Wie ist der erste Arbeitstag?
Unaufregend aufregend.
Es ist kurz nach elf, als Liz an die Schiebetür des Vans klopft. Ich liege noch halb wach auf der Matratze, das neonpinke Top und die Shorts vom Vortag zerknittert neben mir. Der Kater ist größtenteils weg, aber die Anspannung sitzt tiefer. Heute beginnt der Job.
Liz kommt rein, ohne zu warten. Sie trägt enge Jeans und ein bauchfreies Shirt, die blonden Locken offen. In der Hand hält sie eine Tüte. „Aufstehen, Rookie. Wir machen dich fertig. Sarah erwartet dich pünktlich um zwei.“
Ich setze mich auf und reibe mir die Augen. „Ich hab keinen Plan, was ich anziehen soll. Die Uniform ist doch der Bikini, oder?“
„Genau. Aber vorher machen wir dich präsentabel.“ Sie holt aus der Tüte einen knappen, metallisch schimmernden Bikini in Schwarz-Silber hervor – das Oberteil ist ein Triangel-Top, das meine kleinen Brüste gerade so bedeckt, das Höschen ist hochgeschnitten und lässt den Großteil meines Pos frei. Dazu High Heels, diesmal etwas stabiler, aber immer noch mit hohem Absatz. „Sarah hat das hier rübergeschickt. Standard-Uniform für neue Girls an der Bar. Zieh an, ich mach dein Make-up.“
Ich schlucke und ziehe mich um. Der Bikini sitzt eng. Der Brazilian von vorgestern lässt die Haut überempfindlich wirken. Als ich mich im kleinen Spiegel des Vans betrachte, sehe ich eine Version von mir, die ich vor zwei Wochen nicht wiedererkannt hätte: sportlich, zierlich, glatt, mit dem knappen Stoff, der mehr zeigt als versteckt. Liz stellt mich vor sich und beginnt mit Foundation, Contouring und einem kräftigeren Smokey Eye als letztes Mal. Die Lippen werden wieder rot. Meine Haare kämmt sie glatt und steckt sie teilweise hoch, sodass der Nacken frei bleibt.
„Du siehst aus wie das genaue Gegenteil von den meisten Girls da drin“, sagt sie, während sie arbeitet. „Die sind alle älter, voller, operiert. Du bist die kleine, frische Deutsche. Die Gäste werden das fressen. Sei freundlich, lächle, bück dich bewusst, wenn du was aufhebst, und nimm jedes Trinkgeld. Kein Drama, kein Zögern.“
Ich nicke, aber der Kloß in meinem Hals bleibt. Die Erinnerung an das Video, die Kommentare, das Löschen – alles sitzt noch. Gleichzeitig spüre ich dieses nervöse Kribbeln, das seit der Hotel-Nacht nicht mehr ganz verschwunden ist.
Liz fährt mich zum Club. Von außen wirkt „The Blue Room“ relativ unauffällig – große Glasfronten zum Bondi Beach, Neon-Schriftzug, Terrasse mit Loungemöbeln. Drinnen ändert sich alles. Der Hauptraum ist dunkel gehalten, mit lila und blauem indirektem Licht. Eine langgezogene Bar aus schwarzem Glas zieht sich durch den Raum. Dahinter Spiegel, die alles verdoppeln. Rechts eine kleine Bühne mit Pole, links private Lounge-Bereiche mit Vorhängen. Die Luft riecht nach teurem Parfüm, Desinfektionsmittel und einem Hauch von süßem Rauch. Musik dröhnt Bass-lastig, aber noch nicht zu laut.
Sarah empfängt uns. „Pünktlich. Gut. Umkleide ist hinten. Bikini an, Heels an, Handy aus oder stumm. Du bleibst an der Bar und auf der Fläche. Drinks servieren, lächeln, kassieren. Die Tänzerinnen machen ihren Job, du deinen. Fragen?“
Ich schüttle den Kopf. Liz drückt mir kurz die Schulter. „Du schaffst das. Schreib mir, wenn’s zu viel wird.“ Dann ist sie weg.
Die Umkleide ist eng und voller Spiegel. Zwei andere Girls sind schon da – beide Ende zwanzig, Anfang dreißig. Die eine hat üppige, eindeutig operierte Brüste, volle Lippen und ein Tattoo, das sich über die gesamte Seite zieht. Die andere trägt ein Bauchnabelpiercing, gebräunte Haut und einen Po, der nach vielen Stunden im Gym und vermutlich Unterspritzungen aussieht. Sie mustern mich kurz, nicken und gehen wieder. Ich ziehe den Bikini an, stecke mein Handy in die kleine Tasche unter der Theke und trete hinaus.
Der Club füllt sich schnell. Es ist Samstagnachmittag, Strandwetter, viele Männer in Gruppen, einige Paare, ein paar Business-Typen. Ich bekomme ein Tablett in die Hand gedrückt und fange an. Erste Runde: Bier, Cocktails, Shots. Die High Heels zwingen mich zu einem bestimmten Gang. Jeder Schritt lässt den Stoff des Höschens leicht reiben. Die Blicke kommen sofort. Männer mustern meine Beine, meinen flachen Bauch, die kleinen Brüste im knappen Top. Einige grinsen offen. Trinkgeld landet schon bei der ersten Runde – Zehn- und Zwanzig-Dollar-Scheine, die mir in die Hand oder unter den Bikini-Träger geschoben werden.
