What's next?
Unter Beobachtung
Der Morgen begann ohne Gnade. Kein Klappern von Vanessas Kaffeetasse, kein gedämpftes Radio aus der Penthouse-Küche, das den Beginn eines normalen Tages signalisierte. Nur das grelle, weiße Licht, das durch die unbedeckten Altbaufenster meines Zimmers schnitt, und das kalte, vertraute Ziehen zwischen meinen Schenkeln.
Das Schloss war über Nacht nicht angerührt worden. Der Harzzylinder drückte steinhart gegen meine Leiste, jede Bewegung auf der dünnen Matratze schabte trocken über die gereizte Haut.
Punkt sieben Uhr flog die Zimmertür auf.
Loona stand im Rahmen. Sie trug ein weites, graues Sweatshirt, das ihr knapp über die Oberschenkel reichte, ihre Beine nackt, die langen schwarzen Haare zu einem strengen Zopf gebunden. In der Hand hielt sie ihr Tablet. Ihr Blick war so nüchtern und sachlich, als beträte sie ein Labor.
„Aufstehen. Zehn Minuten für Bad und Zähne. Dann Küche.“
Sie wartete keine Antwort ab, drehte sich auf den Fersen um und ließ die Tür sperrangelweit offen stehen.
Ich stolperte aus dem Bett, das Harzgehäuse schwang schwer unter der Boxershorts. Als ich mir im kargen Badezimmer kaltes Wasser ins Gesicht klatschte und die Brille aufsetzte, sah ich im Spiegel die Ringe unter meinen Augen – und die straffen Konturen meiner Schultern. Ich beeilte mich. Keine Sekunde zu spät trat ich in den offenen Wohn- und Küchenbereich.
Loona saß auf einem der hohen Barhocker am Küchentresen. Vor ihr dampfte ein schwarzer Espresso, daneben lag mein entsperrtes Smartphone, auf dem sie gerade tippte. Sie deutete mit dem Kinn auf den Boden direkt neben ihren Hocker, genau vor die Barfußleiste.
„Hier hinknien.“
Ich sank auf das blanke, weiß geölte Holz, die Knie schulterbreit abgesetzt. Auf dem harten Boden versuchte ich unauffällig, eine halbwegs erträgliche Haltung zu ihren Füßen zu finden, doch jede kleine Gewichtsverlagerung ließ das Harz schmerzhaft gegen das Schambein drücken.
„Ab heute gibt es keine Ausreden mehr“, begann sie, ohne von meinem Display aufzusehen. „Keine Stiefmutter, hinter deren Rücken du dich verstecken kannst. Diese Wohnung hat klare Strukturen. Punkt eins: Ich habe gerade Kidslox auf deinem Handy eingerichtet. Vollzugriff, lückenloses Tracking. Trainingszeiten, Kalorien, Schrittzähler, Schlafphasen und App-Limits. Verfehlst du die Vorgaben um fünf Prozent, bleibt der Käfig am Wochenende zu. Verfehlst du sie um zehn, gibt es Zusatzschichten. Außerdem kommen in den Flur und das Wohnzimmer Überwachungskameras. Ich will jederzeit sehen, was du treibst.“
Sie legte mein Telefon zur Seite und musterte mich kühl von oben herab.
„Punkt zwei: Der Haushalt gehört dir. Wäsche, Staub, Kochen, Böden. Die Wohnung hat ausnahmslos sauber zu sein, falls Gäste zu Besuch kommen. Ich habe absolut keine Lust, dass deine verschwitzten Klamotten in der Küche rumliegen, wenn Nadja herkommt. Sie soll sich wohlfühlen und einen ordentlichen Eindruck bekommen.“ Bei Nadjas Namen zuckte mein Magen angenehm zusammen; die Erinnerung an ihr warmes Lächeln von gestern linderte die Härte ihrer Worte. „Und Punkt drei: Du hilfst mir bei der Arbeit.“
Sie nahm ihr eigenes Smartphone zur Hand, öffnete einen Chat und hielt es mir schräg nach unten hin.
„Drei Kunden warten auf meinem Zweitkanal seit gestern Abend auf Bestätigung. Fünfzig Euro pro Bildsatz. Wenn einer verhandeln will, beleidigst du ihn, blockierst ihn aber nicht. Du formulierst im Chat: Schreib, dass er froh sein kann, dass ich ihm überhaupt einen Teil meiner Aufmerksamkeit schenke.“
Ich hielt den Nacken krampfhaft steif, bemüht, den Text fehlerfrei vorzuschlagen, während ich mich auf den Knien noch dichter an das Hockerbein drückte. Um mich zu fixieren, hob Loona ihren rechten Fuß und legte die samtige, kühle Sohle flach auf meinen Nacken. Das Gewicht zwang meinen Blick starr auf das Holz, während unter meiner Sporthose der eingesperrte Druck pulsierte, unerträglich heiß und fordernd.
