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Chapter 33
by
kleinehexe
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Wer hier herumläuft, der gehört dazu
Schon auf ihrem Weg über den Strich waren ihr die Blicke aus den vorbeifahrenden Autos nicht entgangen. Von Männern, wie sie das vorhandene Angebot prüften und verglichen. Es stand ihnen regelrecht ins Gesicht geschrieben, wie sie das Preis-Leistungs-Verhältnis abcheckten. Auch wenn sie sich in ihrer Go-Go-Zeit in den Diskotheken an so einiges an schrägen Blicken gewöhnt hatte, war dies hier neu. Noch nie zuvor hatte sie sich so erniedrigt gefühlt, allein nur durch die Art, wie die Männer sie betrachteten. Wie eine Ware, die jeder auf die Art, wie er sie wollte, haben konnte. Nur zahlen und benutzen.
Als würde es ihr helfen, sich zu überwinden, schluckte sie den Kloß in ihrem Hals herunter. Die Zigarette zitterte leicht zwischen ihren Fingern, als sie sich mit der Hand am Fensterrahmen der Familienkutsche abstützte und sich langsam zu dem geöffneten Fenster hinunterbeugte. Nicht freiwillig, nicht aus Interesse. Eher wie in einem aus ihrem Unterbewusstsein heraus gesteuerten Reflex. Wissend, dass gerade alles an dieser Szene falsch war, die hier wie in einer Endlosschleife immer wieder ablief. Aber jetzt war es sie selbst, die dieser ungeschriebenen Regel folgte.
Das Auto hält, hineinbeugen, sich anbieten und einsteigen. Ganz einfach. So hatte es zumindest in ihren Beobachtungen auf sie gewirkt. Aber war es wirklich so einfach?
Der markante Dunst eines Duftbaums, gepaart mit kaltem Rauch, quoll ihr aus dem Wageninneren entgegen, als sie ihn sah. Der Mann hinter dem Steuer, wahrscheinlich so um die 40 mit kantigem Gesicht, wirkte fast schon etwas bleich im spärlichen Licht. Zwischen seinen Lippen glomm eine Zigarette, die sein Gesicht nur unregelmäßig ausleuchtete. Genau in diesem Moment spürte sie es wieder. Sein Blick war weder neugierig noch lüstern oder gar feindselig. Er war einfach nur sachlich prüfend. Abwägend. Wie ein Metzger, der ein Stück Fleisch einschätzt, bevor er sich ihm widmet.
Es war keine normale Aufmerksamkeit, die er ihr schenkte. Sein Blick dachte in Kategorien: Preis, Leistung, Risiko. Mechanisch und emotionslos ließ er seinen Blick langsam über sie gleiten. Gesicht, Oberweite, Beine, Hüften, Haltung, Kleidung. Einfach alles, was ihm ins Auge fiel, wurde gemustert und mit irgendeinem Raster in seinem Hinterkopf abgeglichen. Ohne Respekt. Einfach nur Kalkül. Als wäre sie kein Mensch, sondern nur ein mögliches Angebot für ihn.
„Französisch komplett, wie viel?“ Seine Stimme war tief und erschreckend gleichgültig. Weder höflich noch unhöflich. Einfach nur Automatismus wie bei einer Frage an der Kasse im Supermarkt. Sofort spürte sie, wie ihr das Herz urplötzlich bis zum Hals schlug. Sie hätte den Kopf schütteln und einfach zurücktreten können, um weiterzugehen. Aber sie tat es nicht. Stattdessen beugte sie sich gegen jede Vernunft noch etwas weiter in den Wagen hinein. Vielleicht nur, um sicherzugehen, dass sie sich getäuscht hatte oder er sie wirklich so sah.
„Ich ... ich arbeite nicht hier“, stammelte sie leise.
Für einen Moment war es still. Dann hob er eine Augenbraue. Ein kleines Zucken seiner Mundwinkel, kaum wahrnehmbar, war seine erste Reaktion. Und dann kam dieses fiese Grinsen.
„Noch nicht!“, sagte er schon fast sanft zu ihr.
