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Chapter 47 by kleinehexe kleinehexe

What's next?

Zwischen Theorie und Praxis

Caroline überlegte einen Moment und blätterte in ihrem Notizblock eine Seite weiter. „Wie läuft das hier in der Praxis ab? Ich meine, wie kommen ihre Kunden zu ihnen und wie sieht dann ein typischer Termin bei Ihnen aus?“, fragte sie schließlich.

Bianca Winter hob leicht die Augenbrauen. „Typisch? Dieses Wort gibt es hier eigentlich nicht.“ Sie schwieg einen Moment, als würde sie überlegen, ob und wie viel sie erzählen wollte, bevor sie dann doch anfing. „Grundsätzlich beginnt es damit, dass sich ein neuer Klient über unsere Website bewirbt. Erst nach einem längeren Telefonat entscheide ich dann, ob ich ihn überhaupt einlade. Verstehen Sie das bitte nicht falsch, aber ich nehme nicht jeden. Diese Entscheidung ist immer individuell.“

Caroline blickte von ihren Notizen auf. „Und was sind ihre Kriterien dabei?“

Erneut lehnte sie sich ein wenig zurück und verschränkte die Hände locker im Schoß. „Zum einen meine persönlichen Erfahrungen, aber auch Grundsätze von mir.“ , begann sie ruhig. „Andererseits aber auch meine Einschätzung, ob ich ihm überhaupt geben kann, wonach er sucht.“ Sie machte eine kurze Pause und sah Caroline dabei direkt an. „Viele kommen mit falschen Vorstellungen. Die Abgabe von Macht und Kontrolle auf Zeit kann man nicht einfach kaufen wie eine schnelle Nummer im Bordell. Heute mit der einen, morgen mit der anderen. So funktioniert das nicht.“

Caroline runzelte leicht die Stirn und notierte sich ein paar Stichpunkte. „Okay, verstehe.“ Wobei ihr Blick dabei zeigte, dass sie eigentlich auf eine weiterführende Erklärung wartete. Ein kaum merkliches Lächeln legte sich auf die Lippen ihrer Gastgeberin aufgrund der Fragezeichen in ihren Augen.

„Es ist ein Spiel, das nur funktioniert, wenn beide Seiten es wollen und verstehen. Ja, ich übernehme die Kontrolle. Aber nur, weil sie mir freiwillig gegeben wird. Und ich trage in diesem Moment auch die Verantwortung dafür.“

Caroline nickte langsam. Das passte zu dem, was sie zuvor gesagt hatte. Kontrolle. Vertrauen. Struktur.

„Okay, aber wenn Sie sich dann doch für einen Klienten entschieden haben?“

„Dann folgt hier ein erstes Treffen“, erklärte sie weiter. „Nur ein Gespräch, ganz ohne Spiel. Wir reden und klären Erwartungen und Wünsche, aber auch die Grenzen. Manchmal reicht dieses Gespräch auch aus, um festzustellen, dass es doch nicht passt.“

„Und wenn doch?“, fragte sie neugierig nach.

„Dann halten wir das Ergebnis unseres Gesprächs in einem Vertrag fest.“ Sie stellte dies nüchtern einfach in den Raum und ließ ihre Worte einen Moment wirken. Noch bevor Caroline etwas fragen konnte, fuhr sie jedoch fort. „Er ist, wenn Sie so wollen, das Regelwerk für jede Sitzung. Die Absprachen darin über Tabus und Grenzen sind für beide Seiten immer verbindlich und dürfen niemals überschritten werden. Nebenbei ist er auch meine rechtliche Absicherung für die Dinge, die während der Sitzung passieren.“

Caroline blickte auf, nachdem sie ihre hastigen Notizen beendet hatte. „Okay, verstehe“, stellte sie kurz für sich fest. „Und wie sehen die Wünsche ihrer, wie sie sagen, Klienten aus? Was muss ich mir dabei vorstellen?“