Genau in diesem Moment vibrierte ihr Smartphone in ihrer Hand, begleitet von dem hellen Klingeln eines eingehenden Videoanrufs.
Auf dem Display leuchtete das lachende Profilbild von Nadja auf.
Panik schoss mir durch die Adern. Sie durfte mich unmöglich so sehen – am Boden kauernd, Loonas Fuß auf meinem Nacken, eingesperrt im Harz, vollkommen unterworfen. Ich spannte die Muskeln an, um zurückzuweichen, doch der Druck auf meinem Nacken verstärkte sich sofort, unnachgiebig wie Eisen.
„Keine Bewegung“, zischte Loona leise von oben herab. Ihre Stimme war pure Warnung. „Kein Laut. Kein Atemzug. Wenn du auch nur zuckst, bleibt das Schloss den ganzen nächsten Monat dran.“
Mit einer ruhigen Handbewegung strich sie ihr Shirt glatt, hob das Telefon in Brusthöhe, sodass die Frontkamera nur ihr Gesicht und den oberen Raum erfasste, und wischte über das Display, um den Anruf anzunehmen.
„Guten Morgen, Schlafmütze“, erklang Nadjas fröhliche Stimme aus dem Lautsprecher.
Durch den Winkel konnte ich das Display von unten kaum einsehen, hörte aber jeden ihrer Atemzüge kristallklar. Sie klang ausgeruht, lebendig und unbeschwert.
„Morgen“, antwortete Loona mit vollkommen gelassener Stimme, während ihr Fuß auf meinem Nacken millimetergenau das Übergewicht hielt. „Gut geschlafen nach der Schlepperei?“
„Total tief, ich bin fix und fertig“, lachte Nadja herzlich. „Und, wie lebt es sich am ersten Tag im Nest? Hast du schon alles ausgepackt? Wo steckt eigentlich euer braver Helfer? John war gestern echt süß, wie er sich abgemüht hat.“
Mein ganzer Körper versteifte sich. Ich hielt den Atem an, das Herz hämmerte mir bis in den Hals. Die Angst, dass eine Bewegung meines Rückens oder ein Keuchen im Mikrofon landen könnte, schnürte mir die Kehle zu.
„Oh, John ist schon fleißig“, antwortete Loona mit einem kaum hörbaren Spott in der Stimme, während sich ihre Zehen spürbar tiefer in meine Sehnen bohrten. „Er macht genau das, worum ich ihn gebeten habe. Ein wirklich gelehriger Mitbewohner.“
„Sehr gut, so muss das sein“, kicherte Nadja ahnungslos. „Sag ihm liebe Grüße. Ich komme heute Nachmittag auf einen Kaffee vorbei, dann helfe ich dir mit den Büchern, okay?“
„Abgemacht. Bis später, Süße.“
Loona legte auf.
Eine zentnerschwere Stille senkte sich über den Raum. Der Fuß auf meinem Nacken hob sich langsam, und ich stieß zittrig die aufgestaute Luft aus.
„Siehst du?“, raunte Loona von oben herab, und ein grausames Lächeln lag in ihren Zügen. „Sie findet dich süß. Sie freut sich auf dich. Und du wirst heute Nachmittag hier stehen, sauber angezogen, den perfekten Gastgeber spielen – während dieses kleine Schloss dich bei jedem Schritt daran erinnert, wer du in Wahrheit bist.“
Das Geräusch der zufallenden Tür schnitt durch die dichte Atmosphäre in der Küche wie eine Glasscherbe.
Nadja wandte den Kopf mit einer fließenden Bewegung ab und stieß sich lässig von der Theke ab. Ihr unbefangenes Lächeln kehrte augenblicklich zurück, als wäre die intime Nähe der letzten Sekunden die normalste Sache der Welt.
„Na endlich“, rief sie gut gelaunt in Richtung Flur. „Ich dachte schon, ich müsste Johns ganzes Wasser alleine austrinken.“
Ich nutzte die Sekunde, um das Glas mit leicht zittriger Hand auf der Arbeitsplatte abzustellen. Meine Finger waren eiskalt vom Leitungswasser, während der Schweiß unter dem festen Denim meiner Jeans brannte. Der Metallbügel des Schlosses grub sich bei jeder Bewegung wie eine stumme Mahnung in die Haut meines Schambeins.
