Tut Alex ihr den Gefallen?
Von wegen
Natürlich taten ihre Worte absolut nichts dazu, Alex' Vertrauen in Ishtar irgendwie zu vergrößern, eher im Gegenteil. Nicht nur, dass sie ihn quasi entführt und ausgepumpt hatte - wenn auch auf eine zugegeben sehr geile Art und Weise - sie wollte das auch noch vor Steffen verheimlichen, und spätestens da hörte es bei Alex auf. Auf Steffen konnte man sich verlassen, und dementsprechend war er auch gleich die erste Person, an die sich Alex wandte, als er zwei Stunden später wieder in der Villa war. Inzwischen hatte ihn Tom auch richtig versorgen können, und er hatte wieder etwas Farbe im Gesicht.
Aber besonders begeistert war er nicht, als Alex ihm schildern wollte, was passiert war. "Ishtar?" stieß er hervor. "Platinblond, kurvig, leicht exhibitionistisch veranlagt?"
"Genau die."
"Ach du Schande." Steffen verdrehte die Augen. "Lass die Finger von der, Roadie. Die bringt nur Ärger."
Alex grinste. "So ähnlich hätte ich sie jetzt auch eingeschätzt. Stell dir vor, die will uns beitreten."
Steffen lachte humorlos auf und geriet davon unvermittelt in einen Hustenanfall. "Will sie das", keuchte er, als er schließlich wieder zu Atem kam. "Na, so ein Zufall! Hat das mit ihrer Sekte also überraschenderweise also doch nicht geklappt?"
"Sekte?" Alex hob eine Augenbraue. "Von so was hat sie nichts erzählt."
"Das war aber mal ihr Ding", meinte Steffen. "Vor ein paar Jahren, als ich sie kennengelernt habe, da hatte sie eine Art Sexkult um sich aufgebaut, voll mit Leuten, die sie als 'Engel der Lust' verehrt haben. Ich hab damals versucht, sie für etwas nachhaltigere Dinge zu rekrutieren, aber daran war sie nie interessiert. Ihr ging's eigentlich immer nur darum, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, und wenn sie das nicht konnte, war's langweilig für sie."
Alex überlegte. "Das kann durchaus hinkommen, so wie ich sie erlebt hab. Sie hatte sogar zwei Zuschauer dabei, als sie mich bestiegen hat."
Steffen seufzte. "Und sie hat allen Ernstes drum gebeten, uns beitreten zu dürfen?"
"Klang zumindest ernst gemeint", nickte Alex. "Aber wenn du denkst, sie ist nichts-"
"Sie war nichts", korrigierte ihn Steffen. "Vielleicht hat sie sich in den letzten Jahren ja ein wenig, mh, verändert. Es kann heute nicht mehr so einfach sein, eine geheime Sex-Sekte aufrecht zu halten. Eventuell sind ihr die Anhänger davongelaufen."
Alex fiel in diesem Moment noch etwas ein. "Ach richtig, sie kennt übrigens auch Romy. Von der hat sie erfahren, wo sie mich finden kann."
Steffen verzog das Gesicht. "Uh. Sag das bitte nicht Pandora, sonst darf ich Romy zukünftig aus meiner Freundesliste streichen. Sie hat was gegen Leute, die über ihre Kontakte zu uns reden- Warte. Hat sie gesagt, woher sie sie kennt?"
"Sie meinte, sie wären Freundinnen gewesen", gab Alex zurück. "Ich hab allerdings nicht tiefer nachgebohrt."
"Wenn sie mit in dieser Sex-Sekte war-" Steffen überlegte, schüttelte dann aber den Kopf. "Na ja, egal jetzt. Ich red mit Romy, sobald ich wieder auf den Beinen bin. Und was Ishtar angeht..." Er sah nachdenklich vor sich hin. "Du hast eine E-Mail von ihr?"
Alex nickte. "Soll ich sie anschreiben?"
Aber Steffen schüttelte den Kopf. "Gib sie Pandora. Die soll ihr erst mal auf den Zahn fühlen."
"Zumindest mal ist sie keine totale Idiotin", meinte Pandora später am Abend vor Alex, Tom und Steffen, als die vier sich zusammen an seinem Krankenbett getroffen hatten. "Die E-Mail ist eine Weiterleitung auf eine Weiterleitung auf einen Proxy auf einen Darknet-Verteiler, und von da an kann ich sie auch nicht mehr weiter verfolgen. Zumindest nicht, ohne den Verteiler zu knacken, und dafür bräuchte ich optimistisch geschätzt ein paar Monate und so etwa zehntausend an Kohle, um mir die nötigen Tools zu besorgen. Und von Ishtar selbst finde ich auch nichts mehr, was jünger als zwei Jahre ist."
