Chapter 2
by
Papas_Liebling
What's next?
Marie Lehnert, Referentin für kulturelle und humanitäre Fragen
Das Hotelzimmer roch nach Lufterfrischer und abgestandener Klimaanlage. Zwölf Quadratmeter vielleicht. Ein schmales Bett, ein Schreibtisch, ein einfacher Stuhl, ein in die Wand eingelassener Flachbildmonitor. Das einzige Fenster ließ sich nicht öffnen, das Glas dick und spiegelnd, so dass das Draußen nicht zu erkennen war. Eine schmale Tür führte zum Bad mit Dusche.
Marie Lehnert schloss die Tür hinter sich, lehnte sich mit dem Rücken dagegen und blieb einen Moment mit geschlossenen Augen stehen, als müsse sie sich vergewissern, dass sie wirklich angekommen war.
Die Männer aus der Delegation waren sechs Etagen höher untergebracht, in Suiten mit Wohn- und Schlafzimmern und Blick auf die beleuchtete Stadt. Das war ihr ohne Umschweife mitgeteilt worden – organisatorische Gründe, Sicherheitsprotokoll. Marie hatte genickt, professionell gelächelt und nichts dazu gesagt. Sie hatte damit gerechnet, dass man versuchen würde, sie zu demütigen. Schließlich hatten die Amerikaner ursprünglich auf einer rein männlichen Delegation bestanden; alleine, dass Marie mitreisen konnte, war ein großer diplomatischer Erfolg für die europäische Union.
Sie setzte sich auf das Bett, legte die Hände auf die Knie und atmete langsam aus.
Der Weg vom Flughafen war wie ein Tunnel gewesen. Schwarze Fahrzeuge, verdunkelte Scheiben, Motorräder vorne und hinten. Keine Haltepunkte. Keine Blicke nach draußen. Sicherheitsmaßnahme hatte man es genannt. Schutz. Sie hatte sich gefragt, vor wem man sie eigentlich schützen wollte. Oder war es genau anders herum, sollten die Amerikaner vor ihnen geschützt werden?
Jetzt, in der Stille und Einsamkeit spürte sie das Gewicht ihrer Aufgabe schwer auf sich lasten. Offiziell war sie Protokollreferentin. Mitschreiben, Einordnen, Beobachten. Ergebnisse festhalten, keine Entscheidungen treffen. Sie würde ihre Rolle spielen. Professionell. Unauffällig. Effizient.
Sie wusste, dass das nur die halbe Wahrheit war. Ihre Anwesenheit war ein Zugeständnis – und ein Test. Für die Amerikaner ebenso wie für die Europäer. Wie weit reichte die politische Öffnung wirklich? Wie viel Frau war den USA zumutbar?
Sie fragte sich, wie die Frauen lebten, die hier geboren waren. Ob sie in Zimmern wie diesem saßen und ebenfalls über ihre Rolle nachdachten – oder ob Denken etwas war, das man ihnen abtrainiert hatte. In den Briefings war viel von Ideologie die Rede gewesen, von Erziehung, von Stabilität. Wenig von Individuen. Immer nur Kollektive.
Während des Flugs hatte Étienne Moreau, der französische Chefunterhändler und offizielle Leiter der EU-Delegation angekündigt, dass es noch am Abend eine Vorbesprechung mit ersten Analysen und Abstimmung der Strategie geben soll. Marie nahm an, dass die Besprechung oben in seiner Suite stattfinden würde. Um sich zu vergewissern wählte sie mit dem Mobiltelefon die Nummer seines Stellvertreters Lars Holmgren. Der Schwede war Spezialist für Rohstoffe, Lieferketten und Energie. Ein Technokrat, immer sachlich. Ihn interessierten Zahlen, keine Ideologien.
Es klingelte mehrmals, ehe er das Gespräch annahm. Lars musste sehr laut sprechen, damit sie ihn verstand. Im Hintergrund hörte Marie lebhafte, lockere Gespräche und Musik - elektronische Harmonien mit dumpfem Rhythmus.
"Ach, du bist's, Marie. Étienne hat die Vorbesprechung abgesagt, weil die Amerikaner uns zu einem informellen Treffen eingeladen haben, um sich auf einer persönlichen Ebene kennenzulernen. Entschuldige bitte, ich dachte, er hätte dir Bescheid gesagt. Es ist bestimmt auch besser, wenn du nicht dabei bist, angesichts des heiklen politischen Umfelds. Das verstehst du doch sicher."
Marie spulte ein paar Floskeln herunter, dass das okay wäre, und legte auf.
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Amerika 2075
Eine dystopische Zukunft ... oder doch nicht?
**Diese Geschichte ist reine Fantasie und hat keinen Bezug zur Realität und stellt keinen Kommentar zu tatsächlichen Ereignissen oder Personen dar.** - Die USA haben gewählt und einen Präsidenten an die Macht gebracht, der das Land Zug um Zug in eine frauenfeindliche Diktatur umwandelte. Internationale Handelsbeziehungen wurden gekappt, die Grenzen abgeschottet. Fünfzig Jahre in unserer Zukunft lässt das Regime einige Ausländer ins Land, um ein Handelsabkommen auszuhandeln. Was werden sie vorfinden? Werden sie Amerika verändern oder wird Amerika sie verändern?
Updated on Jun 12, 2026
by Papas_Liebling
Created on Dec 29, 2025
by Papas_Liebling
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