Was steht drauf?
Johannes
Natürlich. Wen auch sonst. Der eine Junge, den sie in dieser Klasse am meisten verachtete. Der eine, der jetzt vor ihr stand und grinste, als hätte er den Hauptgewinn gezogen.
"Na also", sagte Johannes, und seine Stimme war voller Selbstzufriedenheit. "Wir beiden Alphas. Das war doch klar, oder?"
Chantal sagte nichts. Sie stand nackt in der Mitte des Raums, den Zettel in der Hand, und in ihrem Kopf rasten die Gedanken. Sex mit Johannes. Das war es also. Ihr Körper gehörte ihm für diese Nacht, wenn sie den Regeln folgte. Aber das war nicht das, was sie umtrieb.
Sie dachte an all die Jungs, die sie gehabt hatte. Die Jungs aus der 11. Klasse, die sie in der Disko geküsst hatte, nur um sie am nächsten Tag zu ignorieren. Den Typen aus der Oberstufe, der zwei Wochen lang hinter ihr hergelaufen war, bis sie ihn mitgenommen hatte – und ihn dann ausgelacht, weil er dachte, es würde etwas bedeuten. Den Sportlehrer im Praktikum, der sie auf eine Party eingeladen hatte, und den sie in der Umkleidekabine hatte spüren lassen, wer hier das Sagen hatte.
Es hatte ihr nie etwas gegeben. Es war immer nur ein Spiel gewesen. Sie hatte bewiesen, dass sie jeden haben konnte, jeden um den Finger wickeln, jeden auf Abstand halten. Die Jungs waren wie Schachfiguren für sie gewesen, die sie hin und her schob, um zu zeigen, dass sie nicht zu haben war – es sei denn, sie entschied es selbst.
Aber ihre eigene Klasse? Da hatte sie nie etwas gehabt. Das wäre zu nah gewesen, zu persönlich. Sie hätte die Kontrolle verlieren können. Also hatte sie sich ferngehalten, war die Unnahbare geblieben, die sich von keinem der Jungs etwas sagen ließ. Johannes hatte sie gehasst dafür. Und sie hatte ihn dafür verachtet, dass er es nicht einfach akzeptierte.
Und jetzt stand sie hier, nackt, und er hatte gewonnen. Die ganze Nacht, die ganze Kontrolle, die sie über ihn gehabt hatte – in diesem Moment war sie weg. Er hatte sie ausgezogen, er würde über sie verfügen, und sie konnte nichts dagegen tun.
Aber das Schlimmste war nicht der Sex. Sex war sie gewohnt. Sie hatte schon viel mehr Jungs gehabt, als sie zählen konnte. Manche hatte sie genommen, weil sie gelangweilt war. Manche, um sich zu beweisen, dass sie es konnte. Manche, um sie hinterher zu demütigen. Aber es hatte ihr nie wirklich etwas gegeben. Es war wie ein Rausch gewesen, der schnell verflog, und dann blieb nichts zurück. Nur Leere.
Und jetzt, mit Johannes, würde es nicht anders sein. Sie wusste, wie er war. Er würde sie nehmen, um zu zeigen, dass er gewonnen hatte. Er würde sie benutzen, um seine Macht zu beweisen. Und sie würde daliegen und es geschehen lassen, weil sie keine Wahl hatte.
Aber in ihr regte sich etwas. Ein Gefühl, das sie nicht kannte. Es war nicht die Angst vor dem Sex. Es war, als würde sie sich selbst verlieren. Als würde die Fassade, die sie so sorgfältig gebaut hatte – die starke, unnahbare Chantal – in diesem Moment bröckeln. Und darunter war nichts. Nur Leere. Nur ein Mädchen, das nie gelernt hatte, wirklich zu fühlen, weil es sich immer geschützt hatte.
Sie sah Johannes an. Sein Grinsen war breit, selbstzufrieden, aber in seinen Augen lag auch etwas anderes. Eine Herausforderung. Ein Funke, der sagte: Jetzt bist du dran. Jetzt zeig, was du wirklich kannst.
