Wer ist es?
Christian
Sabine starrte auf den Zettel. Die Buchstaben tanzten vor ihren Augen, aber dann formten sie sich zu einem Wort, das sie kannte, das sie erwartet hatte und doch nicht erwartet hatte.
Ihr Herz setzte einen Schlag aus, dann schlug es doppelt so schnell. Christian. Der mit den dunklen Locken und dem verträumten Lächeln. Der Schönste von ihnen. Derjenige, den sie im Unterricht manchmal heimlich angesehen hatte, wenn er aus dem Fenster starrte, und der ihr nie einen Blick geschenkt hatte. Nicht einen einzigen.
Ein seltsames Gefühl durchströmte sie – Erleichterung und Angst, vermischt zu einem einzigen, wirren Knoten in ihrer Brust. Erleichterung, weil es nicht Johannes war, dessen kalte Augen sie fürchtete. Nicht Daniel, dessen Ungeduld sie überrollen würde. Sondern Christian, der Träumer, der Sanfte. Aber gleichzeitig auch die Angst, weil Christian derjenige war, den sie am wenigsten einschätzen konnte. Er war nicht laut, nicht fordernd, nicht ungeduldig. Er war einfach... da. Und das machte ihn unberechenbarer als alle anderen.
Sie hob den Blick. Christian hatte sich auf dem Bett aufgerichtet, den Kopf leicht schräg gelegt, und sah sie an. In seinen Augen lag dieses verträumte Lächeln, das sie so oft an ihm beobachtet hatte. Aber jetzt war da noch etwas anderes. Etwas, das sie nicht deuten konnte. War es Neugier? War es Verlangen? Oder war es einfach nur Höflichkeit, die Maske eines Jungen, der wusste, dass er jetzt etwas tun musste, was er vielleicht gar nicht wollte?
Ihre Finger umklammerten den Zettel, als könnte sie ihn damit festhalten, als könnte sie den Namen darauf ändern. Ihre Gedanken überschlugen sich. Christian. Der schönste Junge der Klasse. Derjenige, den alle Mädchen haben wollten. Und sie, Sabine, hatte ihn gezogen. Sie, die stille, unscheinbare Sabine, die noch nie mit einem Jungen geschlafen hatte, die nie wusste, was sie sagen sollte, wenn einer sie ansah.
Aber war das gut? Oder war es das Schlimmste, was ihr passieren konnte? Denn wenn Christian sie jetzt nahm, nur weil die Regeln es verlangten, dann würde sie für immer wissen, dass er sie nicht wirklich wollte. Dass er sie nur nahm, weil er musste. Dass sie für ihn nur eine Pflicht war, eine Aufgabe, die er erledigen musste, bevor er zu den anderen zurückkehren konnte.
Ihre Kehle wurde eng. Sie spürte, wie ihre Augen brannten, aber sie zwang sich, nicht zu weinen. Nicht hier. Nicht vor ihnen allen. Sie war diejenige, die gezogen hatte. Sie war diejenige, die jetzt weitermachen musste. Es gab keine Wahl mehr, keine Flucht. Nur diesen Moment, dieses Los, diesen Namen.
Christian stand auf. Seine Bewegungen waren langsam, fast lässig, als hätte er alle Zeit der Welt. Er kam auf sie zu, und Sabine spürte, wie ihre Knie weich wurden. Jeder Schritt, den er machte, war ein Schlag auf ihr Herz. Er blieb vor ihr stehen, nur eine Armlänge entfernt. Er war größer als sie, viel größer, und sie musste den Kopf heben, um ihm in die Augen zu sehen.
"Sabine", sagte er leise, und seine Stimme war weich, fast zärtlich. Es klang nicht wie ein Befehl, nicht wie eine Feststellung. Es klang wie eine Frage. Wie ein Angebot.
Er hob seine Hand, langsam, und strich eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht. Seine Finger berührten ihre Wange, und die Berührung war so sanft, dass Sabine fast zusammenzuckte. Es war nicht die Berührung eines Jungen, der eine Pflicht erledigte. Es war die Berührung eines Jungen, der etwas sehen wollte. Der sie wirklich ansah.
"Du zitterst", sagte er, und sein Lächeln wurde ein kleines Stück wärmer. "Keine Angst. Ich tu dir nichts, was du nicht willst."