Loona trat in den offenen Raum. Sie hatte die Haare immer noch streng nach hinten gebunden, trug eine enganliegende schwarze Stoffhose und ein schlichtes, anthrazitfarbenes Top. In der rechten Hand trug sie eine weiße Papiertüte eines Elektronikmarkts, in der linken ihren Schlüsselbund, dessen Klimpern durch die hohen Altbaudecken hallte.
Ihr Blick glitt zuerst zu Nadja, weich und herzlich, doch als ihre Augen über mich wanderten, verengten sich ihre smaragdgrünen Pupillen für den Bruchteil einer Sekunde zu zwei messerscharfen Klingen. Sie erfasste alles: den Abstand zwischen uns, meine steife Haltung, das Glas auf dem Tresen und die halb geleerten Kartons im Hintergrund.
„Der Verkehr auf der Tauentzienstraße war die Hölle“, sagte Loona, stellte die Einkaufstüte auf dem Esstisch ab und umarmte Nadja kurz zur Begrüßung. „Aber dafür habe ich alles bekommen.“
„Sehr gut“, erwiderte Nadja und musterte interessiert die Tüte. „Die Überwachungstechnik?“
Bei diesem Wort rutschte mir das Herz in die Magengrube. Ich stand noch immer wie angewurzelt an der Spüle. Überwachungstechnik? Hatte Loona ihr davon erzählt?
„Zwei handliche Weitwinkelkameras für den Wohnbereich und den Eingang“, erklärte Loona vollkommen beiläufig, während sie sich eine Kapsel in die Kaffeemaschine schob. „Man kann im Erdgeschoss und im vierten Stock nie vorsichtig genug sein. Reine Sicherheit.“
„Absolut vernünftig“, pflichtete Nadja ihr bei, trat an den Tisch und strich über die Verpackung der Geräte. Sie drehte sich halb zu mir um und lächelte mich über die Schulter hinweg an. „Und John hat hier schon echte Schwerstarbeit geleistet. Schau dir mal den Flur an. Da ist kaum noch Pappe im Weg.“
Loona drehte sich langsam um, die dampfende Kaffeetasse in der Hand, und musterte mich kühl. Ihr Blick wanderte demonstrativ an mir herab, blieb an der dunklen Jeans und dem flachen Bund hängen, wo das unnachgiebige Harz versteckt lag.
„Er hat sich bemüht“, stellte Loona mit einer Stimme fest, die keinen Raum für Lob ließ. „Aber fertig ist er noch lange nicht. John, bring die restlichen Kisten aus der Ecke in die Kammer. Danach holst du Werkzeug aus dem Flur und bringst die beiden Kameras an den Sockeln über den Türen an. Nadja und ich machen es uns auf dem Balkon gemütlich.“
„Soll ich ihm nicht kurz helfen?“, warf Nadja mit weicher, mitleidiger Stimme ein. Sie sah mich mit ihren großen braunen Augen an. „Die Kisten sehen ganz schön schwer aus.“
„Nein, lass mal“, winkte Loona mit einem feinen, grausamen Zug um die Mundwinkel ab. „Er braucht das Training. Mein Stiefbruder legt neuerdings großen Wert darauf, in Form zu bleiben. Nicht wahr, John?“
Die Worte trafen mich wie ein Hieb. Sie wusste ganz genau, wie das Schloss gegen mein Fleisch scheuerte, wenn ich schwere Lasten hob.
„Ja“, brachte ich tonlos hervor. „Ich schaffe das schon.“
„Siehst du? Ein echter Kavalier“, sagte Loona samtweich, griff nach ihrer Tasse und hakte sich sanft bei Nadja ein. „Komm, lass uns raussetzen. Ich muss dir noch erzählen, was heute an der Fakultät los war.“
Als die beiden Frauen die Flügeltür zum Balkon öffneten und das warme Nachmittagslicht ihre Silhouetten umrahmte, sank ich für einen Moment erschöpft gegen die Küchenzeile. Nadjas Duft hing immer noch in der Luft, vermischt mit Loonas kaltem Parfüm.
Ich stieß den Atem aus, griff nach den Schachteln mit den Kameras und spürte bei jedem Schritt das glühende Harz unter dem festen Stoff. Das Nest war geschlossen. Und während die beiden draußen lachten, begann ich stumm damit, meine eigenen Augen zu montieren, die mich künftig Tag und Nacht beobachten würden.
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