Leidet Steffen jetzt an Alzheimer?
Wenn es nur das wäre...
Alex starrte ihn an. "Tu nicht so blöd. Ich war dabei, als du's getan hast."
"Als ich was getan hab?"
"Connor aus seinem Zimmer gelassen. Obwohl Tom meinte, es wäre ne blöde Idee."
Steffen starrte zurück, sekundenlang, schweigend. Dann, ohne den Blick von Alex zu lösen, sprach er wieder. "Dao?"
Die junge Asiatin schrak zusammen. "W-Was?"
"Geh bitte auf dein Zimmer", bat Steffen. "Sprich mit niemandem über das, was passiert ist. Wir kommen in ein paar Minuten zu dir, okay?"
"Okay." Dao wirkte sehr verunsichert. "Was habt ihr vor?"
Steffens Blick glitt nun doch zurück zu ihr. "Roadie und ich müssen mal eben was klären. Privat."
Als Dao die Tür hinter sich geschlossen hatte, atmete Steffen einmal tief durch. "Du warst also dabei", sagte er, "als ich BM aus seinem Zimmer rausgelassen hab."
"Du meintest, wenn er eingesperrt ist, können wir schlecht rauskriegen, ob er sich immer noch seltsam verhält", erzählte Alex. "Darum hättest du allen eine Nachricht im Gruppenchat geschickt, dass sie darauf achten sollten, wie er sich bei ihnen benimmt."
"Kann ich die Nachricht mal sehen?" bat Steffen.
Alex holte sein Handy heraus. "Hm. Mir hast du sie wohl nicht geschickt. Aber wir hatten auch gerade erst darüber gesprochen. Und andere Leute haben die Nachricht bekommen, Jessie zum Beispiel. Wobei-" Er sah auf. "Warum wusste Dao nichts von der ganzen Sache?"
Steffen zuckte mit den Schultern. "Leicht zu erklären: sie hat noch kein Handy von uns. Aber..." Er zog sein eigenes Telefon hervor. "Siehst du? Ich hab die Nachricht auch nicht! Mit Sicherheit hab ich sie nicht geschickt, es sei denn... Hab ich sie bei mir vielleicht wieder gelöscht?"
"Warum solltest du das tun?"
"Mir fallen nur zwei Gründe ein." Steffen steckte das Handy wieder weg. "Entweder ist Connor nicht der einzige, der hier unter einer fremden Beeinflussung steht. Vielleicht tue ich das auch. Allerdings glaube ich, das widerlegen zu können. Ich hab nämlich seit meinem Gespräch mit dir vorhin mein Zimmer nicht verlassen und war quasi die ganze Zeit mit Pandora im Austausch. Die meinte übrigens, sie würde auf Anhieb nichts sehen, was auf Kommunikation von außerhalb mit dem Safehouse schließen lässt. Ich kann sie gerne mal fragen, ob ich mir den Kontakt mit ihr nur eingebildet habe, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass das nicht der Fall ist."
Alex überlegte kurz. "Und was ist der zweite Grund?"
Steffen sah ihn ernst an. "Der zweite Grund, warum ich so was tun sollte, ist, dass ich es gar nicht war, sondern jemand anderes."
"Was?!"
"Ich glaube fast, hier im Haus gibt es außer mir noch einen Gestaltwandler."
Steffen hatte einen Punkt: Wenn es außer ihm noch einen Gestaltwandler gab, dann erklärte das gleich zwei Dinge. Erstens, wieso er angeblich Connor aus seinem Zimmer hatte herauslassen sollen, zweitens, warum Connor behauptet hatte, seinen Schwimmbadplan mit Lorena besprochen zu haben, obwohl sie das bestritt. Die Frage war, wie man diesen Gestaltwandler jetzt fand, wenn er tatsächlich glaubwürdig die anderen Hausbewohner imitieren konnte. Alex fand das schwierig, für Steffen war die ganze Sache aber vollkommen klar: "Das beste Mittel gegen einen Gestaltwandler ist, wenn alle wissen, dass es einen gibt und auf ihn achten können. Also rufen wir alle zusammen und sagen es ihnen."
"Also vorerst ist es ja mal eine Theorie, dass wir jemand Fremden hier drin haben, der aussieht wie wir", warf Alex ein. "Willst du wirklich so eine Art Hexenjagd lostreten, in der keiner mehr dem anderen traut?"
"Roadie, wir trauen einander schon jetzt nicht", erinnerte ihn Steffen. "BM dachte, wir wollten ihn in was reinreiten, Viktor ist ein massiver Unsicherheitsfaktor, und sogar Syren fängt neuerdings an, sich komisch zu benehmen. Ich glaube, viel schlimmer können wir's nicht mehr machen, wenn wir jetzt die anderen über den Verdacht informieren."
Alex seufzte. "Hoffentlich behältst du recht."
Auf den ersten Blick sah es nicht so aus.
