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Friederike ist ungeduldig
Friederike wusste: Das war eine glatte Lüge. Ungeduld prickelte in ihren Fingern. Sie sah auf seine Hände. Auf seine Brust. Wieder auf seine Hände. Dann riss sie den Blick hoch. Ihr war heiß genug.
Huber sprach. Seine Stimme klang anders als in der Bibliothek: tiefer, näher. Er liebe seine Frau, sagte er. Das sei keine Floskel, keine Pflichtübung, kein Satz für den Hochzeitstag. Er liebe ihr Lachen, wenn sie über sich selbst lachte. Er liebe, dass sie ihm zuhörte, wenn er von Schule, Schülern, Eltern und Bürokratie erzählte. Er liebe, dass sie ihn nicht bewertete.
„Aber“, sagte er und trank die Flasche leer, „diese Liebe ist auch eine Bremse.“
Friederike saß am Fenster, die Jacke noch an, die Hände im Schoß. Sie sah ihn an und suchte nach Worten.
„Wenn ich mit ihr schlafe“, sagte Huber, „denke ich. Ist das gut für sie? Mag sie das? Bin ich zu grob? Zu schnell? Tut sie es mir zuliebe? Ich kann nicht loslassen. Ich will sie nicht verlieren. Ein falscher Blick, ein falsches Wort, eine falsche Bewegung – und ich habe Angst, etwas kaputtzumachen.“
Er stellte die leere Flasche neben das Bett. „Bei den anderen ist es anders. Fremde. Freunde. Da gibt es keine Geschichte. Keine gemeinsame Wohnung. Keine Steuererklärung. Kein ‚Wie war dein Tag?‘. Nur Körper. Haut. Das, was wir in diesem Moment wollen. Nichts steht auf dem Spiel. Also kann alles passieren.“
Friederike schluckte. Ihr Mund war trocken. „Das klingt nach zwei verschiedenen Menschen.“
„Sind es auch. Der eine ist Ehemann. Der andere ist …“ Er suchte. „Tier. Kind. Beides. Jedenfalls nichts für den Lehrplan.“
Er stand auf und zog die Boxershorts herunter, so selbstverständlich, als wäre es die normale Fortsetzung eines Satzes. Der Stoff glitt über seine Schenkel, blieb kurz an den Knien hängen, fiel dann zu Boden.
Friederike erstarrte. Sie hätte wegsehen können. Sie hätte aufstehen, zur Tür gehen, „Ziehen Sie sich wieder an“ sagen können. Stattdessen sah sie hin.
Sie sah die Linie seiner Hüfte. Die Haare darunter. Die kräftigen Schenkel. Die Narbe am rechten Knie. Und dann das, was sie sehen wollte und zugleich nicht sehen wollte. Er war nicht erregt. Er war einfach da. Ein Körper. Ein Mann. Nichts, was in einem Biologiebuch fehlte. Genau das irritierte sie.
Ihr Körper antwortete trotzdem. Zuerst der Magen: ein warmes, tiefes Ziehen. Dann die Brust: ein Kribbeln, das von innen kam. Ihre Brustwarzen stellten sich auf, hart gegen den dünnen Stoff ihres T-Shirts. Sie trug keinen BH. Der Stoff fühlte sich plötzlich zu eng an, zu sichtbar.
Huber sah es. Natürlich sah er es. Er stand nackt da, die Arme locker, und sein Blick lag auf ihrer Brust. Nicht lüstern. Eher wie ein Lehrer, der eine Schülerin beobachtet, die eine Aufgabe falsch gelöst hat und nun wartet, bis sie es selbst merkt.
„Du musst dich nicht schämen“, sagte er.
