Lukas - Es wäre so einfach

Lukas - Es wäre so einfach

Er weiß, wie es endet. Und beginnt trotzdem.

Chapter 1 by Papas_Liebling Papas_Liebling

Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Lukas trug die letzte Umzugskiste von seinem Kombi zur Hintertür. Es waren nur wenige Schritte und bisher war alles wie geplant verlaufen. Und doch hielt er kurz inne. Sah sich um.

Es war kein Geräusch, kein klarer Grund. Mehr ein Gefühl.

Da, an der niedrigen Hecke zum Nachbargrundstück, stand eine Frau. Vielleicht Mitte, Ende dreißig. Rotbraune, mittellange Haare, zerzaust vom Schlaf. Den Morgenmantel hielt sie gegen die Kühle des Morgens vorne fest geschlossen.

„Hallo, neuer Nachbar!“

Ihre Stimme klang freundlich, ihr Lächeln unangestrengt. Eigentlich war es zu früh für Höflichkeit, und gerade deswegen wirkte es ehrlich.

Lukas blieb stehen.

Er hätte auch einfach weitergehen können. Zwei weitere Schritte, die Tür hinter sich schließen, und er wäre verschwunden.

Er wollte nichts Kompliziertes mehr.

Stattdessen setzte er die Kiste ab.

Er schaute sie an, bewegte sich nicht. Nur einen kurzen Moment, aber lange genug, um zu einem Entschluss zu kommen.

Der Impuls war da. Es wäre so einfach. So wie tausend Male zuvor.

Ein Gedanke – und sie würde sich umdrehen und ihn nicht mehr ****.

Er knirschte mit den Zähnen. Nein, er wollte das nicht mehr.

Er hatte es sich geschworen.

Seine Vergangenheit lag hinter ihm. Hier kannte ihn niemand, keiner wusste etwas über... all das. Es sollte sein Start in ein neues Leben sein.

Es dauerte einen Moment, bis sich seine Schultern entspannten. Er versuchte, eine freundliche, angemessen neugierige Miene aufzusetzen, wie es sich für jemanden gehörte, der Menschen kennenlernte, mit denen er zukünftig Tür an Tür leben würde.

Er ging gespielt fröhlich auf die Frau zu und streckte die Hand aus.

„Hallo. Ich bin Lukas.“ Er verschwieg seinen Nachnamen bewusst. „Schon so früh wach?“

„Hannah Bremer“, stellte sie sich vor. „Mein Mann arbeitet Frühschicht, da stehe ich immer mit ihm auf, um zusammen Kaffee zu ****. Sonst hätte ich gar nicht bemerkt, dass Sie heute einziehen.“

Sie hob fragend eine Augenbraue.

„Gerne, Du“, beantwortete er die unausgesprochene Frage.

Ihr Lächeln wurde breiter.

„Hannah“, wiederholte sie unnötigerweise. „Das ist ja eine ungewöhnlich frühe Uhrzeit für einen Umzug. Eine richtige Nacht- und Nebelaktion, als ob du auf der Flucht wärst.“

Sie zwinkerte ihm zu, um anzudeuten, dass dies ein Scherz sein sollte. Sie ahnte nicht, wie nah sie der Wahrheit gekommen war.

„Wir haben zwar mitbekommen, dass jemand einziehen würde. Aber der Makler wollte nicht sagen, wer es ist, als er das ‚Zu verkaufen‘-Schild abgemacht hat. Er meinte, ihr hättet nur telefonisch und per E-Mail Kontakt gehabt. Ich wusste nicht, dass sowas möglich ist. Wer kauft denn schon ein Haus, ohne es vorher besichtigt zu haben? Das hat mich richtig neugierig auf dich gemacht. Also, wenn du Lust auf einen Kaffee hast, in der Kanne ist noch was drin. Da redet es sich gemütlicher. Und ich kann jederzeit auch Frischen machen.“

Lukas hob eine Hand. Keine große Geste; gerade genug, um ihren Redefluss zu stoppen.

„Eigentlich gerne, aber ich hab da noch was…“ Er deutete mit dem Daumen über die Schulter.

„Ach, ja, wie dumm von mir. Du hast bestimmt eine Menge Arbeit, bis alles eingerichtet ist. Spätestens wenn der Umzugswagen kommt. Das in dem kleinen Auto kann ja kaum dein ganzer Hausrat gewesen sein.“

Lukas ging nicht darauf ein. Jedes weitere Wort barg die Gefahr, etwas zu verraten, was er lieber für sich behalten würde. Stattdessen wandte er sich halb um.

„Ich muss jetzt wirklich.“

„Natürlich. Lass dich nicht aufhalten. Aber das Angebot steht noch.“

Ihr Zwinkern wirkte nicht mehr ganz so unschuldig wie zu Beginn.

„Und wenn du irgendwas brauchst, du weißt, wo du mich findest.“

Als er die Tür hinter sich schloss, wusste er mit Sicherheit, dass sie ihm noch immer nachschaute, ohne dass er hinsehen musste.

Das würde schwierig werden.

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