Sabine wollte antworten, aber ihre Stimme war wie weggefegt. Sie stand da, nackt, den Zettel in der Hand, und sah in seine Augen. Sie waren grün, ein helles, fast durchsichtiges Grün, wie das Wasser eines Gebirgssees. Und in ihnen lag etwas, das sie nicht erwartet hatte: Geduld.
Er nahm ihr den Zettel aus der Hand, langsam, und legte ihn auf den Tisch. Dann drehte er sich zu ihr zurück und sah sie an, wirklich an. Von oben bis unten. Aber sein Blick war nicht gierig, nicht fordernd. Es war ein Blick, der sie sehen wollte, nicht nur ihren Körper. Ein Blick, der ihr sagte, dass sie mehr war als nur ein Los, mehr als nur eine Pflicht.
"Ich hab dich oft in der Klasse beobachtet", sagte er leise, fast flüsternd. "Du sitzt immer hinten, am Fenster. Und du schaust nach draußen, wenn der Lehrer redet. Ich hab mich immer gefragt, was du da draußen siehst."
Sabine schluckte. Sie hatte nicht gewusst, dass er sie bemerkt hatte. Sie hatte nicht gewusst, dass irgendjemand sie bemerkt hatte. Und jetzt stand er hier, sah sie an, als wäre sie etwas Besonderes, und sie wusste nicht, ob sie ihm glauben konnte.
"Christian", flüsterte sie, und ihr Name in ihrem Mund klang fremd.
Er legte seine Hand auf ihre Schulter, und seine Finger waren warm. "Komm", sagte er. "Wir haben Zeit. Ich will nichts überstürzen."
Er führte sie zum Bett, das noch frei war, das andere Ende des Raums. Sie folgte ihm, wie hypnotisiert, ihre Beine bewegten sich, ohne dass sie es befahl. Sie legte sich hin, wie er es wollte, und ihre Haut spürte die kühlen Laken unter sich. Ihr Herz raste so laut, dass sie sicher war, dass er es hören konnte.
Christian setzte sich neben sie, sein Körper nah, aber nicht aufdringlich. Er sah sie an, und sein Lächeln wurde breiter.
"Bist du nervös?", fragte er.
Sabine nickte, weil sie nicht sprechen konnte.
"Das ist okay", sagte er. "Ich bin auch nervös."
Sie sah ihn überrascht an. Christian? Nervös? Er, der schönste Junge der Klasse, der alle Mädchen haben konnte, wenn er wollte?
"Ja, wirklich", sagte er, als hätte er ihre Gedanken gelesen. "Weißt du, ich hab noch nie... ich meine, ich hatte noch nie eine Jungfrau. Und ich will nichts falsch machen."
Sabines Herz machte einen Sprung. Das bedeutete, dass er nicht wusste, was ihn erwartete. Das bedeutete, dass sie nicht die einzige war, die unsicher war.
"Christian", sagte sie, und ihre Stimme war leiser, aber fester. "Ich hab Angst."
"Ich weiß", sagte er. Er beugte sich vor, und sein Haar fiel ihm in die Stirn. "Aber wir machen das zusammen. Okay? Ich verspreche dir, ich werde sanft sein."
Er streckte seine Hand aus und legte sie auf ihre Wange, und Sabine schloss die Augen. Sie spürte seine Finger auf ihrer Haut, warm und weich, und in ihrem Bauch begann das Kribbeln wieder, das sie schon kannte. Aber dieses Mal war es anders. Dieses Mal war es nicht die Angst, die sich mit der Erregung mischte. Es war etwas Neues, etwas, das sie nicht benennen konnte. Vielleicht war es die Hoffnung, dass es doch nicht so schlimm sein würde. Dass es vielleicht sogar schön sein könnte.
Christian erhob sich vom Bett, und Sabine spürte sofort die Kühle, die an die Stelle seiner Wärme trat. Sie sah ihm zu, wie er zum Nachttisch ging, eine Kerze aus einer Schublade zog – eine kleine rote Kerze, die noch nie benutzt worden war. Er zündete ein Streichholz an, das kurze, helle Flamme warf, und berührte damit den Docht. Das Licht war warm, flackernd, und es warf sanfte Schatten auf die Wände, tauchte den Raum in eine andere, weichere Atmosphäre.
"Für die Romantik", sagte er, und sein Lächeln war fast schüchtern, als würde er sich für diese Geste ein wenig entschuldigen. Sabine sah, wie das Kerzenlicht seine Züge weicher machte, wie sein Haar im warmen Schein goldene Reflexe bekam.