„Pauschal kann man das nicht sagen. Jede Sitzung ist individuell angepasst auf den Klienten. Dies reicht von der Einrichtung des Zimmers über das Szenario des Rollenspiels bis hin zu den darin verwendeten Instrumenten und Praktiken. Ich sagte ja schon, typisch gibt es hier nicht. Einzig gleich ist immer nur der Kontrollverlust des Klienten mit der Abgabe seiner Selbstbestimmung in dieser Zeit. Letzteres ist für die meisten das Wichtigste.“

Caroline schrieb und dachte über ihre Worte nach. „Wo liegen ihre persönlichen Grenzen?“

„Hauptsächlich in den gewünschten Praktiken. Meine Rollenspiele sind geprägt von Dominanz. Ich liebe es, diese auszuleben, so wie meine Klienten es lieben, diese zu erfahren. Masochisten zum Beispiel, die nur **** suchen, um daraus Lust zu generieren, vermittle ich grundsätzlich weiter an Mistress Irina. Für mich sind diese Spiele nichts, aber sie ist eine Sadistin, die es liebt.“

„Dann sind Sie eine "schmerzfreie" Domina?“ Sofort biss sie sich auf die Zunge, aber es war zu spät. Insgeheim ärgerte sie sich, dass ihre vorlaute Art einmal wieder gesiegt hatte.

„Das haben Sie jetzt hineininterpretiert. **** ist ein adäquates Mittel zur Durchsetzung von Gehorsam oder bei Bestrafungen. Auch kann er durchaus mit sexuellen Praktiken einhergehen. Die meisten wollen dies sogar.“ Sie sah sie gelassen an und legte sofort nach. „Finden Sie nicht, dass ein kleiner **** auch normalem Sex mitunter guttun kann?“ Sie kniff die Augen bei ihren Worten leicht zusammen und fixierte Caroline mit ihrem Blick.

„Hmm ... also ... na ja.“ Noch während sie stammelte, suchte sie einen Ausweg aus der Situation und überlegte gleichzeitig, wie sie im Interview weiter vorgehen sollte. Aber Bianca kam ihr zuvor.

„Darf ich Ihnen auch eine Frage stellen?“

Caroline hob überrascht den Blick. „Ja, natürlich.“

„Warum interessiert Sie dieses Thema wirklich?“ Ihr Ton war dabei ruhig, aber direkt.

Caroline brauchte einen Moment, um sich zu sammeln. „Ich recherchiere über verschiedene Bereiche der Branche“, sagte sie schließlich. „Camgirls, Studios, Agenturen …“

Winter beobachtete sie dabei sehr genau. „Das habe ich schon verstanden. Aber das beantwortet meine Frage nicht.“

Caroline spürte, wie ihr Blick unwillkürlich zu ihrem Notizblock wanderte. „Ich denke, viele Menschen wissen nicht viel darüber“, sagte sie schließlich. „Das meiste ist nur Halbwissen, basierend auf Klischees.“

Winter nickte leicht. „Das stimmt.“ Ihr Blick blieb weiter auf Caroline ruhen. „Und Sie?“

Caroline runzelte leicht die Stirn. „Was meinen Sie?“

„Ihre Klischees?“

Caroline musste kurz über ihre Direktheit lachen. „Ganz ehrlich gesagt ... ein bisschen dunkler ... dramatischer vielleicht?“

„Das höre ich oft.“ Dabei lehnte sie sich etwas zurück und betrachtete Caroline mit einem Ausdruck, den diese nicht ganz einordnen konnte. „Sie sind sehr aufmerksam und wirken dabei übrigens sehr kontrolliert.“

Caroline blinzelte überrascht. „Wie bitte?“

„Sie sind den weiten Weg hierher gekommen und stellen sich dem Thema. Ihre Kollegen schicken solche Fragen meist nur per Mail und wollen das Interview dann am liebsten per Telefon oder Video führen.“

Sie hielt kurz inne und fuhr fort. „Ihre Körpersprache. Sie sitzen sehr aufrecht da. Ihr Notizblock liegt exakt parallel zur Tischkante. Und Sie beobachten alles. Ihre Augen sind hellwach.“

Caroline wunderte sich erst und merkte plötzlich, dass sie genau das tat.