Chantal schluckte. Ihr Herz schlug schnell, aber nicht vor Aufregung. Es war die Ungewissheit, die sie umtrieb. Die Frage, die sie sich nie gestellt hatte: Was, wenn sie nicht die war, die sie immer vorgab zu sein? Was, wenn sie sich selbst belogen hatte, all die Jahre? Was, wenn sie nicht stark war, sondern nur gut darin, es zu spielen?
Sie wollte nicht mit Johannes schlafen. Nicht wegen ihm. Sondern wegen sich selbst. Weil sie wusste, dass er sie sehen würde. Wirklich sehen. Und sie hatte Angst, dass er das sehen könnte, was sie selbst nie sehen wollte.
Der Zettel in ihrer Hand knitterte, als ihre Finger sich darum schlossen. Sie hob den Kopf und sah Johannes an.
"Also", sagte sie, und ihre Stimme klang ruhiger, als sie sich fühlte. "Was jetzt?"
Johannes' laute Stimme durchschnitt den Raum, und alle Augen richteten sich auf Chantal. "Du hast mal getönt, du willst Schauspielerin werden. Jetzt kannst du dich beweisen."
Dann beugte er sich vor. Seine Lippen berührten fast ihr Ohr, sein Atem war warm auf ihrer Haut, und seine Stimme wurde zu einem leisen, sirupartigen Flüstern, das nur sie hören konnte.
"Ich erlaube dir, dich noch einmal selbst zu befriedigen. Und danach wirst du dich in geeigneter Weise als meine Sex-Sklavin für heute Nacht andienen."
Chantal erstarrte.
Die Worte drangen in ihren Kopf ein, langsam, wie Gift, das sich in ihren Adern ausbreitete. Sie hörte sie, verstand sie, aber ihr Gehirn weigerte sich, sie zu verarbeiten. Selbst befriedigen. Vor ihm. Vor allen. Und dann – sich andienen. Als seine Sklavin.
In ihrem Kopf flackerten Bilder auf, die sie vor Monaten auf einer BDSM-Seite gesehen hatte. Frauen in Leder und Fesseln, die auf Knien lagen, die den Kopf senkten, die "Herr" oder "Master" sagten. Frauen, die sich unterwarfen. Freiwillig. Mit einem Lächeln auf den Lippen, das sie nie vergessen hatte.
Und jetzt sollte sie eine von ihnen sein.
Die Vorstellung traf sie wie ein Schlag. Sie spürte, wie ihr Herz in ihrer Brust raste, wie ihr Atem flach und schnell wurde, wie ihre Knie weich wurden. Es war, als würde der Boden unter ihr wegbrechen, als würde sie in einen Abgrund fallen, aus dem es kein Entkommen gab.
Und dann kam die andere Seite. Die Seite, die sie nie zugeben wollte. Ein seltsames, verbotenes Kribbeln in ihrem Bauch, das sich mit der Angst vermischte. Was wäre, wenn sie es tat? Wenn sie sich wirklich unterwarf? Wenn sie auf die Knie ging und sich ihm andiente, wie er es verlangte? Der Gedanke war demütigend – aber er war auch... aufregend. Eine Art von Aufregung, die sie nie zuvor gefühlt hatte, weil sie nie zugelassen hatte, dass jemand sie in diese Position brachte.
Sie hatte die Regeln akzeptiert, als sie den Raum betreten hatte. Sie war nicht gegangen, als Johannes ihr die Chance gegeben hatte. Sie verstand die Genialität seines perfiden Plans, sie immer wieder zu triggern. Doch jetzt – dieses Gefühl, dass ihr Körper nicht mehr ihr gehörte, dass er fremden Händen, fremden Befehlen ausgeliefert war. Und gleichzeitig, tief in ihr, dieser schmutzige, verbotene Reiz, der sich nicht wegdrücken ließ.
