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der Abend geht weiter

Chapter 22 by rallebonn

Ich beobachtete besonders die beiden Frauen. Mir fiel auf, dass sie, genau wie ich, die Beine nicht überschlagen hatten. Noch auffälliger war jedoch, wie selbstverständlich sie sich um einen der älteren Herren kümmerten. Sie brachten Getränke, achteten auf kleine Gesten und schienen genau zu wissen, was erwartet wurde. Es wirkte weniger wie zufällige Höflichkeit, sondern eher wie eine eingespielte, unausgesprochene Ordnung.

Rainer beugte sich näher zu mir, bis seine Stimme nur noch ein Flüstern war. „Sie arbeiten für mich“, sagte er ruhig, „und heute Abend kümmern sie sich um die Herren.“ Ich spürte, wie mir die Wärme ins Gesicht stieg. Unsicher sah ich ihn an, doch er lächelte nur, als hätte er meine Reaktion erwartet. „Keine Sorge“, fügte er hinzu und nahm einen Schluck von seinem Drink. „Für dich gelten andere Regeln.“

Nach einer ganzen Weile verabschiedeten sich auch die älteren Herren. Die beiden Frauen begleiteten sie mit einer Selbstverständlichkeit, die mich erneut irritierte. Auch wir standen schließlich auf, als wären wir bereits zum Aufbruch bereit. Doch Rainer hob leicht die Hand und sagte: „Kommt, wir gehen noch hinein und trinken etwas. Später lasse ich euch fahren.“ Sein Lächeln blieb ruhig und bestimmt. Mein Mann sah mich kurz an, zögerte einen Moment und sagte dann, mehr neugierig als überzeugt: „Okay, machen wir.“ Also folgten wir Rainer ins Haus.

Rainer führte uns in seine Bibliothek. Zwischen hohen Regalen voller Bücher standen ein großer Monitor und eine gemütliche Sitzecke mit Sofa und Sesseln. Der Raum wirkte ruhig und sorgfältig eingerichtet, doch gerade diese Ordnung machte mich nervös. „Bitte, setzt euch“, sagte Rainer und ging zur Bar. Ohne nachzufragen, bereitete er drei Getränke zu. Es waren genau die Drinks, die wir zuvor gehabt hatten. Diese kleine Aufmerksamkeit hätte höflich wirken können, doch in diesem Moment fühlte sie sich anders an: als hätte er die ganze Zeit über jedes Detail registriert.

Er reichte sie uns nacheinander, ruhig und ohne Eile. Dann sah er meinen Mann direkt an. „Hat deine Frau dir vom Frühstück am Mittwoch erzählt?“ Mein Mann nickte. „Ja“, sagte er, und seine Stimme klang angespannter, als er vermutlich wollte. Ich beobachtete ihn genau. Er nahm einen kleinen Schluck, als brauche er einen Moment, um sich hinter dem Glas zu sammeln. „Und wie war das für dich?“, fragte Rainer weiter. Mein Mann zögerte. Zwischen uns allen entstand eine Stille, die schwerer wog als die Frage selbst. Schließlich sagte er leise: „Ich war eifersüchtig. Und neugierig zugleich.“ Rainer lächelte kaum sichtbar, als hätte er genau diese Antwort erwartet. „Neugierig“, wiederholte er langsam. „Das ist oft der Anfang davon, die eigene Kontrolle neu zu verstehen.“

Ich schluckte, als er das so ruhig sagte. Mein Mann wirkte angespannt, vielleicht sogar überfordert, und doch wich sein Blick nicht aus. Rainer sah mich an, dieses kontrollierte Lächeln auf den Lippen. „Meine Liebe“, sagte er leise, „es würde mich freuen, wenn du dich jetzt wieder so setzen würdest wie am Mittwoch.“ Mir wurde heiß im Gesicht. Ich wusste nicht, ob ich antworten oder einfach gehorchen sollte. Rainer drängte nicht. Er wartete nur ab, und gerade dieses geduldige Schweigen machte die Situation schwerer. Nach einer Weile wandte er den Kopf leicht zur Tür und sagte mit ruhiger Stimme: „Kai, könntest du bitte helfen?“

Fast lautlos trat Kai in den Raum, als hätte er bereits gewartet. Er kam zu mir, reichte mir die Hand und half mir vom Sofa auf. Seine Bewegungen waren höflich und kontrolliert, beinahe zeremoniell. Mit warmen weichen Händen öffnet er das Kleid und schiebt es von meinen Schultern und lässt es zu Boden rutschen. Ich steige aus dem Kleid raus. Er hebt es auf legt es zur Seite. Ich spürte die Blicke der anderen, vor allem den meines Mannes, der reglos dastand und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Kai führte mich einen Schritt nach vorn und drehte mich langsam, nicht grob, sondern mit einer seltsamen, einstudierten Eleganz. Mir wurde bewusst, dass in diesem Raum nichts zufällig geschah. Rainer nippte an seinem Glas und beobachtete die Szene mit derselben ruhigen Gelassenheit wie zuvor. Als Kai mich schließlich wieder zum Sofa führte und den Raum verließ, blieb eine Stille zurück, die dichter war als jedes gesprochene Wort.

Rainer lächelte meinen Mann an, ruhig und beinahe zufrieden. „Das meinte ich“, sagte er leise. „Sie hat eine besondere Wirkung, nicht wahr?“ Mein Mann schluckte, nickte kaum merklich und sah zu mir hinüber. In seinem Blick lagen Unsicherheit, Faszination und etwas, das er selbst noch nicht ganz einordnen konnte. Rainer beobachtete ihn aufmerksam. „Berührt dich das?“, fragte er. Mein Mann wurde rot. Für einen Moment schien er nach einer Antwort zu suchen, dann nickte er langsam.

„Du siehst, was deine Haltung in ihm auslöst“, sagte Rainer zu mir, fast beiläufig. Ich spürte, wie mir erneut die Wärme ins Gesicht stieg, und senkte kurz den Blick. Rainer lächelte, als hätte er genau darauf gewartet. „Vielleicht möchtest du ihm zeigen, dass du seine Reaktion verstehst.“ Ich sah ihn irritiert an. „Jetzt?“, fragte ich leise. „Später, zu Hause vielleicht.“ Rainer nahm sich Zeit, bevor er antwortete. „Manchmal“, sagte er ruhig, „zeigt sich Vertrauen gerade dann, wenn nicht alles geplant ist.“ Ich sah zu meinem Mann, dann wieder zu Rainer. „Aber wir sind nicht allein“, sagte ich unsicher. „Stört dich das?“, fragte Rainer. Ich zögerte. „Ja“, antwortete ich schließlich ehrlich.

Rainer nickte langsam, als hätte meine Antwort mehr Gewicht, als ich erwartet hatte. Er nippte an seinem Drink und ließ die Stille einen Moment lang stehen. Niemand bewegte sich. Selbst das leise Klirren des Glases wirkte plötzlich lauter als zuvor. Dann stellte er das Glas ab und sah mich mit unveränderter Ruhe an.

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