Sie wollte etwas sagen, ihm danken vielleicht, aber der Moment war so zart, so zerbrechlich, dass sie ihn nicht mit Worten zerstören wollte. Also lag sie still, die Hände neben sich auf dem Laken.
Dann geschah es.
Die Kerze kippte leicht – nur einen winzigen Moment –, und ein heißer Wachstropfen löste sich von ihrem Docht. Sabine sah ihn fallen, wie in Zeitlupe, ein goldener, glitzernder Tropfen, der durch die Luft segelte und direkt auf ihre Brust traf, genau auf die empfindliche Haut über ihrem linken Nippel.
Sie zuckte zusammen. Ein scharfer, stechender Schmerz, heiß und intensiv, durchfuhr ihren Körper. Ihre Hand flog unwillkürlich nach oben, aber sie hielt sie in der Luft, zögerte, als wüsste sie nicht, ob sie den Tropfen wegwischen oder ihn ertragen sollte. Der Schmerz war real, unmittelbar, ein Feuerpunkt auf ihrer Haut, der brannte und prickelte.
Und dann – mitten in diesem stechenden Gefühl – spürte sie etwas anderes.
Ein Kribbeln, das von der Stelle ausging, an der der Tropfen ihre Haut berührt hatte. Es war, als hätte die Hitze einen Nerv getroffen, der direkt in ihren Bauch führte. Der Schmerz und das Kribbeln vermischten sich zu einem seltsamen, intensiven Gefühl, das sie nicht einordnen konnte - als hätte der Tropfen nicht nur ihre Haut berührt, sondern etwas in ihr zum Leben erweckt, etwas, das geschlummert hatte und jetzt, durch den überraschenden Reiz, erwachte.
Sie atmete scharf ein. Ihre Brust hob sich unter der Hitze, ihr Nippel wurde hart, zog sich zusammen wie eine kleine, gespannte Blüte. Der Schmerz war noch da, ein dumpfer, nachbrennender Punkt, aber er wurde überlagert von etwas anderem, etwas Tieferem, das in ihrem Inneren warm und feucht pulsierte.
Christian beobachtete sie.
Er hatte den Kopf leicht schräg gelegt, seine grünen Augen auf ihr Gesicht gerichtet, auf ihre Brust, auf die kleine, rötliche Stelle, die der Wachstropfen hinterlassen hatte. Sein Blick war ruhig, aber darin lag etwas, das Sabine als Neugier erkannte – vielleicht sogar als Faszination. Er beobachtete ihre Reaktion, wie man einen Versuch beobachtet, wie man sehen will, was passiert, wenn eine bestimmte Substanz auf eine bestimmte Stelle trifft.
"Das tut weh", sagte er leise, und es war eine Feststellung, keine Frage. "Ich hab's nicht absichtlich gemacht."
Sabine nickte, unfähig, einen Ton hervorzubringen. Ihr Atem ging schneller, ihre Brust hob und senkte sich unter seinen Blicken. Der Schmerz war fast verflogen, übrig geblieben war ein intensives Prickeln, das sich über ihre gesamte Brust ausbreitete, ihre Haut zum Leben erweckte.
"Es... es ist okay", brachte sie hervor, und ihre Stimme klang heiser, fremd. "Es ist nicht schlimm."
Christian lächelte, dieses verträumte, fast geheimnisvolle Lächeln, das sie so oft an ihm bewundert hatte. Aber jetzt war es nicht verträumt. Jetzt beobachtete er forschend.
Er hob seine Hand und berührte die Stelle, an der der Tropfen sie getroffen hatte. Seine Finger waren kühl auf ihrer warmen Haut, und sie zuckte erneut – nicht vor Schmerz, sondern vor diesem seltsamen, elektrisierenden Gefühl, das seine Berührung auslöste.
"Spürst du das?", fragte er, und sein Daumen strich sanft über den roten Punkt, kreiste langsam darum herum, ohne ihn direkt zu berühren.
Sabine schloss die Augen. Sie spürte es. Jede Faser ihres Körpers schien auf diesen einen Punkt fokussiert zu sein, auf die Stelle, wo der Schmerz auf das Begehren traf, wo die Hitze der Kerze auf die Kühle seiner Finger stieß.
"Ja", flüsterte sie. "Ich spür's."
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