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Chapter 2 by Meister U Meister U

Wie geht es weiter?

Ailyn

Der Kunstunterricht war immer eine willkommene Insel der Ruhe für Ailyn. Hier musste man nicht viel reden, konnte sich in seine Arbeit vertiefen und wurde in Ruhe gelassen. Zumindest meistens. Sie saß an einem Tisch mit Zoe, der Einzigen, die sie als annähernd Freundin bezeichnen würde. Während Ailyn konzentriert an ihrer Zeichnung eines Adlerauges arbeitete, kramte Zoe in ihrer Federmappe.

„Ich hab’s doch hier irgendwo“, murmelte sie und zog schließlich ein kleines, durchsichtiges Plastikpäckchen hervor. Es war gefüllt mit bunten Silikonarmbändern, wie man sie überall auf dem Schulhof sah.

„Schau mal, die neuesten Farben. Die sind gerade total in.“ Zoe streute die Armbänder wie eine Schatzsammlung auf den Tisch.

Ailyn warf einen kurzen, unsicheren Blick darauf. „Die sind ja… bunt.“

„Bunt? Ailyn, das ist die Sprache!“ Zoe senkte ihre Stimme zu einem aufgeregten Flüstern. „Jede Farbe bedeutet was. Das hier“, sie hielt ein gelbes Armband hoch, „bedeutet Umarmung. Und das lila heißt Zungenkuss.“

Ailyn errötete. Sie hasste es, wie schnell sie rot anlief. Es verriet jedes Mal ihre Unsicherheit. „Das ist ja… komisch.“

„Wieso komisch? Das ist genial!“ Zoes Augen leuchteten mit einem Funken Hoffnung, den Ailyn selten darin sah. „Stell dir vor, man gehört einfach dazu. Jeder weiß, was man will. Oder was man bereit ist zu tun.“

„Und was, wenn man etwas nicht will?“, fragte Ailyn leise und starrte auf ihren Adler, als könnte er ihr die Antwort geben.

„Dann trägt man das Armband halt nicht. Ganz einfach.“ Zoe griff nach einem schwarzen Armband. Ihre Finger strich fast ehrfurchtsvoll darüber. „Das hier ist das Ultimative. Das bedeutet… na ja, alles.“

„Alles?“, Ailyns Stimme war nur noch ein Hauch.

„Ja. Ficken.“ Zoe sagte das Wort mit einer gewissen Feierlichkeit, als würde sie einen Schwur leisten. Dann wurde ihr Blick wieder unsicher. „Meinst du… meinst du, wenn ich das trage, würden mich die anderen dann endlich richtig beachten? Dass sie mich für cool halten?“

Ailyn wusste keine Antwort. In ihr brodelte es. Bei dem Wort „alles“ war etwas in ihr erwacht, etwas Dunkles und Warmes, das sie seit der letzten Party kannte. Beim Flaschendrehen. Als die Flasche auf sie gezeigt hatte und Tim gefordert hatte, dass sie ihm auf den Schoß sitzen muss. Sie hatte gezittert, hatte sich geschämt, aber tief in ihr hatte sich ein seltsames, aufregendes Gefühl der Machtlosigkeit ausgebreitet. Das Gefühl, **** zu haben. Die Entscheidung abzugeben. Es war beunruhigend und aufregend zugleich.

„Ich weiß nicht, Zoe“, murmelte sie. „Es klingt… gefährlich.“

„Ach was. Es ist nur ein Spiel. Ein bisschen Spaß.“ Zoe steckte sich das schwarze Armband demonstrativ ans Handgelenk. Es leuchtete scharf gegen ihre blasse Haut. Dann nahm sie ein zweites, ein durchsichtiges, und hielt es Ailyn hin. „Hier. Nimm das. Das ist für… besondere Fälle.“

Ailyn nahm zögernd das durchsichtige Armband. Es fühlte sich kühl und glatt an. ****. Das Wort jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Etwas, das so verboten war, dass man nicht einmal darüber sprach. Und doch… die Vorstellung, dass eine Regel, die größte Regel, gebrochen werden musste… Es war widerlich. Und doch, dieses tief verborgene Etwas in ihr reckte sich danach.

„Ich… ich trau mich nicht“, gestand sie und schloss ihre Hand um das Armband, als könnte es ihr Halt geben.

„Du musst dich ja zu nichts zwingen“, sagte Zoe, aber ihr Ton war nicht mehr ganz so überzeugt. Sie sehnte sich so sehr nach Zugehörigkeit, dass sie die Risiken ignorieren wollte. „Es ist nur ein Zeichen. Ein bisschen Mut, Ailyn. Vielleicht gefällt es dir ja.“

Ailyn blickte von dem durchsichtigen Armband in ihrer Hand zu dem schwarzen an Zoes Handgelenk. Sie fühlte sich, als stünde sie am Rande eines Abgrunds. Ein Teil von ihr, die schüchterne Ailyn, wollte weglaufen, sich verstecken. Der andere Teil, der verborgene, dunklere, flüsterte von der aufregenden Leere, die kam, wenn man die Kontrolle abgab. **** zu werden.

Ohne recht zu wissen, was sie tat, schob sie das durchsichtige Armband schnell ans linke Handgelenk, bevor sie ihren Mut wieder verlieren konnte. Es saß eng. Es fühlte sich fremd an.

Zoe lächelte sie ermutigend an. „Siehst du? Gar nicht so schlimm.“

What's next?

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