Es lag kein Spott in seiner Stimme bei diesen Worten. Nur eine furchtbare Gleichgültigkeit, die unterschwellig mitschwang. Als wäre auch bei ihr alles irgendwann nur eine Frage des Preises. Eine Prophezeiung für ihre Zukunft, basierend auf dem, was er in ihr sah. Sie spürte die Hitze der fast heruntergebrannten Zigarette an ihrem Finger. Ihr Blick war noch immer auf ihn gerichtet, gefangen zwischen der Erniedrigung und der Faszination für die Situation. Nicht seinetwegen, sondern wegen dessen, was sein Blick mit ihr machte und in ihr auslöste. Er hatte sie auf das Minimum reduziert, was in dieser Welt zählte: Aussehen, Leistung, Preis.
„Bis bald“, und damit startete er den Motor, während sie sich gleichzeitig instinktiv aus dem Inneren des Wagens zurückzog. Ohne weitere Worte fuhr die Scheibe surrend nach oben und trennte sie voneinander. Ihr Blick folgte dem Wagen, der sich langsam in Bewegung setzte und dem Straßenstrich weiter folgte. Innerlich aufgewühlt trat sie vom Straßenrand zurück. Was war das jetzt gerade?
Mit dem Versuch, das gerade Erlebte noch im Kopf zu verarbeiten, setzte sie sich langsam wieder in Bewegung. Wie konnte er nur? Nichts dabei denkend, sah sie die Statur einer Frau im Halbdunkel, welche sie zulief.
„Wenn Du noch überlegst, ob Du einsteigst, dann bist Du hier falsch, Süße“, sagte die Frau.
Ihre Worte trafen sie wie ein unerwartetes Licht frontal in der Dunkelheit. Einfach nur klar und direkt. Sie schien das Ganze beobachtet zu haben. Caroline blieb kurz vor ihr stehen und musterte sie. Sie war auf jeden Fall älter als sie. Eigentlich zu alt für diesen Ort und ihre jugendlichen Konkurrentinnen. Trotz des spärlichen Lichts strahlte sie eine gewisse Ruhe aus. Eine Gelassenheit, wie sie nur Menschen haben, die schon zu viel erlebt haben und die nichts mehr überraschen kann.
„Ich ... ich wollte nichts von dem ... mein Auto springt nicht mehr an“, stammelte sie aus ihrer plötzlich trocken gewordenen Kehle. Ein leises Lächeln erschien auf dem Gesicht der Frau. Nicht freundlich, nicht traurig, nur müde.
„Das ist denen egal. Die machen keinen Unterschied. Wer hier herumläuft, der gehört dazu“, kommentierte sie mit einem fast schon ermahnenden Kopfschütteln ihre Ausflüchte. Es folgten ein paar quälende Sekunden der Stille.
„Ich weiß nicht, was Du hier suchst“, fuhr die Frau fort „Aber sei vorsichtig, mit dem, was Du findest. „Manche Antworten kosten Dich vielleicht mehr, als Dir lieb ist.“
Caroline sah sie an und grübelte über ihre Worte. Sie spürte, dass sie sie durchschaut hatte.
„Mach ich.“ war ihre knappe Antwort, wobei auch ihr dabei ein Lächeln über die Lippen lief. Sie fühlte sich wie ein kleines Mädchen, das erst beim Dummheiten machen und dann auch noch beim Schwindeln erwischt wurde.
Als wolle sie sich von ihr verabschieden, nickte sie ihr noch einmal zu und ging weiter. Es war nicht mehr weit. Noch etwa 50 Meter, dann würde sie den Strich endlich verlassen. Dann hätte sie es überstanden. Sie würde diesen Ort hinter sich lassen. Mit jedem Schritt ließ sie die letzten Schatten der Industriebrache weiter hinter sich, wie jemand, der aus einem zu engen Raum trat. Langsam versank hinter ihr das verdreckte und versiffte Revier mit all seinem menschlichen Elend im Dunkel.
Still und friedlich lag die lange einsame Chaussee zurück zur Stadt vor ihr. Die funktionierenden Laternen wurden seltener und nur das Knirschen unter ihren Schritten auf dem Pflaster des schmalen Gehwegs begleitete sie jetzt. Froh darüber, es endlich hinter sich zu haben, lief sie trotzdem wie in einem Nebel. Kein Nebel, der in der Luft lag, sondern der in ihrem Kopf. Und mit jedem Schritt hallte die Stimme der Frau nach, mit ihrer Warnung.
„Wer hier herumläuft, der gehört dazu.“
Sie wusste nicht, ob dies stimmte.
Auch hatte sie keine Antwort darauf.
Noch nicht.
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