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Chapter 2 by Aiman_Folder Aiman_Folder

Wo soll sich Klara hinwenden?

Bibliothek

Klara hielt das alte Pergament in der Hand wie ein zerbrechliches Versprechen. Der Name Jacques de Molay hallte in ihr nach wie ein leiser Glockenschlag aus einer längst versunkenen Zeit. Der letzte Großmeister der Tempelritter – und ein von Winterfeld, der ihm offenbar so nahe stand, dass er in seinem Auftrag einen Brief überbrachte. Ein Brief, der den Schatz des Ordens betraf. Einen Schatz, den Historiker bis heute für Legende hielten. Oder für ein Märchen, das sich das kollektive Gedächtnis zurechtgelegt hatte, um den Untergang eines der mächtigsten Ritterorden Europas zu verklären.

Doch dieser Brief war real. Und mit ihm die Spur, die Heinrich von Winterfeld hinterlassen hatte.

Langsam trat Klara vom Lesepult zurück, das Manuskript sicher verstaut in einer säuberlich beschrifteten Mappe, zusammen mit der Plakette und dem eingerollten Band. Ihre Absätze klangen leise auf dem Marmor, als sie sich der Tür des Archivs näherte. Dort blieb sie stehen, lehnte sich an den Türrahmen und sah in die Dunkelheit des Flures.

Eine feine Gänsehaut überzog ihre Arme – nicht aus Furcht, sondern wegen des Ausmaßes dessen, was sie gerade entdeckt hatte. Der Brief war nur der Anfang. Und nun stand sie an einer Schwelle – zwischen Wissen und Wagnis.

Sie schloss für einen Moment die Augen. In ihrem Inneren kreisten die Gedanken wie schwarze Schwäne auf einem nebelverhangenen See.

Vielleicht sollte sie bleiben.

Hier, im vertrauten Inneren des Schlosses, geschützt von den Mauern, die ihre **** seit Jahrhunderten umgaben. Es war gut möglich, dass noch mehr Zeugnisse wie dieses auf sie warteten – in vergessenen Registern, in lose eingebundenen Seiten, in Büchern, die man nie zu Ende gelesen hatte. Heinrichs Weg nach Tempelhof könnte dokumentiert sein. Vielleicht hatte er in einem Tagebuch seine Bewegungen beschrieben. Oder jemand anders hatte ihn erwähnt. Die Nacht war ruhig, der Kaffeeautomat im Lesesaal zuverlässig – sie konnte durchmachen, wie so oft in München. Und wenn es Hinweise gab, dann wollte sie sie finden, bevor ein anderer es tat.

Doch dann war da dieser andere Gedanke, wild und flüchtig wie ein Nachtfalter:

Was, wenn sie jetzt ging?

Jetzt. In diesem Moment. In den alten Wald, zum Ruinenhügel, der einst die erste Burg der Winterfelds trug – jene, in der Heinrich übernachtet haben musste. Das Gelände war schwer zugänglich, das wusste sie. Und doch: Das Licht der Taschenlampe, das Knirschen des Laubs, das Knistern der Zweige unter ihren Schritten – es lockte sie. Was, wenn unter der zerfallenen Kapelle, zwischen den Grundmauern, ein Zugang war? Ein Hohlraum? Ein versteckter Schacht? Der Gedanke, dass etwas verborgen war und nur darauf wartete, von ihr entdeckt zu werden – von der einzigen, die dazu wirklich berufen war – ließ ihr Herz schneller schlagen.

Aber war es klug, jetzt loszugehen? Mitten in der Nacht? Allein?

Wenn sie sich verletzte, würde niemand sie hören. Die Ruine war seit Jahrzehnten nicht mehr betreten worden, zumindest nicht offiziell. Und ihre Eltern würden sie für verrückt erklären, wenn sie erführen, dass sie sich ohne Begleitung auf Schatzsuche begeben hatte. Und trotzdem...

Klara trat ans Fenster und öffnete es. Die kalte Nachtluft strich über ihre Wangen. Unten lag der Schlosspark in Stille, wie mit Samt überzogen. In der Ferne blinkte schwach das Licht der Kapelle. Die Bäume standen schwarz gegen den Sternenhimmel, dessen klare Kälte ihr Mut und Zweifel zugleich einflößte.

Vielleicht war es am klügsten, sich einfach schlafen zu legen. Den Fund sichern, ihre Gedanken sammeln, mit einem klaren Kopf zurückkehren. Am Morgen würde alles weniger wie ein Märchen wirken – oder noch fantastischer. Vielleicht konnte sie Elena anrufen oder Jasmina, ihre alten Freundinnen aus dem Internat. Die eine wusste alles über mittelalterliche Kryptografie, die andere über versteckte Gänge in Burgen. Sie konnte auch die Historikerin Professor Habermehl kontaktieren. Oder ihren Vater. Oder…

Sie schloss das Fenster wieder, langsam, bedacht. Ihre Finger ruhten noch auf dem Holzrahmen, als sie ein letztes Mal in die Nacht blickte.

Drei Wege.

Drei Möglichkeiten.

Keine eindeutig richtig, keine eindeutig falsch.

Und doch würde sie sich entscheiden müssen.

Was sollte sie tun?

What's next?

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