Friederike zuckte zusammen. „Ich schäme mich nicht.“
„Doch. Deine Brustwarzen haben sich aufgestellt. Das ist der Sympathikus. Fight or flight.“
Sie presste die Arme vor die Brust und bereute die Geste sofort, weil sie ihre Reaktion nur bestätigte. „Sie sind unmöglich.“
„Ich bin nackt. Das ist ein Unterschied.“ Er setzte sich auf das Bett, Beine gespreizt, Hände auf den Knien. „Du bist Biologin. Du weißt: Der Körper sagt die Wahrheit. Du kannst denken, was du willst. Dein Körper hat längst geantwortet.“
„Das ist ein Reflex.“
„Reflexe sind Informationen. Sie zeigen, was du willst. Oder was du dir gerade erlaubst zu wollen.“
Friederike stand auf. Die Jacke rutschte von ihren Schultern. „Ich will das nicht.“
„Was willst du nicht?“
„Das. Dieses Gespräch. Diese Situation.“
„Du kannst jederzeit gehen.“
„Ich weiß.“
Sie presste die Lippen aufeinander. Sah auf seine Knie. Auf den Boden. Auf die Tür. Sie ging nicht. Sie stand da, die Arme vor der Brust, das Herz viel zu laut. Zwischen ihren Beinen breitete sich eine Hitze aus, weich und hartnäckig. Ihre Brustwarzen blieben hart. Ihr Atem wurde flacher. Sie spürte die Wörter, die er gesagt hatte, nachklingen: Zieh dich aus. Und ihr Körper sagte Ja, während ihr Kopf noch sortierte.
Sie hasste diesen Reflex. Sie war Biologin. Sie wusste: Erregung ist keine Zustimmung. Aber sie wusste auch: Sie war noch hier. Sie konnte gehen. Sie blieb. Und je länger sie blieb, desto mehr wurde aus dem Kribbeln ein Sog.
„Das ist Ihre Regel?“ Ihre Stimme war leiser, als sie wollte.
„Keine Regel“, sagte Huber. „Eine Aufforderung. Du kannst sie annehmen oder ablehnen. Beides ist in Ordnung.“
Sie sah ihn an. Sein Gesicht war ruhig. Zu ruhig. Sie suchte Spott, Überlegenheit, Macho-Gehabe. Sie fand nur einen Mann, der wartete. Das machte es schlimmer. Sie kämpfte nicht gegen ihn. Sie kämpfte gegen sich selbst.
Sie dachte an Thomas. Drei Jahre. Er hatte sie nie so angesehen. Er hatte nie gewartet. Sie hatte immer Ja gesagt, weil Nein schwieriger gewesen wäre. Hier war kein Thomas. Hier war eine Bitte. Zieh dich aus. Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich gefragt.
Sie hob die Hände. Legte sie an den Saum ihres T-Shirts. Der Stoff war dünn, ausgewaschen, weich. Sie spürte die Kante zwischen den Fingern. Hochziehen. Oder runterlassen. Ihre Entscheidung. Ihre Entscheidung. Der Gedanke machte sie kribbelig.
„Ich weiß nicht, ob ich das kann“, sagte sie.
Sie sah auf ihre Hände. Sie zitterten. Nur ein wenig. Sie dachte an die Mädchen, die nach oben gingen. An die Regeln. An den Gruppendruck. An die Angst, die sie immer verurteilt hatte. Jetzt spürte sie sie selbst. Angst vor dem, was danach kam. Angst vor dem Wissen, dass sie es getan hatte. Und unter der Angst: Neugier. Lust. Ein warmes, deutliches Ja.
„Du zitterst“, sagte er.
„Ich weiß.“
„Willst du aufhören?“
Sie hielt inne. Der Stoff in ihren Händen, auf halber Höhe. Sie sah ihn an. Die abgeschlossene Tür. Den Schlüssel in seiner Tasche. Die Regeln der Jungs, die sie so verurteilt hatte. Und sie begriff: Ob sie sich auszog oder nicht, machte keinen Unterschied. Sie war schon hier. Sie war schon nackt. Vor sich selbst.
„Nein“, sagte sie. Und zog das T-Shirt über den Kopf.
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