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Chapter 10 by Meister U Meister U

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Liv schlug einen schmalen Pfad ein

Liv schlug einen schmalen Pfad ein, der vom Saunagelände direkt ans Ufer eines stillen Kanals führte. Das Wasser war schwarz wie Tinte, doch seine Oberfläche spiegelte einen Himmel wider, der nicht dunkel war, sondern in ein tiefes, melancholisches Blau getaucht, mit einem langsam verblassenden, blassgelben Streifen am nordwestlichen Horizont.

„Mittsommernacht war schon“, sagte Liv, als sie auf dem Kieselsteinweg neben dem Wasser entlanggingen. Sie hatte einen Pullover übergeworfen, ihr Haar hing noch feucht in Strähnen auf die Schultern. „Die Sonne geht unter, aber sie vergisst nie ganz. Sie schläft nur ein wenig. So, dass alles in einer Art… bleichenden Dämmerung bleibt.“

Sie hatte recht. Farben waren entsättigt, aber nicht verschwunden.

Sie gingen über eine der vielen Brücken, die Steine warm von der gespeicherten Tageshitze unter ihren Händen. Stockholm lag um sie herum, nicht schlafend, sondern in einem seltsamen, atmenden Halbschlaf. Die gelben Fassaden der Altstadt glühten im fahlen Licht wie altes Elfenbein. Die Laternen waren längst angegangen, wirkten aber überflüssig, ihre Strahlen verlor sich in der allgegenwärtigen Helligkeit.

„Siehst du?“ Liv blieb stehen, zeigte auf ein Café auf der anderen Kanalseite. Drinnen saßen zwei Menschen an einem Tisch, ihre Gesichter waren klar zu erkennen, obwohl es nach Mitternacht war. Sie redeten angeregt, gestikulierten. „Kein Gefühl der Heimlichkeit. Keine Dunkelheit, die Geheimnisse schluckt. Alles ist sichtbar, aber es fühlt sich nicht entlarvend an. Es fühlt sich… ausgesetzt an.“

Bernd sah zu. Es war unheimlich. In Berlin, in Hamburg, war Nacht ein Deckmantel. Ein Raum, in dem man anders wurde. Hier gab es diesen Raum nicht. Die Regeln waren anders.

„Das verändert die Dynamik“, murmelte er.

„Natürlich.“ Liv setzte ihren Weg fort. „Wenn es nicht wirklich dunkel wird, bleiben auch die Hemmungen wacher. Oder sie verwandeln sich. Man kann nicht in der anonymen Dunkelheit verschwinden. Man muss sich seinen Exzessen im bleichen Licht stellen.“

Sie führte ihn vom Wasser weg, in ein Viertel mit Jugendstilhäusern. Die Straßen waren fast leer. Eine Gruppe junger Leute kam lachend um die Ecke, ihre Stimmen klangen unnatürlich laut in der Stille. Eine Frau trug einen Blumenkranz im Haar, schon welk. Mittsommer-Vorbereitungen.

Liv beobachtete sie, bis sie um die nächste Ecke verschwunden waren. „Sie sind **** von der Nacht, die keine ist. Das gibt eine andere Art von Rausch. Nicht betäubend. Halluzinogen. Man glaubt, man kann alles tun, weil man alles sehen kann. Ein gefährlicher Irrglaube.“

Sie blieb vor einem Gebäude mit einer gewaltigen, dunklen Holztür stehen. „Hier wohnt eine Freundin von mir. Eine Malerin. Sie malt nur in dieser Zeit. Sie sagt, das Licht lügt nicht. Es enthüllt alles, aber ohne Urteil. Es ist das Licht der Objektivität.“ Liv legte eine Hand auf die kalte Tür. „Ich habe sie dabei beobachtet, wie sie Modelle malte. Nackt, in diesem Licht, das durch das Nordfenster fiel. Es war… klinisch. Und ungeheuer intim. Weil nichts versteckt war. Nicht einmal die Pinselstriche der Erschöpfung in ihren Gesichtern.“

Bernd lehnte sich gegen eine Hauswand, zog die frische, kühle Luft ein.

„Und du?“, fragte er. „Was machst du in diesem Licht?“

Liv drehte sich zu ihm um. In dem bleichen Blau wirkten ihre grau-grünen Augen fast transparent, wie zwei Stücke geschliffenes Glas. „Ich beobachte. Wie immer. Aber es ist einfacher. Die Schatten lügen nicht. Die Blicke der Menschen sind ermüdet von der langen Helligkeit, sie lassen ihre Maske eher fallen. Man sieht, was übrigbleibt, wenn der Körper glaubt, es sei Tag, aber die Gesellschaft sagt, es sei Nacht.“ Sie trat näher. „Wie fühlst du dich darin? Ausgesetzt?“