„Das machen Menschen, die gewohnt sind, Situationen zu analysieren.“

Caroline musste lachen. „Das nennt man Journalismus.“

„Vielleicht.“ Dabei legte sie ihren Kopf leicht auf die Seite. „Aber es zeigt auch etwas anderes.“

Caroline hob eine Augenbraue und sah sie fragend an.

„Neugier!“ Ein kurzer Moment der Stille entstand. Caroline spürte wieder dieses leichte Kribbeln vom Anfang im Bauch. Dieser ruhige Eisblock ihr gegenüber hatte sie die ganze Zeit analysiert und die Situation jetzt irgendwie umgedreht. Ohne dass sie es richtig bemerkt hatte, war sie urplötzlich zum Inhalt des Gesprächs geworden und fragte sich, wohin dies führen würde. Dann deutete Bianca wieder auf den Notizblock. „Sie möchten es genau wissen?“

Caroline erwiderte entschlossen den Blick. „Das ist mein Job.“

„Natürlich.“ Es folgte ein kurzer Moment Stille. „Aber all die Klischees in ihrem Kopf sind nur blanke Theorie.“ Sie beugte sich ein kleines Stück nach vorne. „Sie denken in Bildern, die Sie irgendwo gesehen oder gelesen haben. Aber wirkliche eigene Erfahrungen haben keine damit.“

Es war keine Kritik von ihr, sondern nur eine Feststellung. Aber genau das machte es für sie so unangenehm präzise. „Das stimmt“, gab sie etwas leiser als vorher zurück.

Ein kurzer Moment entstand, in dem sich die Rollen jetzt zwischen ihnen verschoben. Bianca ließ sich wieder zurücksinken. „Wissen Sie … es gibt Dinge, über die man schreiben kann, weil man von ihnen gesprochen oder gelesen hat.“ Ihr Blick blieb ruhig auf Caroline gerichtet. „Aber wirklich verstehen tut man es erst, wenn man es erlebt hat.“

Caroline spürte, wie sich ihr Griff um ihren Stift leicht verstärkte. „Erlebt… im Sinne von beobachten?“, fragte sie vorsichtig.

„Klar, das wäre die sichere Variante, aber auch die distanziertere.“

Caroline hob leicht den Blick. „Und die andere?“

Bianca neigte ihren Kopf erneut. „Die andere wäre ehrlicher.“

Für einen Moment sagte keine von beiden etwas. Dann lehnte sich Caroline minimal zurück und **** sich zu einem sachlichen Ton. „Ich bin hier als Journalistin.“

„Das weiß ich“, erwiderte Bianca ruhig. „Und genau deshalb stelle ich diese Option überhaupt in den Raum.“

Caroline spürte, wie in ihr Neugier und Vorsicht miteinander rangen. „Als … Teil der Recherche?“, fragte sie schließlich.

„Als Erfahrung“, korrigierte Bianca Winter sanft. „Die Sie für sich einordnen können oder auch nicht.“ Wieder war da dieses kaum greifbare Lächeln. „Die Entscheidung liegt natürlich bei Ihnen.“

Caroline senkte kurz den Blick auf ihren Notizblock. Die Seite war zwar voll, doch plötzlich wirkten die geschriebenen Worte seltsam flach. Im Prinzip auch alles nur Theorie. Langsam hob sie den Kopf wieder. „Und wenn ich nein sage?“

„Dann bleibt es ein Interview“, antwortete Bianca ohne jede Wertung. „Ein gutes vielleicht. Aber eben nur das.“

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