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Chapter 17 by Papas_Liebling Papas_Liebling

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Das kleine Zimmer

Steve wartete im Flur, als Marie den Konferenzsaal verließ. „Ich bringe dich auf dein Zimmer.“

Es war kein höfliches Angebot, sondern die Feststellung einer Tatsache. Marie verstand, dass sie sich ohne ihn nicht außerhalb fest umrissener Grenzen bewegen konnte. Er war kein Leibwächter, der sie beschützen sollte, sondern ihr Bewacher, der verhindern musste, dass sie aus den ihr zugewiesenen Räumen und Wegen ausbrach. Sie nahm es schulterzuckend hin und folgte ihm zum Aufzug.

Das Gespräch mit Étienne hatte sie mehr aufgewühlt, als sie sich eingestehen wollte. Bis dahin hatte sie sich erhofft, dass ihre Kollegen aus der europäischen Delegation sie in ihrer Rolle bestärken würden. Sie müssten ja nicht gleich feministische Parolen skandieren und offensiv die Gleichberechtigung für alle Frauen in der US-Gesellschaft einfordern. Aber zumindest hätte sie sich gewünscht, nicht auf ihre Rolle als Frau reduziert zu werden. Ganz besonders nicht vom Delegationsleiter.

Nun musste sie erkennen, dass sie keine Hilfe erwarten konnte. Anstatt offensiv mehr Rechte für Frauen einzufordern, musste sie sich dagegen verteidigen, ihre bisherigen Freiheiten zu verlieren. Ihr direkter Vorgesetzter forderte von ihr, sich anzupassen. Wie weit sollte das gehen, wie viel Unabhängigkeit sollte sie aufgeben?

Vor der Tür zum Hotelzimmer suchte sie reflexhaft nach ihrer Schlüsselkarte, bis ihr einfiel, dass sie noch immer keine erhalten hatte.

„Ich mach’ das schon.“ Steves Stimme klang neutral, ohne Unterton. Und doch ging sie ihr unter die Haut.

Er hielt sein Handgelenk locker gegen den Leser und die Tür schwang nahezu lautlos auf. Mehr als alles andere bewies diese kleine Episode, dass sie nicht frei, sondern von ihm abhängig war. Was ihr unmöglich war, bewerkstelligte er mit einer beiläufigen Geste.

Selbstverständlich folgte er ihr dichtauf. Die Tür schloss sich automatisch hinter ihm. Das Zimmer war ohnehin nicht groß, nun wirkte es zu klein für zwei Menschen, die sich kaum kannten. Marie blieb stehen, um die Situation zu verstehen. Er ging einfach weiter, sah aus dem Fenster. Dann setzte er sich auf den Stuhl, auf dem er vermeintlich schon die letzte Nacht verbracht hatte. Alles wirkte routiniert, nichts zufällig.

Marie spürte, wie sich ihr Körper anspannte, als müsse er sich auf einen Kampf vorbereiten – oder auf eine Flucht.

Sie hob den Blick, schaute ihn an. Er schaute sie an. Ihre Augen trafen seine.

Etwas veränderte sich. Es war nicht sichtbar, aber Marie spürte es. Als hätte sich die Temperatur im Raum minimal erhöht. Zwischen Steve und ihr herrschte eine Spannung, die sich jederzeit in einem Lichtbogen entladen könnte.

Plötzlich verstand sie, was sie beunruhigte. Es war nicht die Sorge, dass sie sich anpassen und sich ihm unterwerfen müsste. Das Beängstigende war, dass sie seine Anwesenheit, seine Nähe akzeptieren konnte, ohne gegen ihn kämpfen zu müssen. Er war einfach da, stark, präsent, unwiderruflich. Normal.

Ihre Anspannung ebbte ab und andere, banale, ganz pragmatische Überlegungen schoben sich in den Vordergrund. Sie wollte duschen, sich umziehen, zu Bett gehen. Wie sollte das gehen?

„Bleibst du hier?“

„Ja.“ Knappe Antwort, keine Erklärung.

„Wie lange?“

„Solange, bis keine Gefahr mehr besteht.“

Stille kehrte ein. Marie wusste nicht, was sie noch fragen sollte.

Sie sah sich um, als wolle sie den Raum vermessen. Da war kein Platz, um sich aus dem Weg zu gehen. Die Badezimmertür bestand aus Glas, zwar mattiert, aber nicht blickdicht. Es gab keine Stelle, an der sie unbeobachtet wäre, wenn er blieb.

Sie fragte sich, ob sie protestieren sollte. Und ob er überhaupt verstehen könnte, dass sie sich unwohl fühlte, wenn er im Zimmer blieb. Steve war ein Mann, der nur seinen Job machte, professionell und aufmerksam. Sollte sie weniger professionell sein?

Sie meinte, Étiennes Stimme zu hören: Wir wollen den Amerikanern nicht unsere Moralvorstellungen aufzwingen. Und ja, dafür zahlen wir einen Preis.

War das der Preis, den sie zahlen musste, dass sie sich vor Steve auszog?

Marie knöpfte ihren Blazer auf und hing ihn auf einen Kleiderbügel. Auf der Bettkante sitzend, zog sie ihre Schuhe aus. Sie hielt inne und dachte nach. War es unprofessionell, sich für etwas zu schämen, das sie nicht ändern konnte? War es naiv, auf Privatsphäre zu hoffen, nach allem, was sie über dieses Land gelernt und erfahren hatte?

„Steve?“

Er sah sie an. Sofort. Hellwach.

„Ich werde duschen.“

„Ich bleibe hier.“ Der Satz klang ruhig, eindeutig und endgültig.

Sie nickte langsam. Sie stellte sich vor, wie es sich anfühlen würde, an ihm vorbei ins Bad zu gehen. Sich hinter der Glastür auszuziehen, während er wenige Schritte entfernt saß und sie zumindest in Umrissen sehen konnte. Wie es wäre, unter die Dusche zu gehen, das heiße Wasser auf ihre Haut prasseln zu lassen, während er es hörte und sein Blick unweigerlich davon angezogen wurde.

Sie stand auf und machte den ersten Schritt. In diesem Augenblick fragte sie sich, ob sie eine Grenze aufgab, die sie gestern noch verteidigt hätte. Müsste sie eigentlich Nein sagen?

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