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Chapter 2
by
Meister U
Worum geht es?
Schlepplift
Die Flocken fallen so dicht und lautlos, dass sie jeden Laut verschlucken. Mein Atem steht als kleine Wolke vor meinem Gesicht, ich sehe sie, bevor ich sie spüre – kalte Lippen, warmer Hauch. Der Schnee knirscht unter meinen Skischuhen, ein sanftes, regelmäßiges Geräusch, das einzige hier oben. Die Bäume am Rand der Piste tragen weiße Hauben, sie neigen sich leicht, als würden sie schlafen. Als würde das ganze Tal schlafen.
Ich schiebe mich mit den Stöcken vorwärts. Vor mir liegt die Spur, mit frischem Schnee bedeckt, wie unberührt, eine glatte, weiße Bahn, die sich zwischen den Lärchen hindurchschlängelt. Keine Menschen. Keine Stimmen. Nur ich und dieser Lift, der ganz hinten, im letzten Winkel des Skigebiets, sein endloses Band zieht.
Mein Herz klopft ein bisschen schneller, als ich mich in die Spur einreihe. Die Bügel kommen in gleichmäßigem Takt, sie schwingen leicht im Wind, der hier oben ein wenig stärker zieht. Ich warte. Der nächste. Meine Hände umfassen die kalte, glatte Stange, ich ziehe sie zu mir heran, setze mich in die Haltung, die ich tausendmal gemacht habe. Der Teller stößt gegen meine Rückseite, ich lasse mich nach hinten sinken, spüre den Druck des Plastiks genau dort, wo mein Körper weich wird. Die Stange gleitet zwischen meine Beine, ich schließe sie leicht, um sie zu halten.
Ein Ruck. Das Seil spannt sich, nimmt mich mit. Ich gleite an.
Unter mir zieht die präparierte Piste davon, makellos weiß. Vor mir die schmale Schneise, die Bäume rechts und links wie stumme Wächter. Die einzigen Geräusche jetzt: das leise Surren der Rolle über mir, das Zischen der Skier auf dem Neuschnee. Und dann, ganz zart, spüre ich es.
Ein Zittern. Es beginnt tief unten, dort, wo die Stange auf dem Teller aufliegt. Die Vibration des Seils, die sich durch das Metall, durch den Kunststoff, durch meine Kleidung überträgt. Ein feines, gleichmäßiges Beben, das ich zuerst nur wahrnehme, ohne es einzuordnen. Ein Summen. Es wandert durch mich hindurch.
Ich atme aus, ein langer, weißer Faden verliert sich in der Luft. Die Flocken landen auf meinen Wimpern, auf meinen Wangen, kalte, zarte Küsse. Ich schließe die Augen für einen Moment und lasse mich tragen. Der Lift zieht mich den Berg hinauf, ein sanfter, unaufhörlicher Sog. Und dieses Vibrieren bleibt, wird intensiver, je weiter wir uns von der Station entfernen, je stärker das Seil schwingt.
Ich spüre es genau dort, wo der Druck der Stange einen festen Punkt in meinem Körper markiert. Ein Puls, ein feines Kribbeln, das sich ausbreitet, eine Wärme, die sich langsam in mir ausdehnt. Ich öffne die Augen, starre auf die weiße Spur, die unter meinen Skiern weggleitet. Mein Puls antwortet auf die Schwingung des Seils. Jeder Muskel in mir ist weich, entspannt, ich hänge in dieser Umarmung aus Stahl und Plastik und lasse es geschehen.
Das Zittern sickert tiefer. Es findet einen Resonanzboden in mir, einen Ort, der darauf wartet, zum Schwingen gebracht zu werden. Ich spüre, wie es mich erfüllt, wie es sich von diesem einen Punkt aus in Wellen durch mein Becken, meinen Bauch, meine Wirbelsäule ausbreitet. Ein stiller, innerlicher Ton, der nur für mich klingt. Die Kälte um mich herum, die Wärme in mir – eine seltsame, süße Spannung.
