Wem folgen wir?

Darian

Chapter 2 by vaelinalsorna

Der Wind schnitt wie ein Messer über die Hänge des Nebelgebirges, doch Darian spürte die Kälte längst nicht mehr.

Sein linker Arm hing reglos an seiner Seite. Das Kettenhemd war an der Schulter aufgerissen, und unter dem getrockneten Blut pulsierte eine Wunde, die bei jeder Bewegung brannte wie glühendes Eisen. Er wusste nicht mehr, wie oft er beinahe aus dem Sattel gerutscht war.

Das Pferd unter ihm atmete schwer.

Es war eines der wenigen Tiere gewesen, die den Angriff überlebt hatten. Wie durch ein Wunder hatte es den brennenden Stall verlassen können, während hinter ihm die Schreie der Verwundeten und das triumphierende Gebrüll der Goblins den Himmel erfüllten. Darian hatte sich kaum noch in den Sattel ziehen können. Er erinnerte sich nur noch daran, die Zügel gepackt und das Tor hinter sich im Rauch verschwinden gesehen zu haben.

Danach war alles zu einem einzigen endlosen Ritt geworden.

Vor seinem inneren Auge tauchten immer wieder dieselben Bilder auf.

Hauptmann Edrik, der auf den Zinnen bis zuletzt Befehle gebrüllt hatte.

Die Bogenschützen, deren Pfeile wie schwarzer Regen auf die anstürmenden Goblins niedergegangen waren.

Der gewaltige Rammbock, der das Tor erschüttert hatte.

Und schließlich die Orks.

Sie waren gekommen, als die Mauern bereits gefallen waren. Gewaltige Gestalten mit Äxten, größer als jeder Mensch, den Darian je gesehen hatte. Sie hatten sich ihren Weg durch die letzten Verteidiger geschlagen, als wären sie aus trockenem Holz geschnitzt.

Niemand hatte überlebt.

Niemand... außer ihm.

Er wusste nicht, ob es Glück gewesen war oder Feigheit.

Dieser Gedanke nagte an ihm schlimmer als die Wunde.

Das Pferd stolperte über einen Stein. Darian fing sich gerade noch am Sattelknauf ab. Seine Sicht verschwamm. Mehrmals musste er blinzeln, um den Weg überhaupt noch erkennen zu können.

Dann sah er sie.

Zuerst glaubte er, es sei eine Fata Morgana.

Am Horizont erhoben sich gewaltige Mauern aus grauem Stein. Türme ragten in den Himmel, Banner flatterten im Wind. Selbst aus dieser Entfernung wirkte Nordwacht uneinnehmbar.

Die letzte große Festung.

Die letzte Hoffnung.

Ein heiseres Lächeln huschte über seine blassen Lippen.

»Geschafft...«, flüsterte er, ohne zu wissen, ob überhaupt noch eine Stimme seine Kehle verließ.

Die Wächter auf den Mauern mussten ihn entdeckt haben.

Hörner erklangen.

Klein wirkende Gestalten liefen über die Wehrgänge. Auf den Zinnen wurde auf ihn gedeutet. Kurz darauf begannen sich die gewaltigen Tore der Festung langsam zu öffnen.

Das Knarren des alten Holzes hallte bis zu ihm herüber.

Das Pferd setzte seine letzten Kräfte ein und trabte durch das Tor, vorbei an den verdutzten Wachen, die beim Anblick des blutüberströmten Reiters erschrocken innehielten.

Jemand rief nach einem Heiler.

Ein anderer griff nach den Zügeln.

Darian wollte etwas sagen.

Er wollte berichten, dass die Bastion gefallen war.

Dass die Banner der Menschen nicht mehr auf den Mauern wehten.

Dass eine ganze Armee aus Goblins und Orks nun auf Nordwacht zumarschierte.

Doch seine Lippen formten keinen Laut mehr.

Die Stimmen um ihn herum wurden dumpf.

Die Mauern verschwammen.

Das Licht verlor seine Farben.

LUnd dann wurde ihm schwarz vor Augen.

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