What's next?
Spiegelbilder
Der Nachmittagsklick des Haustürschlosses fühlte sich an wie das Zuschnappen einer weiteren Falle. In meinem Rucksack lagen Emmas bekritzelte Notizen, in meiner Leiste pulsierte der gewohnte Druck des Harzes, und in meiner Banking-App stand die frische Abbuchung von knapp achtzehn Euro. Es brachte mein Konto natürlich nicht ins Minus – mein Vater zahlte pünktlich und nicht zu knapp –, aber jeder Cent schmerzte mich im Stolz. Ich hasste es, mein hart erspartes Taschengeld für Emma und ihren Freund zu verpulvern. Und doch… während ich die Treppen hinaufgestiegen war, hatte sich genau bei diesem Gedanken eine dunkle, beschämende Hitze in meinem Bauch ausgebreitet. Das Wissen, dass ich sie ausgehalten hatte, dass mein Geld ihren Frappuccino bezahlt hatte, ließ mich innerlich fast kribbeln.
Loona saß am Esstisch. Vor ihr standen ihr Laptop und ein Glas kaltes Wasser mit einer Scheibe Zitrone. Sie trug eine schlichte schwarze Stoffhose und ein enges weißes Oberteil, die Haare akkurat nach hinten gesteckt. Das Bild purer, strukturierter Perfektion.
„Schuhe aus, Tasche weg, herkommen“, sagte sie, ohne den Blick vom Bildschirm zu heben. Ihre Stimme klang nicht streng, sondern getragen von jener ruhigen Selbstverständlichkeit, die jeden Widerspruch im Keim erstickte.
Ich zog die Sneakers ab, stellte den Rucksack an die Wand und trat mit leicht gesenktem Kopf an den Tisch.
„Handy entsperren und hinlegen“, befahl sie beiläufig.
Ich tat es. Mit geübten Fingern wischte sie über das Display, öffnete meine Banking-App und glich die Buchung im Bistro ab. Ein winziges, amüsiertes Schmunzeln glitt über ihre Lippen.
„Siebzehn Euro und achtzig Cent“, murmelte sie zufrieden. „Emma hat mir schon geschrieben. Sie war sehr angetan von deiner Zuvorkommenheit. Sie meinte, du hättest nicht einmal mit der Wimper gezuckt.“ Sie sah auf, ihre dunklen Augen fixierten mich prüfend. „Du bist also doch lernfähig, John.“
„Sie hat mir ihre Erdkunde-Notizen gegeben“, brachte ich hervor. „Vier Seiten. Ich soll sie abtippen und strukturieren.“
„Sehr gut. Pass wenigstens auf, dass keine Fehler drin sind“, sagte sie, griff nach meinem Handgelenk und überprüfte beiläufig den Puls auf der Apple Watch. Ein dünnes Lächeln stahl sich auf ihre Züge. „Etwas aufgeregt, hm? Setz dich.“
Ich ließ mich vorsichtig auf den Stuhl neben sie sinken. Das Harzgehäuse spannte hart gegen mein Fleisch, sodass ich unwillkürlich die Beine eng zusammenpressen musste.
Loona drehte den Laptop ein Stück zu mir herüber. Auf dem Bildschirm war das Dashboard ihres X-Accounts geöffnet – der Kanal, über den sie seit Monaten devote Zahler dirigierte. Das Postfach quoll über vor Nachrichten.
„Zeit für die Abendroutine“, sagte sie und lehnte sich zurück, sodass ihre Schulter ganz leicht die meine streifte. „Drei offene Anfragen. Beantworte sie. Du weißt, wie der Tonfall sein muss.“
„Kühl. Distanziert. Fordernd“, wiederholte ich mechanisch.
„Genau. Kein Danke, keine Ausreden.“ Sie deutete mit der Fingerspitze auf die oberste Nachricht. Ein Nutzer namens Marcus_sub bettelte darum, ihr fünfzig Euro für ihren nächsten Kaffeebesuch senden zu dürfen.
Meine Finger lagen auf der Tastatur. Ich tippte die Antwort, spürte ihren Blick wie ein Brennen auf meiner Haut: 50 reichen nicht für meine Zeit. Schick 100 oder verpiss dich.
Loona lachte leise auf – ein kehliges, zufriedenes Geräusch. „Perfekt.“
Dann wanderte ihre Hand ganz langsam auf meinen Oberschenkel. Ihre Fingerspitzen glitten über den Stoff der Jeans, zentimeterweise nach oben, bis ihre Nägel sanft über die feste Wölbung strichen, genau dort, wo das Gehäuse saß. Ich zuckte leicht zusammen. Der Stoff spannte sich bereits verräterisch, getrieben von den verbotenen Gedanken der letzten Stunde.
„Siehst du die Ironie darin eigentlich, John?“, hauchte sie mir ins Ohr.
Ich hielt den Atem an. Meine Finger erstarrten über den Tasten.
„Hier sitzt du und tippst Absagen an erwachsene Männer, die darum betteln, ihr Geld an mich loszuwerden. Du hältst sie im Stillen für erbärmlich, nicht wahr? Für rückgratlose Verlierer, die für ein Krümelchen Aufmerksamkeit zahlen.“
Ihre Finger legten sich um den Ansatz des Plastiks, übten einen leichten, kontrollierten Druck aus, der mich leise keuchen ließ. Die Kombination aus Schmerz und der dumpfen Erregung war kaum zu ertragen.
„Und heute Morgen auf dem Schulhof? Da hast du dein eigenes Taschengeld geopfert. Du hast dich innerlich gewehrt, du wolltest es nicht hergeben… und trotzdem hat es dich angemacht, stimmt’s? Der Gedanke, dass Emma deinen Kaffee trinkt, den du bezahlt hast. Dass du ihr kleiner, nützlicher Zahler bist.“
Die Worte trafen mich mit schneidender Präzision. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, während mir die Hitze bis in die Haarspitzen schoss. Sie las mich wie ein offenes Buch.
„Du bist keinen Deut anders als die Männer in meinen DMs, Kleiner“, flüsterte sie mit samtener Grausamkeit, während ihre Finger das Plastik noch ein Stück fester fassten. „Nur dass du nicht hinter einem Bildschirm hockst. Du stehst direkt vor ihr. Und du zahlst weiter.“
„Loona…“, stieß ich mühsam hervor.
„Gib es zu“, forderte sie leise. „Es gefällt dir doch, für sie zu blechen.“
„Ja…“, flüsterte ich, den Blick beschämt auf die Tastatur geheftet. Die Wahrheit schnürte mir die Kehle zu.
„Braver Junge“, säuselte sie, lockerte ihren Griff und strich mir fast fürsorglich über die Wange. „Mach die Nachrichten fertig. Und danach setzt du dich an Emmas Notizen. Ich will, dass das morgen früh absolut makellos aussieht.“
Sie stand auf, goss sich noch einen Schluck Wasser ein und sah von oben herab auf mich, wie eine Königin auf ihr persönliches Projekt.
„Und nachher… vor dem Schlafen… machen wir die Sichtprüfung. Ich will sehen, wie sehr dich dein kleiner Ausflug heute angestrengt hat.“
Mit zittrigen Händen tippte ich weiter, während das Netz aus Zwang, Geld und dunkler Faszination immer dichter um mich zusammenwuchs.
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