Er überlegte. „Frei“, sagte er schließlich. „Es gibt nichts zu verstecken, weil es nichts gibt, worin man sich verstecken könnte. Also muss man es aushalten. So wie die Hitze.“

Ein langsames, echtes Lächeln erschien auf Livs Gesicht. „Gut. Du verstehst. Stockholm wird dich nicht umhüllen. Es wird dich auslegen. Wie ein Präparat. Und wir…“ Sie machte eine weite Geste, die die leeren Straßen, die hell schimmernden Fenster, den blassen Himmel umfasste. „… wir werden in diesem permanenten Dämmerlicht leben. Unsere Experimente. Unsere Arrangements. Unsere… ****. Alles wird in dieser seltsamen Klarheit stattfinden.“

Sie begann wieder zu gehen, ihr Ziel nun klar: zurück zur Wohnung, zurück in ihre neu definierte Wirklichkeit.

Die Wohnungstür fiel hinter ihnen ins Schloss. Die vertraute Stille wurde sofort von einer heiseren, fröhlichen Frauenstimme aus dem Wohnzimmer durchbrochen.

„Liv! Är det du? Jag trodde du var ute och åt midnattssol med ditt…“

Ebba taumelte aus dem Wohnzimmer in den Flur. Sie trug einen kurzgerockten, seidenen Bademantel in Knallpink, der locker um ihre kurvige Figur hing und bei jeder Bewegung einen Blick auf ihre Oberschenkel freigab. Ihr dunkles Haar war zerzaust, ihr Gesicht gerötet, und in der Hand hielt sie ein halb leeres Glas Rotwein. Als sie Bernd sah, der hinter Liv stand, blieb sie mit einem kleinen Ruck stehen. Ihre braunen Augen wurden groß.

„Oj!“, platzte es aus ihr heraus. „Hej! Du måste vara… ja, vem är du? Liv sa inget om en… gäst.“ Ihr Blick wanderte neugierig und unverfroren von Bernds Haar zu seinen Schuhen.

„Ebba, das ist Bernd“, sagte Liv mit ihrer üblichen, sachlichen Stimme, während sie ihre Jacke aufhängte. „Bernd, das ist Ebba, meine andere Mitbewohnerin.“

„Bernd! Tysk, eller hur? Ich liebe Deutschland!“ Ebba strahlte, stellte ihr Glas auf den Flurtisch und streckte ihm eine Hand entgegen, bevor sie sich daran erinnerte, dass ihre Hände nass waren. Sie wischte sie an ihrem Bademantel ab. „Also, Willkommen! Du kommst ja mitten in die After-Party!“

Bernd schüttelte ihre Hand mit einem kurzen Nicken. „After-Party?“

„Ja! Toy-Party!“ Ebbas Augen funkelten vor Begeisterung. Sie war eine, die die Stimmung im Raum beherrschte, einfach durch pure Lautstärke und Präsenz. „Meine Freundin Elin arbeitet für diesen wunderbaren Online-Shop für erotische Spielzeuge, und sie hat heute eine Präsentation hier gemacht. Oh mein Gott, Liv, du hast was verpasst!“

Sie drehte sich zu Liv, völlig in ihrem Erzählfluss. „Wir waren zu fünft. Sara, Nina, Elin, Maja und ich. Wir haben alles ausprobiert! Diese neuen Vibratoren mit App-Steuerung – total verrückt! Und dieses Gleitgel, das auf Körperwärme reagiert und warm wird…“ Sie kicherte. „Maja war so neugierig, sie hat von allem zu viel genommen, die Kleine. Hat den stärksten Massagestab genommen und…“ Sie machte eine ausfahrende Geste mit der Hand und lachte laut. „Naja, du kennst Maja. Sie ist am Ende völlig weg gewesen. So süß.“

Liv hörte mit einer Mischung aus Geduld und distanzierter Amüsiertheit zu. Bernd lehnte sich an die Wand, beobachtete das lebhafte Spektakel.

„Klingt intensiv“, sagte Liv trocken.

„Intensiv? Es war gudomligt!“ Ebba seufzte theatralisch. „Wir haben gelacht, wir haben ausprobiert, wir haben geredet… so viel geredet. Über Technik, über Druckpunkte, über…“ Ihr Blick fiel wieder auf Bernd, und sie senkte ihre Stimme zu einem angeblichen Flüstern, das immer noch jeden Winkel erfüllte. „…über ob Männer überhaupt noch gebraucht werden, wenn die Technik so gut ist. Keine Offensive, Bernd!“

Sie lachte wieder, nahm einen Schluck Wein. Dann blinzelte sie. „Oh! Das erinnert mich. Maja. Die Arme war so müde – und ein bisschen zu voll –, dass sie nicht mehr nach Hause fahren konnte. Also habe ich sie ins Gästezimmer gelegt. Sie pennt bestimmt schon wie ein Stein.“

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