Als Steffen mit seiner Ansprache an die anderen fertig war - er hatte erklärt, wie Tom von einem anderen Gestaltwandler zu seiner Aktion im Schwimmbad angestiftet worden war - sahen sich alle unruhig gegenseitig an, als würden sie nach irgendwelche Anzeichen suchen, dass jemand nicht der war, als der er sich ausgab. Alex hatte genau das befürchtet: wenn Leute nach etwas Verdächtigem Ausschau hielten, dann würden sie auch etwas finden, und es würde nicht mehr lange dauern, bis sie sich gegenseitig haltlose Vorwürfe machen würden.
"Ich hab da mal eine Frage", meldete sich unvermittelt Malia zu Wort. "Wenn ein Gestaltwandler uns kopiert, hat er dann auch unsere Kräfte? Also, könnten wir einen erkennen, weil er etwas nicht kann, das er können sollte?"
"Ich zumindest kann das nicht", sagte Steffen. "Wenn ich in die Haut von jemandem schlüpfe, dann kopiere ich zwar seine Körperkraft und seine Beweglichkeit, aber keine erlernten Fähigkeiten. Schon, wenn ich im selben Tonfall reden will, muss ich mir Mühe geben, den auch gut zu imitieren, und das Gleiche gilt für kleine Gesten, Gesichtsausdrücke, Eigenheiten - die muss ich erlernen. Und paramenschliche Fähigkeiten kann ich nicht kopieren. Aber ich will nicht ausschließen, dass es Gestaltwandler geben könnte, deren Kräfte stärker sind als meine."
Jessie sah sich nervös in der Runde um. "Weiß jemand, wo Connor steckt? Ich mache mir ein bisschen Sorgen um ihn, wenn er von diesem... diesem Spion manipuliert wurde."
Steffen schüttelte den Kopf. "Connor brauchst du nicht zu suchen, der ist nicht hier. Und sollte er dir in den nächsten Tagen über den Weg laufen, kannst du dir sicher sein, dass das unser Gestaltwandler ist."
"Warum das denn?" Asha sah ihn verständnislos an. "Was meinst du, Connor ist nicht hier? Erst heute-"
"Im Moment ist das wirklich nicht wichtig", unterbrach Steffen sie, "und bitte entschuldige, wenn ich jetzt so schroff bin, aber wir müssen uns hier konzentrieren. Solange jemand unter uns Verwirrung stiftet, sind wir in wirklich großer Gefahr!"
Einen Moment herrschte betretenes Schweigen in der Runde, und den Moment nutzte Alex, um selbst das Wort zu ergreifen. "Es ist ja nicht so, dass wir keine Anhaltspunkte hätten, was dieser Doppelgänger noch so getan hat. Er hat zum Beispiel anscheinend eine Nachricht in Steffens Namen alle verschickt, in der er alle aufgefordert hat, wegen Connor vorsichtig zu sein. Wenn wir rauskriegen, wie er Steffens Account imitiert hat-"
Tamara hob die Hand. "Hat er doch gar nicht", sagte sie. "Die Nachricht kam nämlich nicht von Steffen, sondern von Mama."
"Von mir?" Lorena sah sie erschrocken an. "Ich hab keine Nachricht verschickt! Warte..." Sie zog ihr Telefon hervor, und ihre Augen wurden groß. "Was zum... Anscheinend habe ich das doch, aber vorhin - da habe ich gerade gebadet! Da war mein Handy auf meinem Zimmer!"
"Das heißt", meldete sich Tom zu Wort, "es ist jemand, der wusste, wo dein Handy liegt, wenn du nicht im Zimmer bist, richtig? Und jemand, der dort ein- und ausgeht, ohne dass man das komisch findet."
Lorena nickte. "Allerdings... Wenn das ein Gestaltwandler war, dann kann er in dem Moment so ausgesehen haben wie ich. Das heißt, niemand hätte deswegen einen Verdacht geschöpft."
Tom überlegte kurz, dann nickte er. "Muss er sogar, wenn er deine Handysperre damit überwunden hat."
"Na, zumindest ich könnte das nicht", gab Steffen zu bedenken. "Hathor, du nutzt doch auch deinen Fingerabdruck, oder? Pandora hat doch jedem verboten, die Gesichtserkennung zu verwenden. Und Fingerabdrücke kann ich nicht kopieren. Kann mir auch nicht vorstellen, dass das für einen Gestaltwandler irgendwie machbar ist."
"Fingerabdruck oder Passwort", bestätigte Lorena. "Und mein Passwort kennt außer mir niemand."
Da plötzlich schnippte Tom mit den Fingern. "Jetzt verstehe ich! Ha! Leute, ihr braucht euch keine Sorgen zu machen, dass jemand Fremdes unter uns ist. Ich bin mir sicher, dieser Gestaltwandler, das ist einer aus unseren eigenen Reihen!"
Steffen sah irritiert zu ihm. "Willst du behaupten, ich wäre es gewesen?"
"Nein", sagte Tom. "Aber vielleicht will die Person ja selbst aufklären, warum sie so ein Chaos bei uns anrichtet. Also, was hast du zu sagen, Steffi?"
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