Für welches Outfit entscheidet er sich?
Hoodie und Jogginghose
Doch als er den Blick vom Spiegel löste und an den Weg zum *L’Éclipse* dachte, überkam ihn plötzlich ein mulmiges Gefühl. Die Vorstellung, so absolut getarnt durch die Stadt zu laufen, löste eine neue Art von Beklemmung aus.
„Maya...“, begann er, und seine Stimme klang fast traurig. „Ich liebe es, wie ich aussehe. Wirklich. Aber ist das für den zweiten Abend nicht vielleicht... ein bisschen zu viel? Ich meine, wenn uns jemand begegnet, der nicht weiß, was im *L’Éclipse* passiert... Wenn jemand auf mein Äußeres 'reinfallen' würde und mich für eine Frau hält, und dann... ich weiß nicht... ich habe Angst vor diesen Momenten. Wenn jemand mich anspricht oder mich berührt, ohne dass er weiß, wer oder was ich wirklich bin. Das könnte unangenehm werden.“
Maya lächelte und ihre Finger glitten spielerisch durch die dunklen Locken der Perücke. „Mein liebes Häschen, du unterschätzt die Wirkung, die du ausstrahlst“, erwiderte sie mit einem funkelnden Blick. „Es gibt mehr als genug Menschen in dieser Stadt, die genau so eine Erscheinung genießen würden. Die Unklarheit, die Zerbrechlichkeit... das ist es doch, was die Leute anzieht. Du wärst nicht nur ein Opfer von Verwechslungen, du wärst ein Magnet für genau die Art von Aufmerksamkeit.“
Trotz ihrer beruhigenden Worte siegte der Instinkt des unsicheren Studenten über den Mut des aufstrebenden Objekts. Mit einem zögerlichen Lächeln schüttelte er den Kopf. „Vielleicht später. Aber für den Weg... ich glaube, ich nehme lieber die sicherere Variante.“
Maya seufzte theatralisch, doch in ihren Augen lag keine Enttäuschung. Mit einer fließenden Bewegung nahm sie die Perücke entgegen und legte sie sorgfältig in ihre Handtasche . Julius atmete tief durch und griff nach der schlabbrigen grauen Jogginghose und dem viel zu großen Hoodie. Er zog die weiten Kleidungsstücke über seine Spitzenwäsche und den Cage, wodurch die feminine Silhouette unter einer Schicht aus gemütlichem Baumwollstoff verschwand. Er sah nun wieder wie ein zierlicher, etwas überfordert wirkender junger Mann aus – doch unter der Fassade aus bequemer Alltagskleidung pochte sein Herz in einem Rhythmus, der nur Maya gehörte.
Sie verließen die Wohnung. Die Masken hielten sie in ihren Händen – zwei kleine Stücke Stoff, die wie schlafende Geheimnisse zwischen ihren Fingern ruhten. Während sie den Flur hinuntergingen, wirkten sie wie zwei ganz normale Menschen. Doch unter den weiten Schichten aus Baumwolle und Seide tobte ein Sturm aus elektrischer Spannung. Julius spürte bei jedem Schritt das sanfte Reiben der Spitze gegen seine Haut und das kühle, unnachgiebige Metall des Cages und für einen Moment war er unsicher, ob er bereit für den Abend war, jetzt wo sie die Wohnung verlassen hatten.
Das einzige, was ihre Tarnung fast verriet, waren die Halsbänder. Das schwarze Leder an Julius Hals und das weiße an Mayas waren die einzigen Details, die sie nicht unter der Kleidung verborgen hatten. Diese schmalen Streifen aus Leder - für einen fremden Beobachter waren sie vielleicht nur ein modisches Accessoire - doch für sie waren sie die sichtbaren Zeichen eines unsichtbaren Vertrags.
Das Auto glitt fast lautlos vor den diskreten Eingang des *L’Éclipse*, und als sie ausstiegen, fühlte sich die kühle Nachtluft fremd an. Der Übergang vom geschützten Raum des Wagens zurück in die Welt des Etablissements war wie ein Tauchgang in ein tiefes, dunkles Wasser, in dem die Regeln der Normalität keine Gültigkeit mehr besaßen. Gemeinsam schritten sie durch die schweren Tür, und kaum hatten sie die Schwelle überschritten, schien die Atmosphäre des Hauses ihn wie ein Magnet anzuziehen. Im privaten Ankleideraum legten sie die Hüllen ihrer Tarnung ab. Julius streifte den Hoodie und die Jogginghose mit einer fast schon unsicherer Ungeduld ab. In dem Moment, als die weite Baumwolle zu Boden sank und er wieder in seiner filigranen Spitzenwäsche da stand, pochte sein Herz.
Kaum hatte er sich gerade gerichtet, vibrierte Mayas Telefon in ihrer Tasche. Ein kurzer Blick auf das Display, und ihr Gesicht nahm einen professionellen, fast schon unterkühlten Ausdruck an. „Sara will mich in ihrem Büro“, sagte sie, ohne ihn anzusehen. „du kannst schon mal an der bar anfangen alles vorzubereiten.“ Mit einem letzten, vielsagenden Blick durch die schmalen Schlitze der Maske, der wie ein Versprechen wirkte, ließ sie ihn allein in der Stille des Ankleidezimmers zurück. Auch er legte seine Maske an.
Julius glitt aus dem Ankleideraum in den geschützten Korridor, der zum Hauptsalon führte. In der kühlen Luft des Flurs fühlte er sich fast nackt. In Mayas Abwesenheit fehlte ihm ein Stück halt. Während er zielstrebig auf die Bar zusteuerten, kreuzten zwei seiner Kolleginnen seinen Weg. Sie trugen dasselbe Ensemble aus weißer Spitze und Seide wie Maya, ihre Silhouetten in dem gedämpften Licht des Ganges fast geisterhaft und zugleich verführerisch.
„Schau dir das an“, staunte eine der Frauen und hielt inne, während ihr Blick langsam an Julius zierlicher Gestalt herunter glitt. „du meinst es wirklich ernst. Oder hat Maya dich gezwungen? Wenn das kein schwarzes Bunny ist.“
Die andere lächelte wissend „das ist doch total Mayas Handschrift. Schau dir seine Lippen an – er ist ein echtes kleines schwarzes Bunny geworden.“ Sie streckte die Hand aus und strich mit einem einzelnen Finger über den Rand seiner Maske, eine Geste, die gleichermaßen prüfend wie liebevoll war. "Danke, nehme ich an?" Erwiderte er unsicher wie das gemeint war.
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