Johannes beobachtete sie. Er sah ihr Gesicht, ihre zitternden Hände, die Art, wie ihre Augen hin und her huschten, als würde sie nach einem Ausweg suchen. Und dann sagte er leise, fast sanft: "Du kannst das nicht, oder? Du kannst nicht wirklich. Du hast immer nur getönt. Immer nur gespielt. Aber wenn es ernst wird, kneifst du."
Chantals Blick schoss zu ihm. Ihre Augen funkelten vor Zorn. Sie wollte ihn anschreien, ihm sagen, was für ein erbärmlicher, manipulativer Arschloch er war. Sie wollte ihm eine knallen, dass er sich wünschte, er hätte sie nie provoziert. Sie wollte sich aufblasen, groß machen, ihn in Grund und Boden reden, so wie sie es immer getan hatte, wenn jemand es wagte, ihr zu widersprechen. Aber sie konnte nicht. Die Worte blieben ihr im Hals stecken. Die Wut war da, aber sie war wie in Watte gepackt, fern und unerreichbar. Denn in ihren Ohren hallten seine Worte nach: Du kannst das nicht. Du versagst immer, wenn es ernst wird.
Und das war es. Der Kern ihrer Angst. Seit sie denken konnte, hatte sie gespielt. Die Starke, die Unabhängige, die Niemandem etwas schuldig war. Aber wenn es wirklich darauf ankam – wenn jemand hinter ihre Fassade blickte – dann war da nichts. Nur ein kleines Mädchen, das Angst hatte, nicht gut genug zu sein.
Johannes hatte sie durchschaut. Er hatte sie in eine Zwickmühle manövriert, aus der es keinen Ausweg gab. Sie konnte nicht schreien, nicht toben, nicht abhauen. Das wäre die Niederlage. Das wäre das Eingeständnis, dass sie nicht die war, die sie immer vorgab zu sein. Der einzige Ausweg war die Flucht nach vorn. Ihm zu gehorchen. Die Rolle zu spielen, die er ihr zuwies. So zu tun, als wäre sie genau das, was er verlangte.
Es war wie im Theater. Wie die Rollen, die sie in ihrer Freizeit geübt hatte, als sie noch davon träumte, auf der Bühne zu stehen. Die Rolle der Untergebenen. Die Rolle der Sklavin. Sie konnte es spielen. Sie musste es nur spielen.
Aber es war nicht wirklich Schauspiel. Das wusste sie. Wenn sie jetzt auf die Knie ging, dann war es echt. Dann gehorchte sie. Dann war sie nicht mehr Chantal, die Alpha, die Anführerin, die unnahbare Göttin. Dann war sie nur noch ein Mädchen, das sich einem Jungen unterwarf. Der Gedanke daran ließ sie innerlich schreien. Aber sie konnte nicht schreien. Sie konnte nur dasitzen, nackt und zitternd, und sich fragen, ob sie den Mut hatte, den einzigen Weg zu gehen, der ihr blieb.
Johannes' Hand legte sich auf ihre Schulter. Nicht fest, fast sanft. "Also", flüsterte er. "Was ist es? Willst du zeigen, dass du es wirklich kannst? Oder willst du zugeben, dass du nur eine große Klappe hast?"
Chantal schloss die Augen.
In ihrem Kopf kämpften die Stimmen. Die eine, die sagte: Tu es nicht. Du bist besser als das. Du wehrst dich. Und die andere, die flüsterte: Tu es. Zeig ihm, dass du es kannst. Dass du nicht versagst. Dass du auch das spielen kannst.
Sie wusste, dass sie verloren hatte. Nicht gegen Johannes. Gegen sich selbst. Gegen die Angst, die sie ihr ganzes Leben lang verfolgt hatte.
Sie öffnete die Augen. Der Raum war still. Alle sahen sie an. Elvira, Sabine, die Jungs. Sie alle warteten auf ihre Entscheidung.
Chantal atmete tief ein. Dann, ganz langsam, ließ sie ihre Hände sinken und senkte den Kopf.
Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, als sie sagte: "Was soll ich tun?"
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