"Es gibt aber Spuren von ihr im Netz?" hakte Tom nach.
Pandora lachte. "Du findest ein paar Pornovideos aus der Zeit, als sie sich als eine Sexgöttin hat anbeten lassen. Da war sie allerdings clever genug, einen Helm zu tragen, der ihren Kopf komplett bedeckt. Sie daraus zu identifizieren ist bestimmt knifflig. Aber schon zu der Zeit hat sie drauf geachtet, keine Klarnamen oder Orte bekannt zu machen, an denen sie aufgetaucht ist. Ihre Jünger auf den Videos hingegen..." Sie wiegte den Kopf hin und her. "Die könnte man bestimmt aufspüren, wenn man sich die Mühe macht. Aber von den ganzen anderen Sachen her glaube ich nicht, dass sie ausgerechnet so eine Schwachstelle offen lassen würde. Ich glaube, sie versteht was von Geheimhaltung."
Alex überlegte. "Ehe wir uns ganz auf sie einlassen, sollten wir sie vielleicht erst mal testen. Für sie war es anscheinend völlig in Ordnung, mich mit ihren Kräften zu verführen, um in Ruhe mit mir reden zu können. Ich bin eigentlich ganz froh, in den letzten Monaten mal nicht anderen Leuten erklären zu müssen, dass ich gerne selbst entscheide, was ich tue und wohin ich gehe und ich nicht gerne zu irgendwas gezwungen werde."
"Ja, das ist ein guter Punkt", stimmte Tom zu. "Ich möchte auch nicht bei einem Neuzugang irgendwelche Viktor-und-Jessie-Situationen erleben müssen. Steffen, du kennst sie wohl am längsten von uns. Können wir dieser Ishtar so weit trauen, dass sie nicht einfach versucht, hier die Kontrolle über uns alle zu bekommen?"
"Ich hab sie als eine ziemliche Narzisstin und Egomanin kennengelernt", gab Steffen zurück, "aber ihr war es viel wichtiger, von allen bewundert zu werden, als dass alles nach ihrer Pfeife tanzt. Die Leute in ihrer Sekte damals waren auch wirklich davon überzeugt, dass sie was Tolles ist; das war nicht einfach nur Gehirnwäsche. Wenn jemand nicht wollte, hat sie ihn in Ruhe gelassen und sich leichteren Zielen zugewandt. Vor allen Dingen hätte sie damals aber mit Sicherheit nie so offen danach gefragt, sich jemand anderem anzuschließen. Die Ishtar von vor ein paar Jahren hätte versucht, Roadie für ihr eigenes Ding zu rekrutieren. Irgendwas hat sich also bei ihr in der Zwischenzeit geändert."
Tom dachte darüber einen Moment nach. "Und wenn das einfach nur gespielt war? Wenn sie Alex was vorgemacht hat, um hier reinzukommen?"
Steffen schüttelte den Kopf. "Dann hätte sie immer noch das Problem, dass ihre Verführungskräfte nicht bei Frauen funktionieren. Beziehungsweise, bei weiblichen Körpern. Ich zum Beispiel war immun, wenn ich mich in eine Frau verwandelt hatte. Und wir sind hier ja deutlich mehr Frauen als Männer. Sie hätte es also nicht so leicht, wenn sie hier was versuchen würde."
"Klingt so, als würdest du dafür stimmen", merkte Alex an. "Ich dachte, du hättest mir empfohlen, die Finger von ihr zu lassen."
"Ich muss zugeben, ich bin neugierig", sagte Steffen. "Vielleicht hat sie sich wirklich gewandelt. Falls ja, dann wäre sie eine echte Bereicherung für uns. Sie ist von ihren Kräften her mindestens Rang 2, wenn nicht Rang 3. Neben dem Verführen hat sie noch eine ganze Reihe anderer Kräfte drauf, die wir sowohl für eine Ablenkung als auch für die Rekrutierung von neuen Verbündeten gut brauchen könnten. Mindestens mal mit ihr reden würde ich schon gerne."
Tom presste die Lippen zusammen. "Ich hab ein ungutes Gefühl bei ihr", meinte er. "Aber ich kenne sie im Gegensatz zu dir nicht persönlich. Vielleicht ist ein Treffen eine gute Idee. Aber lass uns vorher mit Lorena sprechen. Über neue Mitbewohner entscheidet sie letzten Endes selbst."
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