What's next?
ein paar Wochen später
Mit dieser Ahnung im Hinterkopf vergingen die nächsten Wochenenden. Anfangs zählte ich noch jeden Fehler, jedes falsche Wort, jeden Moment, in dem ich mich fehl am Platz fühlte. Doch mit jedem Dienst wurden die Wege kürzer, die Bewegungen sicherer und die Nächte vertrauter. Zwischen Vorlesungen, U-Bahn-Fahrten und langen Schichten fand ich langsam meinen eigenen Rhythmus. Ich war in Berlin angekommen – zumindest redete ich mir das ein. Denn manchmal beginnt eine Geschichte genau dort, wo man glaubt, alles im Griff zu haben.
Unter der Woche versuchte ich, die Studentin zu sein, die ich mir immer vorgestellt hatte. Ich saß in Vorlesungssälen, schrieb hastig mit, markierte Begriffe in meinen Unterlagen und tat so, als hätte ich verstanden, was alle anderen scheinbar mühelos begriffen. Besonders in Anatomie merkte ich schnell, dass Ehrgeiz allein nicht ausreichte. Die Stoffmenge war gewaltig, und manchmal starrte ich abends so lange auf meine Bücher, bis die Buchstaben vor meinen Augen verschwammen.
An den Wochenenden dagegen betrat ich eine andere Welt. Dort zählten keine lateinischen Fachbegriffe, keine Prüfungspläne und keine stillen Bibliotheken. Dort zählten Aufmerksamkeit, Schnelligkeit und die Fähigkeit, freundlich zu bleiben, auch wenn einem längst nicht mehr danach war. Anfangs empfand ich diesen Wechsel als Widerspruch. Später begriff ich, dass beide Welten etwas von mir verlangten, das ich erst lernen musste: Ausdauer.
Cora bemerkte früher als ich selbst, wie sehr mich dieser Spagat erschöpfte. Eines Nachts, als wir nach Ladenschluss die Gläser polierten und der Chef im Hinterzimmer telefonierte, stellte sie mir eine Tasse Kaffee hin. „Du denkst zu viel“, sagte sie, ohne mich anzusehen. Ich lachte leise, weil ich nicht wusste, was ich darauf antworten sollte. Cora war vielleicht nur wenige Jahre älter als ich, aber sie wirkte, als hätte sie schon längst verstanden, wie diese Stadt funktionierte.
„Berlin fragt nicht, ob du bereit bist“, sagte sie schließlich. „Berlin macht einfach weiter.“ Der Satz blieb mir im Kopf, während ich später durch die kalte Nacht nach Hause ging. Die Straßen glänzten vom Regen, die Laternen spiegelten sich in den Pfützen, und irgendwo fuhr eine Bahn quietschend um die Kurve. Zum ersten Mal fühlte sich die Stadt nicht nur groß und fremd an, sondern wachsam, beinahe lebendig, als würde sie prüfen, was ich aus mir machen würde.
Am Montagmorgen kam ich zu spät zur Vorlesung. Mein Wecker hatte geklingelt, doch ich musste ihn im Halbschlaf ausgeschaltet haben. Als ich den Hörsaal betrat, drehten sich einige Köpfe zu mir um. Ich setzte mich in die letzte Reihe, zog mein Notizbuch hervor und versuchte, unauffällig zu atmen. Vor mir erklärte der Professor etwas über Zellgewebe, aber meine Gedanken hingen noch an der Nacht, an Coras Satz und an dem Gefühl, dass ich mich irgendwo zwischen zwei Leben befand.
In der Pause sprach mich ein Kommilitone an, den ich bisher nur vom Sehen kannte. Er hieß Jonas, trug seine Unterlagen immer ordentlich in einer Mappe und hatte diese ruhige Art, die Menschen haben, die nie zu spät kommen. „Du siehst müde aus“, sagte er. Es klang nicht vorwurfsvoll, eher vorsichtig. Ich wollte abwehren, irgendetwas Belangloses sagen, doch stattdessen nickte ich nur. Vielleicht war es die Müdigkeit, vielleicht die fremde Stadt, vielleicht auch der Wunsch, endlich nicht mehr alles allein tragen zu müssen.
Wir gingen zusammen einen Kaffee trinken. Jonas erzählte von seinem ersten Semester, von seiner Angst vor der ersten Prüfung und davon, dass er manchmal daran zweifelte, ob er wirklich hierhergehörte. Ich hörte ihm zu und merkte, wie erleichternd es war, dass jemand anderes dieselben Fragen kannte. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft in Berlin hatte ich nicht das Gefühl, mich erklären zu müssen.
Doch gerade als sich etwas in mir beruhigte, vibrierte mein Handy. Eine Nachricht vom Chef erschien auf dem Display: Ob ich am Abend kurzfristig einspringen könne. Ich starrte auf den Bildschirm, während Jonas noch sprach. In meinem Kalender stand längst eine Lerngruppe, und am nächsten Morgen wartete ein Testat. Trotzdem wusste ich, dass ich das Geld brauchte. Für einen Augenblick schien alles still zu werden: der Lärm der Mensa, Jonas’ Stimme, das Klappern der Tassen. Dann begriff ich, dass ich mich entscheiden musste.
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