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Chapter 5 by Papas_Liebling Papas_Liebling

What's next?

Der Vorfall

Marie wollte eben von ihrem Stuhl aufstehen, als die Tür vom Flur aufging. Oder besser: aufgestoßen wurde. Schnell. Unkontrolliert. Sie krachte gegen die Wand und der Lärm ließ alle Anwesenden aufschrecken.

Ein Mann schwankte einen Schritt herein, blieb stehen, als müsse er sich neu sortieren. Als er die vielen Frauen wahrnahm, grinste er wie ein kleiner Junge, der in einen unbewachten Bonbonladen stolperte. Sein Hemd stand zu weit offen, der Kragen war zerknittert, das Gesicht gerötet. Seine Augen wanderten ziellos durch den Raum. Er wirkte unkonzentriert, als ob er selbst nicht wusste, was er suchte.

Dann sah er Marie.

Sein Grinsen wurde breiter. Er machte einen Schritt auf sie zu.

Marie spürte, wie sich ihr Körper anspannte, noch bevor sie verstand, was vorging. Sie richtete sich halb im Stuhl auf.

Der Mann kam nicht weiter.

Nicht, weil jemand ihm den Weg versperrte. Sondern weil er den Bodyguard wahrnahm.

Der stand noch immer an der Wand, reglos, die Arme vor der Brust verschränkt. Er sah den Mann nicht einmal direkt an. Eine leichte Verlagerung seines Gewichts reichte aus, um klarzustellen, dass er Anspruch auf Soraya und Marie erhob.

Das Grinsen des Betrunkenen erlosch, als habe jemand einen Schalter umgelegt. Er schnaubte leise und abfällig, dann wandte er sich ab.

Soraya schmunzelte: „Du siehst, wie wichtig es ist, einen Mann um sich zu haben.“

Marie antwortete nicht. Sie war es nicht gewohnt, sich auf einen männlichen Beschützer zu verlassen. Von ihrer alleinerziehenden Mutter hatte sie gelernt, auf eigenen Füßen zu stehen. Und ihre Großmutter, deren Namen sie trug (* siehe Anmerkung unten), brachte ihr bei, dass eine Frau, wenn sie selbstbewusst genug war, jedem Mann das Wasser reichen konnte.

Der Mann torkelte weiter in den Raum. Seine Aufmerksamkeit blieb an einer anderen jungen Frau hängen, kaum älter als Marie. Sie saß an einem Schminktisch, trug ein helles, schulterfreies Kleid, die Hände mit dem Stift noch an den Lippen, als hätte sie mitten in der Bewegung innegehalten.

„Du. Komm mit“, raunzte er und packte sie am Arm.

Die Frau riss sich nicht von seinem Griff los, aber sie versteifte sich. „Ich kann nicht“, sagte sie schnell. „Ich werde von jemand anderem abgeholt.“

Das schien ihn eher zu amüsieren als abzuschrecken.

„Mir egal.“

Er zog sie hoch. Der Stuhl kippte um. Er zerrte sie zum Ausgang. Ein leises, vielstimmiges Keuchen ging durch den Raum, aber niemand stand auf. Niemand schrie. Niemand stellte sich ihm in den Weg. Die anderen Frauen senkten die Blicke, als hätten sie diesen Ablauf schon oft gesehen und verstanden, dass sie nichts dagegen tun konnten.

Die junge Frau versuchte, sich loszumachen. „Bitte“, sagte sie, wachsende Verzweiflung in der Stimme. „Er kommt gleich. Wenn ich nicht da bin, wird er wütend.“

Der Mann antwortete nicht, zumindest nicht mit Worten. Seine Hand fuhr aus, hart, ungebremst. Der Schlag hallte laut in dem weiten Raum. Der Kopf der Frau flog zur Seite, sie verlor das Gleichgewicht, fing sich gerade noch an einer Tischkante, um nicht zu Boden zu gehen.

Marie wollte aufspringen.

Sorayas Hände legten sich auf ihre Schultern. Federleicht und doch stärker als eiserne Ketten. Die Botschaft war deutlich: Mische dich nicht ein.

„Nein“, zischte sie warnend.

Marie schaute zu ihr auf. „Aber er hat sie geschlagen.“

„Ich weiß.“ Sorayas Blick wirkte unbeteiligt.

„Sie möchte nicht mit ihm gehen. Das hat sie deutlich gesagt. Wir müssen ihr helfen.“ Marie war so aufgebracht, dass ihr beinahe Tränen kamen.

Soraya beugte sich näher, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch. „Das geht uns nichts an. Sie hat keinen Schutz. Er kann tun mit ihr, was er will.“

Marie starrte sie an, zu aufgebracht, um etwas sagen zu können.

„Frauen haben keine Rechte. Sie müssen jedem Mann gehorchen. Jederzeit. Nur ein anderer Mann, der Anspruch auf sie erhebt, kann eingreifen und sie verteidigen.“

Der Betrunkene zog die junge Frau weiter Richtung Tür. Sie wehrte sich nicht mehr. Kurz fanden ihre Augen die von Marie – der flüchtige Blick war leer und ****.

Dann waren sie verschwunden.

Die Tür fiel ins Schloss. Der Raum atmete wieder. Stühle wurden aufgestellt, Spiegel gerichtet, Lippen nachgezogen, Haare aufgeschüttelt.

Marie zitterte, Sorayas Hände hielten sie unten.

„Du darfst nicht vergessen, wo du bist.“

Marie verstand: In diesem Land herrschte Ordnung. Und die Ordnung war unumstößlich, weil alle wussten, wann sie wegzusehen haben.

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