Chapter 4
by
Reyhani
What's next?
Fortsetzung der Broschüre
Magdalena schlief bis weit in den nächsten Tag hinein, denn in der Kirche blieb es still und leer. Weder Gottesdienst noch Stundengebete wurden dort abgehalten. Sie erwachte mit dem Gefühl, beobachtet zu werden und fand sich umringt von sechs ausgemergelten, bärtigen Gestalten. Ihre weißen Mönchskutten waren schmutzig und zerrissen. Sie starrten sie mit leeren Blicken an. Manchmal huschte ein Ausdruck von Wahnsinn und grausamer Lust über ihre Gesichter.
Magdalena tastete nach ihrem Stab und zog ihren Reiseumhang enger um ihren üppigen Körper. Sie war bereit, ihre Ehre zu verteidigen. Doch in der Kapelle in die Ecke getrieben, wurde sie bald von der Überzahl überwältigt. Die Sechs waren stärker als sie aussahen, denn ihre Kraft wurde von teuflischen Mächten vervielfacht.
Doch auch Magdalena blieb nicht ohne Beistand: In ihrer Not rief sie die Heilige Jungfrau an und wurde erhört. Die Gottesmutter stieg von ihrem Altar herab, fuhr in Magdalenas zitternden Leib und hüllte sie in einen Schleier fließenden Lichts. Als Zeichen dieser wundersamen Einwohnung begannen Magdalenas Brüste von Milch zu tropfen, die schon den Erlöser genährt hatte; aus ihrem Schoß strömte ein Balsam, der ihr heißes Fleisch benetzte.
So gewappnet ertrug sie die Lanzenstiche und Rutenschläge ihrer Peiniger. Und als die sechs teuflischen Mönche sich in und auf ihr ergossen, war es wie ein Strom göttlicher Essenz, der Magdalena in einen Zustand höchster Verzückung versetzte.
Ihre Peiniger selbst wurden von diesem Zustand erfasst – alles Wollüstige wich einer tiefen Gottesliebe. Sie erkannten ihr Unrecht, fielen vor Magdalena auf die Knie und baten um Vergebung von ihren Sünden.
Mit diesem mystisch überhöhten Bericht endet der erste Teil der Vita Magdalenae. Die Chronik der Kartause Thannhausen, in die Schwester Magdalena geraten war, bricht im selben Jahr mit einem einzigen lapidaren Eintrag ab: „Advenit lux“. Die vorangehenden Einträge und die Informationen aus dem zweiten Teil der Vita legen das traurige Schicksal des Klosters offen:
Im Jahr vor Magdalenas Ankunft hatten eine Reihe von Unglücksfälle das Kloster heimgesucht. Man hätte meinen können, es läge ein Fluch auf ihm. Der Abt war an einer rätselhaften Krankheit gestorben, die Brüdermönche geflohen und der Hauptweg zur Straße von einer Steinlawine unpassierbar gemacht.
Abgeschnitten von der Außenwelt und mit schwindenden Vorräten gerieten die verbleibenden sechs Mönchen nach und nach in Verzweiflung. Sie wurden schwermütig, vernachlässigten Gottesdienst und Gebet. Von einem teuflischen Dämon verführt, der sich im Kloster eingenistet hatte, gaben sie sich wollüstigen und sodomitischen Ritualen hin und verfielen so der Auszehrung und dem Wahnsinn.
Magdalena, in der Stunde ihrer Prüfung von der Heiligen Jungfrau auserkoren, hatte den Dämon vertrieben. Sie vergab ihren Peinigern und übernahm die Aufgabe, sie zurück zum Glauben zu führen. Die Mönche wählten sie zur Äbtissin und gemeinsam nahmen sie das Leben in der Kartause wieder auf.
Der zweite Teil der Vita Magdalenae schildert, wie die Äbtissin ihre kleine Gemeinschaft neu aufbaute. Die mystische Marienerscheinung sollte das Zentrum der neuen Gemeinschaft bilden. In einem Akt des revolutionären Neubeginns beschloss die Äbtissin, neben den verbleibenden sechs Mönchen noch sechs Nonnen aufzunehmen. Sie entwarf eine neue Ordensregel, die das Leben der ungewöhnlichen Gemeinschaft des gemischten Klosters strukturierte.
Auf einer modernisierten Form dieser Regel gründen die pädagogischen Prinzipien der Akademie. Unsere Direktorin, Eva von Landsberg, ist die Entdeckerin des Codex der sowohl die Vita als auch die Ordensregel enthält. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Erbe Magdalenas wiederzubeleben und durch ihre pädagogische Arbeit an die Jugend weiterzugeben.
Bis zu Magdalenas **** kurz nach der Wende zum vierzehnten Jahrhundert etablierte sich das Leben im Kloster. Wie es der Gemeinschaft nach dem **** ihrer Gründungsäbtissin erging, darüber schweigen die Quellen. In den offiziellen Annalen der Kartäuser gilt das Kloster in Thannhausen seit dem Ende des dreizehnten Jahrhunderts als verlassen. Erst in der Mitte des fünfzehnten Jahrhundert wird es wieder von Mönchen besiedelt.
Mit der Wiedereingliederung in den Orden erfolgt eine rege Bautätigkeit. Neue Zellen, ein neuer Kreuzgang und Wirtschaftsgebäude werden errichtet. Lediglich das Kirchengebäude wird aus der vorherigen Epoche des Klosters übernommen. Das sind die Gebäude, die die Klosterakademie Venusberg seit ihrer Gründung nutzt und nach den neuesten denkmalpflegerischen Vorgaben erhält.
What's next?
- No further chapters
- Add a new chapter
Disable your Ad Blocker! Thanks :)
Kloster Sankt Marien zu Helfta
anno 1260
- All Comments
- Chapter Comments
