein Bett. "Gut. Nochmal wollte ich ihr nämlich nicht über den Weg laufen, solange sie hier Connor spielt."
"Na ja, irgendwie musste sie es ja einüben, wenn sie-"
"Ganz ehrlich?" Jessies Augen funkelten wütend. "Ich find das eine Scheißidee, sie in seine Rolle schlüpfen zu lassen! Ihr lasst die Person, die für seinen Tod verantwortlich ist, als ihn rumlaufen! Ist euch nichts Ekligeres eingefallen, um sein Angedenken durch den Dreck zu ziehen?"
Der Wutausbruch überraschte Alex. "Ich hatte keine Ahnung, dass du das so siehst."
Jessie starrte ihn an. "Was hast du denn gedacht - dass ich vor Freude jubiliere und vielleicht noch gleich mit Steffi in die Kiste springe, wie sie's mir angeboten hat? Connor was das Beste, das absolut Allerbeste, was mir in meinem Leben je passiert ist! Ich war noch nie so glücklich wie mit ihm! Und ihr... ihr..." Ihr stiegen Tränen in die Augen.
"Scheiße, du hättest was sagen sollen!" stieß Alex hervor. "Ich hatte keine Ahnung- Keiner von uns hatte eine Ahnung, dass du dich deswegen so fühlst! Und ich bin mir sicher, die anderen hätten das auch-"
"Ach, die anderen!" Jessie wischte sich zornig mit dem Arm die Tränen aus dem Gesicht. "Seitdem ich euch bei Dao den Arsch gerettet hab, bin ich doch bei Tom und Steffen untendurch! Denkst du, auch nur einer von den beiden wär in den letzten Tagen auch nur einmal bei mir gewesen und hätte sich erkundigt, wie's mir geht? Und du scheinst ja auch ganz auf ihrer Linie zu sein!"
Alex hob abwehrend die Hände. "Hey, das letzte, was du zu mir gesagt hast, war, dass du alleine sein wolltest!"
Das schien Jessie kurz aus dem Konzept zu bringen. "Also du- Ich meinte, in dem Moment wollte ich alleine sein, aber doch nicht tagelang! Außer Viktor hat so gut wie keiner nach mir geschaut, und... Ganz ehrlich, ich glaub nicht, dass das eine gute Idee ist, wenn er mir Gesellschaft leistet. Auf ihn hab ich auch einen Hals, weil er nicht verraten hat, dass Steffi sich jetzt verwandeln kann."
"Hast du überhaupt Gesellschaft gehabt in den letzten Tagen?" wollte Alex wissen.
"Dao." Jessie lachte bitter. "Ausgerechnet die. Wollte sich bei mir entschuldigen. Nur, da gibt es nichts zu entschuldigen. Erstens kann sie nichts dafür, was passiert ist, und zweitens macht es ihre Entschuldigung nicht rückgängig. Ich hab die Entschuldigung zwar angenommen, aber auf ihre Gesellschaft konnte ich verzichten."
Alex nickte - das verstand er gut. "Gibt's denn was, das ich für dich tun kann? Irgendwas, das du jetzt dringend brauchst."
Jessie sah ihn an und wischte sich noch einmal über das Gesicht. "Ich brauch jetzt nach fünf Tagen dringend wieder einen guten Fick", sagte sie. "Aber zu meinen Bedingungen. Wärst du dazu bereit?"
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