Ich beobachte die Stripperinnen. Sie sind das genaue Gegenteil von mir. Größer, kurviger, mit deutlich sichtbaren Eingriffen: pralle, runde Brüste, die sich kaum bewegen, aufgepolsterte Lippen, harte, definierte Körper, die gleichzeitig weich wirken. Viele Tattoos – ganze Ärmel, Schriftzüge unter den Brüsten, Ornamente am Po. Piercings in den Nippeln, im Bauchnabel, manchmal sichtbar im Intimbereich, wenn sie tanzen. Ihr Schönheitsideal ist extrem: maximal weiblich, maximal künstlich, maximal verfügbar. Ich fühle mich daneben wie ein Fremdkörper – zu klein, zu sportlich, zu „echt“, zu jung. Gleichzeitig merke ich, wie die Gäste genau das anstarren. Mehrere Männer bestellen absichtlich bei mir, lassen die Finger länger an meiner Hand, kommentieren „Fresh little thing“ oder „You look so innocent, baby“.
Die Gedanken rasen. Bin ich hier, weil ich Geld brauche – oder weil ein Teil von mir die Blicke will? Die Kommentare unter dem Video kommen zurück: „tiny A-cup slut“, „pure and then takes it like a whore“. Ich hasse, dass sie in meinem Kopf hängen. Und ich hasse, dass sie etwas in mir auslösen.
Nach etwa zwei Stunden bekomme ich Pause. Ich gehe auf die Mitarbeiter-Toilette, schließe ab und atme aus. Das Handy vibriert.
Jamal: [Bild]
Ein Dickpic. Sein Schwanz, hart, aus der gleichen Perspektive wie in der Hotel-Nacht. Die Nachricht darunter: „Denk an gestern, kleine Bitch.“
Ich will mich ekeln. Ich versuche es. Aber der Ekel kommt nicht richtig. Stattdessen spüre ich Wärme zwischen den Beinen und diesen vertrauten, beschämenden Schlag im Bauch. Ich starre länger auf das Bild, als ich sollte. Dann, impulsiv, ziehe ich das Bikini-Top hoch, halte das Handy vor mich und mache ein Foto: meine nackten, kleinen Brüste, der flache Bauch, die Zunge herausgestreckt, der Blick direkt in die Kamera. Die Beleuchtung der Toilette ist hart. Ich sehe verwegen und unsicher zugleich aus. Bevor ich es mir anders überlegen kann, schicke ich es.
Die Antwort kommt innerhalb einer Minute:
Jamal: Fuck. Genau so. Behalt die Zunge raus, wenn wir uns wiedersehen.
Ich ziehe das Top wieder runter, wasche mir die Hände und gehe zurück an die Arbeit. Der Rest der Schicht ist ein Wirbel aus Tabletts, Blicken, Trinkgeld und lauter Musik. Die Stripperinnen wechseln sich ab. Eine mit besonders großen, runden Brüsten tanzt direkt vor einer Gruppe und lässt sich Scheine in den String stecken. Ich beobachte, wie selbstverständlich sie ihren Körper einsetzt – und wie fremd mir das immer noch vorkommt. Gleichzeitig merke ich, dass ich mich an die Blicke gewöhne. Manche Gäste lassen die Hand „aus Versehen“ an meinem Oberschenkel oder Po entlang, wenn ich vorbeigehe. Ich sage nichts. Das Trinkgeld wird besser.
Gegen Mitternacht endet meine Schicht. Sarah zählt mein Trinkgeld: über 280 Dollar für einen Nachmittag und Abend. „Nicht schlecht für den ersten Tag. Komm morgen wieder, gleiche Zeit.“
Liz holt mich ab. Im Auto fragt sie nur: „Und?“ Ich zucke mit den Schultern. „Viel Trinkgeld. Viele Blicke. Die anderen Frauen… sehen alle anders aus als ich.“ Liz lacht leise. „Deshalb nehmen sie dich. Du bist der Kontrast.“
Zurück im Van dusche ich lange. Der Bikini liegt zerknittert auf dem Boden. Ich ziehe einen der grellen Tangas an und setze mich auf die Matratze. Das Handy leuchtet.
Jamal: Hättest du Lust, nochmal ein Video zu drehen? Dieses Mal mit Maske auf, damit du anonym bleibst. Kein Gesicht, nur der Rest. Ich zahl gut. Und du behältst die Kontrolle.
Ich starre auf die Nachricht. Die Maske. Anonym. Bezahlt. Die Erinnerung an die Kommentare, an das Würgen, an den Kuss mit Liz und dem vermischten Geschmack kommt sofort zurück. Die Angst ist da. Die Scham auch. Aber darunter liegt diese Unruhe, die seit Tagen nicht mehr weggeht – die Neugier, wie weit ich gehen kann, wenn niemand mein Gesicht sieht.
Ich antworte nicht sofort. Stattdessen lege ich mich hin, das Licht aus, und höre die Wellen in der Ferne. Der pinke Van fühlt sich plötzlich kleiner an. Und größer zugleich.
Morgen ist wieder Schicht. Und irgendwann muss ich Jamal antworten.
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