Dann verändert sich der Zug. Der Lift schleift mich durch eine kleine Kuhle, und plötzlich steigt der Hang vor mir steiler an. Mein Gewicht verlagert sich nach hinten, ich sinke tiefer in den Bügel. Die Stange rutscht ein kleines Stück nach oben, findet einen neuen Platz. Nicht mehr nur sanfter Druck, sondern etwas Genaueres. Etwas, das mich innehalten lässt.
Ich spüre ihn jetzt genau dort, wo ich ihn am intensivsten spüren kann.
Das Vibrieren wird stärker. Das Seil arbeitet härter, muss mehr ziehen, der steilere Hang fordert seinen Tribut. Die Schwingungen werden grober, ungestümer, verlieren ihre gleichmäßige Zartheit und bekommen etwas Drängendes. Etwas, das nicht aufhört zu suchen.
Ich beiße mir auf die Unterlippe. Meine Augen sind halb geschlossen, ich sehe nur verschwommene Schneekonturen, weiße Schleier. Der Teller presst sich gegen mich, das Rattern der Bügel über die Stützen überträgt sich direkt in meinen Körper. Ein stärkerer Ruck lässt mich erschauern, ein tiefes, warmes Ziehen breitet sich aus. Ich spüre, wie mein Becken sich fast unmerklich gegen den Druck stemmt, wie ich mich dem Vibrieren entgegenwölbe, es suche, es brauche.
Die Kälte um mich herum existiert nicht mehr. Nur dieses eine Zentrum, das glüht, das pulsiert im Takt des Seils. Jeder Muskel in mir ist angespannt und gleichzeitig völlig weich. Mein Atem geht schneller, kleine, weiße Wölkchen, die hastiger werden. Ich öffne den Mund, sauge die kalte Luft ein, aber sie kühlt mich nicht. Nichts kühlt mich.
Die Flocken fallen auf meine heißen Wangen und schmelzen sofort. Ich spüre jeden einzelnen wie einen winzigen Schock, der meine Haut noch empfindlicher macht. Die Vibration wandert jetzt durch mich, ein tiefer, summender Ton, der in meinem ganzen Körper widerhallt. Er sammelt sich, baut sich auf, wird zu einem Druck, der nach außen will.
Ich presse die Schenkel leicht zusammen, versuche, die Empfindung zu halten, sie zu vertiefen. Der Lift zieht unaufhörlich weiter. Die Schwingungen werden schneller, unregelmäßiger. Und jede Schwankung, jeder kleine Ruck trifft mich genau dort, genau jetzt.
Ich spüre, wie es kommt. Wie die Welle sich auftürmt, wie jeder Nerv in mir zum Zerreißen gespannt ist. Die Stille um mich herum wird ohrenbetäubend, nur das Summen in mir, das Dröhnen meines Blutes. Die Bäume verschwimmen zu weißen Schatten. Der Himmel über mir ist ein einziges Fallen von Flocken, unendlich, sanft – und ich, ich bin das Gegenteil von sanft.
Ein tiefes, stilles Beben, das mich ganz ausfüllt, das mich schüttelt von innen. Ich presse die Lippen zusammen, unterdrücke jeden Laut, aber ein leises, ersticktes Seufzen entkommt mir doch, verliert sich sofort im fallenden Schnee. Mein Körper zittert, wellenförmig, lange nachdem die Vibration des Seils schon weitergezogen ist. Ich hänge im Bügel, atemlos, mit weit offenen Augen, starre in das weiße Nichts.
Die Stille kehrt zurück. Nur das leise Surren der Rolle, das Gleiten der Skier im frischen Schnee. Die Vibration ist wieder sanft, gleichmäßig. Ein Nachhall, ein Echo dessen, was gerade war. Ich spüre ein Lächeln auf meinen kalten Lippen. Ein warmes, tiefes Glücksgefühl durchströmt mich, während der Lift mich weiterträgt, höher hinauf, in die weiße, lautlose Welt.
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